Flensburg vs. Löwen: Der irre Titel-Krimi im Video
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SPORT1-Kolumnist Daniel Stephan bilanziert die Bundesligasaison und das internationale Abschneiden der deutschen Klubs. Er fordert die Verpflichtung von Stars.

Liebe Handballfreunde,

was für ein spannendes Saisonfinale! Mein herzlicher Glückwunsch geht nach Flensburg. Wer nach 34 Spieltagen ganz oben steht, hat es verdient. Auch wenn es für alle – wahrscheinlich auch für die Flensburger selbst - überraschend kam, dass sie die Meisterschaft am letzten Spieltag aus eigener Kraft gewinnen konnten. Doch sie haben die Chance bekommen und genutzt. Sie und insbesondere ihr Trainer Maik Machulla sind die Gewinner der Saison: Im Debütjahr bei den Flensburgern wird Machulla gleich Deutscher Meister.

Die Flensburger hatten leichte Startschwierigkeiten. Doch das ist normal. Als neuer Trainer muss man sein eigenes System erst einmal rüberbringen. Machulla wurde von der Mannschaft akzeptiert, das hat man gesehen. Er hat das Team geführt. Er hat den Entwicklungsprozess hervorragend geleitet und die Mannschaft und sein System weiterentwickelt. Der Gewinn der Meisterschaft ist das i-Tüpfelchen.

Im Gegensatz dazu war die Saison für den Titelverteidiger Rhein-Neckar Löwen tragisch. Im Vorfeld der HBL-Saison hatte man die Löwen, Flensburg, Kiel und Berlin als Meisterschaftsfavoriten ausgemacht. Im Laufe der Spielzeit hat sich eigentlich herauskristallisiert, dass die Löwen oben stehen würden. Nachdem sie den Ausfall ihres Abwehrchefs Gedeon Guardiola kompensiert haben, hätte auch ich gedacht, dass sie Meister werden. Aber sie haben überraschenderweise Federn gelassen, haben gegen Melsungen das entscheidende Spiel aus der Hand gegeben.

Man hat auch gesehen, dass ihr Spiel von einem Mann abhängig ist: Spielmacher Andy Schmid. Als er gegen Melsungen nicht gut spielte, sah man, dass die Löwen auch keine Wahnsinns-Spitzenmannschaft mehr sind. Sie wirkten selbst überrascht, dass sie den Titel nochmal aus der Hand geben haben.

(Der Länderspiel-Doppelpack am Mittwoch ab 17.25 Uhr LIVE im TV auf SPORT1)

Mit dem Termin-Konflikt bei der Champions League wurde es eine äußerst bittere Saison für die Löwen. Sie haben die Königsklasse aufgegeben, um Meister zu werden. Der Titelverteidiger war der Leidtragende eines Streits zwischen den Verbänden, die sich nicht einigen konnten. Davon müssen sie sich nun erholen und ihre Wunden lecken. Sie haben trotzdem eine gute Saison gespielt und drei Jahre lang die Liga dominiert. Sie sind ein tolles Team und werden in der neuen Saison wieder zu den Favoriten zählen.

Auch der THW Kiel ist mit anderen Ambitionen gestartet und wird mit dieser Saison nicht zufrieden sein. Sie haben hart gekämpft, aber die Qualität hat einfach nicht ausgereicht. Zudem hatten die Kieler Verletzungspech und im Umfeld des Vereins herrschte viel Unruhe. Trotzdem muss man mit dem Kader ein Wörtchen im Titelkampf mitreden.

Zum zweiten Mal hintereinander war aber kein deutsches Team beim Final Four der Champions League in Köln dabei: Da läuten die Alarmglocken. Die Topstars wandern nach Ungarn oder Polen ab, dort müssen sie sich in der Liga nicht aufreiben, spielen international und trotzdem in der Nationalmannschaft.

Flensburg vs. Löwen: Der irre Titel-Krimi im Video

Besonders im Kommen ist die französische Liga. Gleich drei ihrer Vereine waren bei den Finals dabei. Doch auch wir müssen uns mit der Bundesliga nicht verstecken, müssen aber hart arbeiten, um wieder ranzukommen. Man muss mehr Qualität verpflichten und nicht nur in die Breite gehen. Wir brauchen wieder Top-Stars. Die Bundesliga hat immer noch sehr hohe Qualität. Wir sind nicht weit weg.

Ich hoffe und drücke die Daumen, dass wir nächstes Jahr wieder eine deutsche Mannschaft in Köln vertreten haben. Flensburg, Kiel und die Löwen hätten auch in diesem Jahr das Potenzial gehabt, international oben mitzuspielen.

Euer Daniel Stephan

SPORT1-Kolumnist Daniel Stephan, 44, hat 183 Länderspiele für Deutschland absolviert. Der erste deutsche Welthandballer (1998) wurde mit dem TBV Lemgo 1997 und 2003 Deutscher Meister sowie 1995, 1997 und 2002 DHB-Pokalsieger. Mit der Nationalmannschaft gewann der Rückraumspieler unter anderem 2004 die Europameisterschaft und Silber bei Olympia in Athen. Von 1997 bis 1999 wurde er dreimal in Folge zum Handballer des Jahres gewählt.

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