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Ljubomir Vranjes trainiert inzwischen den schwedischen Erstligisten IFK Kristianstad
Ljubomir Vranjes trainiert inzwischen den schwedischen Erstligisten IFK Kristianstad © Imago
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München - Der ehemalige Flensburger Trainer Ljubomir Vranjes spricht vor dem Nordderby über die Schlüsselduelle und die Krise der deutschen Klubs in der Champions League.

Es ist wieder Derby-Zeit im Norden! 

Am Sonntag empfängt der Zweitplatzierte THW Kiel in der Ostseehalle den Tabellenführer aus Flensburg (Handball, Bundesliga: THW Kiel - SG Flensburg-Handewitt ab 14.30 Uhr im LIVETICKER) und möchte den Titelkampf in der Handball-Bundesliga mit einem Sieg weiter spannend halten.

Einer, der diese Derby-Atmosphäre bestens kennt, ist Ljubomir Vranjes. Der Schwede trainierte Flensburg von 2010 bis 2017 und gewann unter anderem die Champions League. Aktuell trainiert der 46-Jährige den schwedischen Erstligisten IFK Kristianstad.

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Im SPORT1-Interview spricht über die entscheidenden Faktoren im Nordderby, was eine Pleite für Flensburg bedeuten würde, das deutsche Abschneiden in der Champions League und seine Zukunft. 

SPORT1: Herr Vranjes, der THW Kiel kann mit einem Sieg im Derby bis auf zwei Punkte herankommen, worauf müssen die Kieler in der Partie ein besonderes Augenmerk legen?

Ljubomir Vranjes: Die Kieler müssen eine sehr gute Abwehr im Verbund mit den Torhütern hinstellen. Im Angriff dürfen sie keine einfachen technischen Fehler machen, weil die Flensburger im Konter sehr gut sind und diese schnell bestrafen. Aber Kiel hat derzeit einen sehr guten Lauf und seit Februar nur ein Spiel verloren. Außerdem haben sie den Heimvorteil in ihren Händen, was ein Riesenvorteil für sie ist.

SPORT1: Worin liegt der Vorteil der Flensburger?

Vranjes: Sie haben die Saison über sehr stabil gespielt. Seit Februar haben sie zwar einige Spiele verloren, aber sie haben einen unglaublichen Mannschaftsgeist, der sie trägt. Sie müssen auch nicht unbedingt gewinnen, weil sie ja einen Vorsprung haben.

Vranjes: Dieses Duell entscheidet im Nord-Derby

SPORT1: Was sind die Schlüsselduelle aus Ihrer Sicht?

Vranjes: Das Torhüter-Duell ist das Entscheidende. Denn die Paraden verleihen der Abwehr Sicherheit und im Angriff kann man befreiter aufspielen. Ich sehe dort einen Vorteil bei Kiel, da Niklas Landin in wichtigen Spielen meistens noch einmal eine stärkere Leistung zeigt.

SPORT1: Flensburg spielt eine herausragende Saison in der Bundesliga und hat erst eine Niederlage kassiert. Was sind die Faktoren für diese Leistung?

Vranjes: Sie haben sehr klare Strukturen in Abwehr und Angriff und profitieren von ihrem guten Mannschaftsgeist. Ein Maik Machulla weiß genau, wie man mit den Spielern umgehen muss. Das macht viel aus, denn wenn alle Spieler mitziehen, kommt der Zug ins Rollen.

"Schwierigkeiten zu sehen, wo Flensburg noch patzt"

SPORT1: Selbst wenn Kiel das Duell gewinnt, sind es immer noch zwei Punkte Rückstand. Wie groß ist die Chance, dass Flensburg in den restlichen vier Spielen noch patzt?

Vranjes: Ich habe Schwierigkeiten zu sehen, wo Flensburg noch patzen sollte. Melsungen ist eine gute Mannschaft, für Stuttgart geht es auch noch um viel, Berlin ist immer für eine Überraschung gut und der Bergische HC spielt eine herausragende Saison. Aber Flensburg hat einfach viel Selbstvertrauen und will unbedingt die Meisterschaft erreichen.

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SPORT1: Ist das Flensburger Ausscheiden in der Champions League ein Dämpfer?

Vranjes: Meiner Meinung nach macht das nicht viel aus. Das ist eine mentale Sache. Sie haben mehrere Spiele verloren, aber das waren keine Spiele, die du gewinnen musst. Denn der Fokus liegt auf der Bundesliga. Sie hatten jetzt ein paar Tage Ruhe, um mental und handballerisch wieder in die Spur zu kommen.

Krise im deutschen Handball: "Es muss etwas verändert werden"

SPORT1: Durch das Flensburger Ausscheiden verpassen die deutschen Teams erneut das Final Four in der Champions League. Worin sehen Sie die Ursache für diese Entwicklung?

Vranjes: Es muss etwas verändert werden, wenn man wieder dort hinkommen möchte. Beispielsweise würde eine Verkleinerung der Liga helfen, die Belastungen besser wegzustecken. Im Laufe einer Saison gibt es neben der Liga mit dem Pokal und weiteren Wettbewerben viele Spiele. Am Ende einer Saison mit 18 Mannschaften sind die Spieler der Top-Mannschaften dann ausgelaugt. Doch erst jetzt geht es um die Titel, da sollte man fit sein. Das könnte eine Ursache sein.

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SPORT1: Ist die Belastung zu hoch?

Vranjes: Das Thema existiert bereits seit mehreren Jahren und schon länger wird immer wieder Alarm geschlagen. Aber man hat einen Weg gewählt und den zieht man jetzt durch.

SPORT1: Sie sind aktuell Trainer in ihrer schwedischen Heimat bei Kristianstad. Was sind dort Ihre Ziele?

Vranjes: Der Verein möchte einen neuen Weg gehen und auf eigene Talente setzen. Das ist sehr interessant, aber auch eine große Herausforderung. Außerdem wollen wir weiter um die Meisterschaft mitspielen.

So plant Vranjes seine Zukunft

SPORT1: Ihr Vertrag in Kristianstad läuft noch bis 2022. Wie geht es danach für Sie weiter? Ist eine Rückkehr nach Deutschland oder einen Job als Nationaltrainer für Sie reizvoll?

Vranjes: Ich werde jetzt erst einmal ein Jahr in Ruhe in Schweden arbeiten, wo ich meine Freude wieder zurückbekomme. Anschließend weiß ich noch nicht, was die Zukunft bringen wird. Ich bin offen für viele Sachen und liebe Handball. Wir werden sehen, in welche Richtung das geht.

SPORT1: "Freude zurückbekommen" - was meinten Sie damit?

Vranjes: Man muss Freude haben, wenn man arbeitet. Die Rückkehr nach Schweden war richtig und wichtig für mich. Ich habe sie bereits gefunden, allein durch die Tatsache, dass ich nach 20 Jahren wieder in Schweden wohne.

SPORT1: War auch das Ende Ihrer Tätigkeit in Veszprém, das nicht freiwillig war, ein Auslöser dafür?

Vranjes: Ich habe dort eine wichtige Erfahrung als Coach und Mensch gesammelt, die ich in Ruhe verarbeiten muss.

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