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München - Mit Silvio Heinevetter ist der MT Melsungen ein echter Coup auf dem Transfermarkt gelungen. Trotz seines Alters soll er den ambitionierten Klub auf ein neues Niveau verhelfen.

Schon seit Jahren hat sich die MT Melsungen im Schatten der Top-Vereine etabliert, seit 2012 ist sie stets unter den Top Ten der Handball-Bundesliga zu finden. 

Andererseits sprang mehr als Platz vier in der Saison 2016/2017 bislang nicht heraus. Zweimal erreichte der Verein aus der hessischen 13.500-Einwohnergemeinde im DHB-Pokal das Halbfinale, im EHF-Cup war 2015 im Viertelfinale Schluss.

Das Vereinsmotto im ablaufenden Jahrzehnt könnte demnach lauten: Zu gut fürs Mittelfeld - doch ganz an die Spitze reicht es nicht. 

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Melsungens Entwicklung stagniert

Wer jedoch die ambitionierten Pläne des Bundesligisten kennt, weiß, dass die Verantwortlichen schon seit geraumer Zeit mit der sportlichen Entwicklung nicht ganz zufrieden sind. Bereits vor einem Jahr hatte Vorstand Axel Geerken den Stillstand moniert. "Wir treten auf der Stelle", konstatierte er - und dies, obwohl man die drei Europameister Julius Kühn, Tobias Reichmann und Finn Lemke nach Melsungen gelockt hatte.

"Die Melsunger sind neben dem THW Kiel der Maßstab in der Kader-Breite", sagte RN-Löwen-Trainer Nikolaj Jacobsen vor der Saison. Doch auch dieses Mal wird Melsungen nicht die Champions-League-Ränge erreichen - und spätestens jetzt ist klar: Aufwand und Ertrag stimmen nicht mehr überein.

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Der vom Pharma- und Medizinunternehmen B. Braun finanziell unterstützte Klub verfügt nach Schätzungen aus der Branche längst über den zweitgrößten Etat der Liga hinter dem THW Kiel, sodass der Angriff auf die erweiterte Spitze nicht länger herausgezögert werden darf.  

Schon vor etwa einem Jahr wurde es deshalb im beschaulichen Melsungen ungemütlich. Aufsichtsratschefin Barbara Braun-Lüdicke entließ den langjährigen Cheftrainer Michael Roth und installierte Co-Trainer Heiko Grimm als dessen Nachfolger. 

"Es lief lange sehr angenehm und reibungslos. Aber im Laufe der Zeit hatten sich einige Komfortzonen gebildet. Die Trennung war alternativlos", sagte sie und wollte damit den Erneuerungsprozess einleiten. 

Mit Heinevetter in die Champions League?

Doch auch in der laufenden Saison mussten die Nordhessen den Kontakt zu den Platzhirschen Flensburg, Kiel, Magdeburg und Rhein-Neckar Löwen frühzeitig abreißen lassen. Aktuell steht das Team auf Platz fünf, der Zug nach oben ist längst abgefahren. Auch gebeutelt vom Verletzungspech blieb das Team erneut unter den Erwartungen, sodass nun die nächste Stufe gezündet wird.

Am Montag verkündete der Klub, dass Nationaltorwart Silvio Heinevetter ab dem Sommer 2020 von den Füchsen Berlin nach Melsungen wechselt - angesichts der Popularität des 34-Jährigen ein echter Paukenschlag.  

"Er ist eine absolute Persönlichkeit und auch eine der schillerndsten Personen im deutschen Handball überhaupt. Außerhalb des Spielfeldes ist er ein ruhiger, aber mit einer klaren Meinung versehener Zeitgenosse", charakterisiert Geerken den Neuzugang bei SPORT1: "Er ist zudem ein Spieler, der unbedingt gewinnen will, das dann an der ein oder anderen Stelle mal zu einer emotionalen Reaktion führt, wovon wir aber glauben, dass wir das gebrauchen können. Zudem sind wir der Meinung, dass er in den letzten Jahren etwas weiser geworden ist."

Auch sein fortgeschrittenes Alter - wenn Heinevetter erstmals für Melsungen auflaufen wird, ist er fast 36 - war kein Grund für die MT, von einer Verpflichtung abzusehen. "Wir erwarten von ihm gute Leistungen, obwohl er schon ein wenig älter ist. Das ist aber nicht so entscheidend", betont Geerken. Es ging vor allem darum, "dass wir zusätzlich zu unserem noch etwas jüngeren Torhüter Nebojsa Simic nach einem erfahrenen Torhüter umschauen."

Um Heinevetter aus der Hauptstadt in die Provinz zu locken, war einiges an Überzeugungsarbeit notwendig. "Wir waren uns nicht sicher, ob aus dem Transfer etwas wird, da Silvio Heinevetter in Berlin sehr stark verwurzelt ist", erzählt Geerken.

Doch nun soll mit Heinevetter sportlich der nächste Schritt vollzogen werden. "Unser Ziel ist es, in den nächsten Jahren in die Top fünf zu kommen, was schwierig genug ist, da noch einige Mannschaften deutlich vor uns stehen", sagt Geerken.

"Haben ein gutes Grundgerüst"

Schon im März hatten die Nordhessen ihre Transferoffensive der vergangenen Jahre fortgesetzt und sich mit Nationalspieler Kai Häfner verstärkt. Der 29-Jährige wechselt ebenfalls 2020 von der TSV Hannover-Burgdorf nach Melsungen. Angeblich ist der Klub gewillt, den Rückraumspieler schon zur neuen Saison aus seinem Vertrag in Hannover zu kaufen.

So oder so: Mit diesen spektakulären Transfers unterstreicht Melsungen seine Ambitionen. Dass der Verein auffällig viele gestandene deutsche Nationalspieler verpflichtet, ist nicht etwa Ergebnis einer festgelegten Strategie.

"Wir spielen in der Bundesliga und haben einen deutschen Trainer, deshalb stehen deutsche Spieler vielleicht ein bisschen mehr im Fokus. Generell ist es aber so, dass die Qualität entscheidend ist", betont Geerken und fügt an: "Man kann nicht von einer ausgesprochenen Strategie in dieser Hinsicht sprechen. Dennoch freut es unsere Fans und unsere Partner, wenn deutsche Spieler unter den Neuverpflichtungen sind."

Anfang April sagte der Vorstand der HNA: "Der Weg in die nationale Spitze wird nicht leicht. Deshalb sind wir dabei, den Kader in die richtige Richtung zu bringen. Wir haben aber schon jetzt ein gutes Grundgerüst, auf dem wir aufbauen können."

Mit Heinevetter und Häfner sollten die Träume der Melsungener in ein paar Jahren in Erfüllung gehen - ansonsten könnte es wieder ungemütlich werden.

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