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Andreas Wolff (l.) und Johannes Bitter stehen beim deutschen Nationalteam in der Kritik
Andreas Wolff (l.) und Johannes Bitter stehen beim deutschen Nationalteam in der Kritik © Imago
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München und Trondheim - Das DHB-Team zittert sich in die EM-Hauptrunde. Das liegt auch am ungewöhnlich schwachen Torwart-Duo. Bundestrainer Prokop überrascht mit deutlicher Kritik.

Einer aus 22 – also nicht einmal fünf Prozent.

Das ist die Quote gehaltener Bälle von DHB-Torhüter Andreas Wolff in den vergangenen beiden Partien gegen Spanien und Lettland. Für einen Weltklasse-Torhüter wie Wolff eine unterirdische Bilanz.

Das große Problem für das DHB-Team - der zweite Torhüter Johannes Bitter hat im Turnierverlauf mit 24 Prozent eine noch schlechtere Bilanz als Wolff (25 Prozent), der zumindest gegen Oranje überzeugte.

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Zum Vergleich: Die besten 15 Torhüter des Turniers liegen bei über 30 Prozent, Spitzenreiter Andreas Palicka aus Schweden wartet sogar mit starken 42 Prozent auf (30 von 71).

Schwarzer: Torhüter entscheiden über Medaillen

In der Vorrunde gegen die mäßigen Gegner Niederlande und Lettland war dies noch nicht entscheidend, doch Ex-Weltmeister Christian Schwarzer sagte bereits vor Turnierstart bei SPORT1: "In der Weltspitze, wenn es um die Medaillen geht, werden bei allen Teams die Torhüter ausschlaggebend sein." 

Einen Vorgeschmack auf diese Prognose gab es in der Toppartie gegen Spanien, als deren Spitzenkeeper Gonzalo Pérez de Vargas das Torhüterduell mit Wolff und Bitter klar für sich entscheiden konnte und großen Anteil am klaren Sieg der Spanier hatte.

"Wolff hat gegen die Niederlande sehr, sehr gut gehalten. Jetzt muss man ihm auch einen schwachen Tag zugestehen. Das ist natürlich unglücklich, das weiß er selber", sagte der ehemalige Welthandballer Daniel Stephan danach noch bei SPORT1

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Wolff hält gegen Lettland keinen Ball

Doch leider blieb es bei diesem einem schwachen Tag nicht. Gegen Lettland hielt Wolff keinen einzigen der sechs Versuche auf sein Tor – und auch Bitter versuchte vergeblich, sich in einen Rausch zu spielen. Am Ende waren es nicht einmal 20 Prozent gehaltener Bälle, fünf aus 26.

"Es gab Höhen und Tiefen. Auch ich habe mich nicht richtig freischwimmen können. Gefühlt war das alles ein bisschen verkrampft", zeigte sich Bitter selbstkritisch.

Wolff war so frustriert, dass er nichts mehr sagen wollte. Mit grimmigem Blick marschierte der Torhüter der deutschen Handballer durch die Katakomben der Spektrum Arena in Trondheim.

Fritz nimmt Wolff und Bitter in Schutz

Für Torhüter-Legende Henning Fritz tragen aber nicht Wolff und Bitter alleine Schuld. 

"Die gesamte Mannschaft hat noch nicht ihren Rhythmus gefunden. Viele Spieler müssen noch in den Flow kommen. Dafür ist jeder Einzelne verantwortlich - aber natürlich auch das Trainer-Team", sagte Fritz bei SPORT1: "Es muss ein Umfeld geschaffen werden, in dem jeder seine Topleistung bringen kann."

Gerade in Sachen Trainer fehlt allerdings zumindest öffentlich die klare Rückendeckung.

Prokop: "Defizit auf Torhüterposition"

Bundestrainer Christian Prokop wurde stattdessen auffällig deutlich, wenn es um Kritik an seinen Torhütern ging. "Wir hatten ein Defizit auf der Torhüterposition", erklärte er schon nach der Spanien-Klatsche.

Nach dem Zittersieg gegen Lettland sagte Prokop erneut unverblümt: "Wir haben am Ende nicht so viel Hilfe aus dem Tor herausbekommen." In Richtung Wolff meinte der Coach: "Er hat sich mit Sicherheit einen anderen Job vorgestellt."

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Kritik von Fritz am Bundestrainer

Für Fritz sind diese harten Aussagen der falsche Weg.

"Jede Form der Kritik sollte man aus meiner Sicht intern aussprechen", betont der Weltmeister von 2007: "Jeder, der die Spiele gesehen und Ahnung vom Handball hat, sah, was nicht funktioniert hat. Leistung auf diesem Niveau funktioniert über Vertrauen. Das gibt man sich über Aktionen, aber auch über die Kommunikation." Und eben diese warf beim Bundestrainer in der T-Frage zuletzt Fragen auf.

Prokop überrascht mit Torwart-Tausch

Für Verwunderung sorgte Prokop auch damit, als er gegen Spanien den für Wolff reinkommenden und sehr stark haltenden Bitter zu Beginn der zweiten Hälfte wieder auf die Bank setzte.

"Jeder Trainer sollte ein Gefühl für seine Spieler bekommen, wie jeder tickt. Es ist kein Geheimnis, dass wenn es bei einem gut läuft, man nicht unbedingt wechseln muss. Da hat aber jeder seine eigene Philosophie", sagte Fritz dazu.

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Damit die Torhüter nun das nötige Selbstvertrauen erlangen, seien alle gefordert: "Es geht darum, dass die Trainer, Therapeuten, Mannschaft und der Torwartkollege sich dieses Vertrauen geben. Aber dafür gibt es keine Schablone."

Fritz: Wolff soll von Beginn an ran

Obwohl Wolff zuletzt zweimal neben sich stand, plädiert Fritz dafür, ihn zum Start der Hauptrunde gegen Weißrussland (Handball-EM: Deutschland - Weißrussland, Donnerstag ab 18.15 Uhr im LIVETICKER) wieder von Beginn an auflaufen zu lassen. "Das Thema Selbstvertrauen spielt eine wichtige Rolle. Andreas Wolff ist einer, der spielen will und spielen muss."

Ob Prokop dies genau sieht, wird sich zeigen. Aber auch der Bundestrainer betont, dass es nur mit einem Torhüter-Duo in seiner alten Form geht: "Ich mache mir keine Sorgen. Wenn wir unsere Abwehr- und Torhüterleistung wieder auf ein richtig gutes Niveau bringen, dann ist es schwer, uns zu schlagen."

Beim Auftakt in Wien hoffen die Keeper wie das gesamte deutsche Team auf einen Turnier-Neustart. "Die Vorrunde war unser Aufgalopp. In Wien geht das Turnier jetzt richtig los", sagte Bitter. Auf ihn und Wolff wird es nun vor allem ankommen.

"Wir brauchen jetzt auch die überragende Leistung der Torhüter", forderte DHB-Vizepräsident Bob Hanning und betonte: "Wir haben noch genug Potenzial nach oben."

Dieses muss das deutsche Tor-Duo nun abrufen -  sonst könnte es bereits zum Hauptrundenauftakt gegen Weißrussland eine böse Überraschung geben und der Halbfinal-Traum schnell platzen.

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