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Christian Schwarzer zieht vor der Hauptrunde bei der Handball-EM eine Zwischenbilanz
Christian Schwarzer zieht vor der Hauptrunde bei der Handball-EM eine Zwischenbilanz © SPORT1-Grafik/Getty Images
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Christian Schwarzer bewertet den bisherigen EM-Auftritt der DHB-Auswahl mit gemischten Gefühlen. Positiv sieht er, dass es eigentlich nur besser werden kann.

Hallo Handball-Fans,

vorweg das Wichtigste: Deutschland steht in der Hauptrunde der Europameisterschaft. Und wenn man sieht, dass Frankreich und Weltmeister Dänemark bereits raus sind, ist das tatsächlich der wichtigste Fakt.

Was dagegen weniger positiv stimmt, sind die bisher gezeigten Leistungen der DHB-Auswahl. Diese waren alles andere als optimal und daher kann es eigentlich nur besser werden. (Spielplan der Handball-EM)

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Steigerungspotential in allen Mannschaftsteilen

Angefangen bei den beiden Torhütern über die Abwehr bis in den Angriff – in allen Mannschaftsteilen besteht noch großes Steigerungspotential. Die Jungs haben schon gezeigt, dass sie es können. Sie müssen es nur jetzt auch mal auf die Platte bringen.

Andreas Wolff konnte bislang nur in der entscheidenden Phase gegen die Niederlande, wo es Spitz auf Knopf stand und die Niederlande vielleicht sogar hätte ausgleichen können, wirklich überzeugen. Da hat er gezeigt, wozu er im Stande ist. Johannes Bitter hat teilweise ins Turnier gefunden, aber auch er kann deutlich besser halten.

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Leider hat auch unser Prunkstück, die Abwehr, einige Schwächen erkennen lassen. Teilweise war man im Zweikampfverhalten nicht konsequent genug, dann stimmte die Kooperationsleistung zwischen Abwehr und Torhütern bei Würfen aus dem Rückraum mit Blockeck nicht. Daher geht es jetzt darum, noch einmal eine stabilere Abwehr hinzustellen.

Im Angriff würde ich mir wünschen, dass wir noch mehr Tempospiel machen. Gerade, wenn man offensichtlich Probleme hat, gegen eine formierte Abwehr anzugreifen, und da die Dinge noch nicht so funktionieren, muss man seine Tore aus der ersten oder zweiten Welle machen.

Gensheimer irritiert mit Aussage

Was mich irritiert hat, war die Aussage von Uwe Gensheimer, der nach dem Spiel gegen Lettland meinte, man müsse die Ansprüche nun runterschrauben.

Da gibt es eine Diskrepanz zu den Aussagen der Offiziellen, von denen das Halbfinale gefordert wird. Wenn dann aus der Mannschaft, vom Kapitän, so eine Aussage kommt, finde ich das merkwürdig. Denn die Jungs haben ja selbst ein Gefühl, welche Leistungen sie bringen können.

Vielleicht sollten die die Beteiligten einmal untereinander abstimmen, was sie jetzt schlussendlich wollen. Derlei unterschiedliche Aussagen sind unglücklich.

Deutschland beinahe zum Siegen verdammt

Mut macht, dass es eigentlich nur besser werden kann. Es kann nur aufwärts gehen und darauf hoffe ich. Man kann optimistisch in die vier Spiele der Hauptrunde gehen - aber natürlich muss eine ganz große Leistungssteigerung her, um sich gegen Mannschaften wie Weißrussland, Tschechien und dann vor allem gegen Kroatien und Österreich durchzusetzen.

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Weißrussland gilt auf dem Papier zunächst vermeintlich als leichteres Los, doch bei so einem Turnier von Pflichtaufgaben zu sprechen, damit tue ich mich ein bisschen schwer.

Auch die Siege gegen Island und Österreich in der Vorbereitung zählen jetzt nichts mehr, wie toll auch immer man da ausgesehen hat. Im Hier und Jetzt bei der EM hat Deutschland eine ganz durchwachsene Vorrunde gespielt und muss jetzt in der Hauptrunde Vollgas geben.

Wir haben den direkten Vergleich mit Spanien, auch nach Toren, deutlich verloren und damit einen Nachteil, wenn es eventuell zu Dreier-Vergleichen mit anderen Teams kommt. Darum ist das Team fast schon zum Siegen verdammt. Zumindest gegen die Mannschaften, die jetzt mit zwei Punkten kommen, wie Kroatien und Österreich.

DHB-Auswahl steht nun "mit dem Rücken zur Wand"

Die Mannschaft muss Konstanz in ihr Spiel bringen und die Schwankungen herausbekommen, denn das war jetzt beinahe in allen Partien ein großes Problem. Jetzt kommen noch einmal ganz andere Kaliber - wenn man sich dann solche Schwächephasen leistet, wird das mit Sicherheit gnadenlos ausgenutzt.

Technische Fehler, mit denen man den Gegner zu einfach Toren einlädt, muss man im Idealfall auf fünf bis acht pro Spiel reduzieren – wie es in der Weltspitze der Fall ist. Sonst schenkt man zu viele leichte Tore her.

Die Mannschaft muss es schaffen, über eine kompakte Abwehr mit den beiden Torhütern Bälle zu gewinnen und dann ein kontrolliertes Angriffsspiel zu haben. Dort geht es dann darum, Möglichkeiten für unsere Schützen wie Julius Kühn zu kreieren. Er ist einer, der auch außerhalb von neun Metern eine wahnsinnige Durchschlagskraft hat - und die brauchen wir in der Hauptrunde!

Die Jungs stehen jetzt mit dem Rücken zur Wand - und es ist manchmal gar nicht so schlecht, wenn man jetzt weiß, man darf kein Spiel mehr verlieren. Das kann vom Kopf her weiterhelfen.

Euer Christian Schwarzer

Christian "Blacky" Schwarzer, 50, hat 318 Länderspiele für Deutschland absolviert und erzielte dabei 965 Tore. Mit dem TBV Lemgo gewann der Kreisläufer den DHB-Pokal (2002) und die Deutsche Meisterschaft (2003). 2006 fügte er mit Lemgo noch den EHF-Cup seiner Titelsammlung hinzu. Bereits zuvor holte er mit dem FC Barcelona in Spanien das Triple aus Meisterschaft und Pokal sowie der Champions League (2000). Mit der Nationalmannschaft holte er 2004 Silber bei den Olympischen Spielen in Athen und wurde im gleichen Jahr Europameister. Beim Wintermärchen 2007 gewann er mit dem DHB-Team den WM-Titel im eigenen Land.

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