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München - Die HBL kämpft während der Coronakrise ums Überleben. Die Klubs hoffen auf einen Saisonstart im Herbst, bereiten sich aber auf verschiedene Szenarien vor.

Die Handball-Bundesliga steht vor extremen Einschnitten.

Viele Klubs sind aufgrund der Corona-Pandemie in ihrer Existenz bedroht, die Sportart rückt immer weiter aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Zuletzt pochte die HBL, ähnlich wie die Deutsche Eishockey-Liga, auf einen deutlichen Gehaltsverzicht ihrer Spieler.

Es werde beim geplanten Neustart im Handball nicht so weitergehen können wie vor der Corona-Krise, sagte HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann dem sid: "Wir werden hart an den Kosten schrauben müssen. Da wird es seitens der Spieler und auch Trainer Zugeständnisse geben müssen. Wir brauchen einen Verzicht zum wirtschaftlichen Überleben der Klubs."

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Hanning: "Macht keinen Sinn, in Hektik zu verfallen"

Auch Bob Hanning sieht den Schritt auch für die kommende Saison als "unausweichlich" an. "Die Spieler müssen ihren Beitrag leisten. Aber das kann nur ein Teil sein. Alles auf die Spieler abzulagern, wäre viel zu einfach", sagte der Füchse-Geschäftsführer im Gespräch mit SPORT1 und fügte an:

"Es ergibt aus meiner Sicht aktuell wenig Sinn, mit den Spielern darüber zu reden, weil ich erst einmal meine Hausaufgaben machen möchte und zum Beispiel wissen möchte, wie viele Geisterspiele wir haben."

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Er habe mit 1,5 Millionen Euro Zuschauereinnahmen kalkuliert, in der neuen Kalkulation sind es lediglich noch 500.000 Euro. "Es macht keinen Sinn, in Hektik zu verfallen. Es braucht Augenmaß", so Hanning.

HBL fordert Gehaltsverzicht

Wie in der DEL bezeichnete auch Bohmann 25 Prozent Gehaltsverzicht als "realistischen Wert", sie seien aber kein "Patentrezept." Dass so ein pauschaler Verzicht nicht so einfach umzusetzen ist, weiß Axel Geerken.

"Eine solche Maßnahme ist ligaweit sicher nur schwer durchführbar. Das war wahrscheinlich von Frank Bohmann auch nicht gewollt, zu sagen, jeder muss auf jeden Fall auf 25 Prozent verzichten. In manchen Klubs muss es vielleicht mehr sein und in manchen weniger", machte der Vorstand der MT Melsungen bei SPORT1 deutlich.

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Dass es in erster Linie darum gehe, alle Arbeitsplätze im Handball zu erhalten, betonte Karsten Günther in diesem Zusammenhang.

Der Geschäftsführer des SC DHfK Leipzig erklärte bei SPORT1: "Wir haben bei uns alle darauf vorbereitet, dass sehr herausfordernde Zeiten auf uns warten. Sobald wir Klarheit haben, werden wir auch konkret über Zahlen und Veränderungen sprechen. Aktuell wäre das Kaffeesatzleserei."

Und weiter: "Es ist auch noch etwas zeitig, jetzt Zahlen in den Raum zu werfen. Denn die kennen wir alle noch nicht. Da müssen wir uns Zeit geben, die entsprechend zu eruieren, und dürfen nicht die Nerven verlieren."

Hanning schließt Geisterspiele nicht aus

Während die Fußballer ihre Saison mit Geisterspielen zu Ende bringen und die Basketballer sich an einem neuen Turnierformat versuchen, um ihren Meister zu finden, haben die Handballer ihren Ligabetrieb frühzeitig eingestellt. 

"Wer Handball sehen möchte, kann sich bei Youtube alte Spiele der Nationalmannschaft angucken", schreibt dazu die Süddeutsche Zeitung und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Ähnlich äußerte sich Hanning, der ein Problem darin sieht, nicht im Gespräch bleiben zu können. Denn dafür sei laut dem 52-Jährigen ein Spielbetrieb notwendig.

"Deswegen müssen wir Wege finden, irgendwann zu spielen. Auch zur Not mit Geisterspielen", so Hanning.

Spiele ohne Zuschauer seien "nicht unsere Triebfeder", sagte Günther, fügt aber hinzu: "Natürlich müssen wir uns Mittel und Wege überlegen, wie unsere Sportart weiter stattfindet, auch wenn der Zeitraum, in dem keine Zuschauer erlaubt sind, noch länger ausgedehnt wird. Es ist keine Option, das Handballspielen einzustellen."

Gleichzeitig müsse die Sommerpause intensiv genutzt werden, "um abseits des Ligaspielbetriebes den Handball zu promoten. Hier sind kreative Ideen gefragt, um möglichst bald wieder stattzufinden, ohne dass wir an den wirtschaftlichen Abgrund gelangen, weil wir auf Teufel komm raus Geisterspiele organisieren."

Auch Geerken schloss eine Notwendigkeit von Spielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit nicht aus, stellte allerdings einschränkend fest: "Vielleicht muss man das eine oder andere Geisterspiel akzeptieren. Aber für uns ist es von existenzieller und somit elementarer Bedeutung, dass wir unsere Spiele mit Zuschauern durchführen."

Günther wünscht sich, "dass der komplette Indoor-Sport, gerne auch gemeinsam mit den Hallenbetreibern und der Kulturszene die Kräfte noch viel mehr bündelt, um Konzepte zu entwickeln, wie wir wieder gemeinsam mit unseren Fans und Partnern in unsere Veranstaltungsstätten dürfen."

Kein Neid auf die BBL

Neidisch auf das Turnierexperiment der BBL blickt von den Experten dennoch niemand. "Ich bin sehr stolz auf unsere Liga, die eine Entscheidung getroffen hat, die alle Vereine und damit alle Mitglieder der HBL gleichermaßen berücksichtigt", machte Günther deutlich.

"Wenn nur eine Hälfte der Liga es sich leisten kann, am Spielbetrieb teilzunehmen, und die Hälfte der Liga nicht, dann ist das für mich kein Modell einer Liga", erklärt der Leipzig-Boss.

Auch Geerken betrachtet den Saisonabbruch als richtigen Schritt. "Aber ich bin natürlich sehr interessiert und hochgespannt, wie das Ganze (Finalturnier der BBL; Anm. d. Red.) ablaufen wird."

Hanning dazu: "Es hat für uns den Vorteil, dass wir sehen können, wie sie die Themenfelder gestalten. Auch davon können wir lernen."

HBL hofft auf Start im Herbst

Wann wieder Handball gespielt werden kann, steht in den Sternen. HBL-Boss Bohmann sagte dem NDR-Hörfunk, die Entscheidung wolle man Mitte Juni bekanntgeben.

Aktuell befinde man sich im regen Austausch und diskutiere verschiedene Modelle, erklärte Hanning. "Wir sind uns einig, dass wir im September oder Oktober wieder anfangen müssen."

Geerken bezeichnete einen Start nach dem 31. August als "sehr wünschenswert". Doch die Unsicherheit überwiegt. "Daher beschäftigen wir uns innerhalb der HBL mit dem einen Szenario ab September aber auch mit anderen Szenarien mit einem späteren Beginn", so der Oldenburger.

Leipzig-Boss Günther sieht einen späteren Saisonstart als Option, um die Planbarkeit zu erhöhen "damit wir eine klare Orientierung für unsere Sportler, Fans und Partner haben".

"Werden das mit vereinten Kräften hinbekommen"

Ungewissheit und Existenzängste - damit haben derzeit wohl alle HBL-Klubs zu kämpfen. "Fakt ist: Das ist eine sehr, sehr herausfordernde Zeit, die sehr viel Kreativität, Flexibilität aber auch Kollegialität von allen verlangt, um sie zu meistern", sagte Günther und brachte es damit auf den Punkt.

"Es ist ein Berufsverbot. Im Moment ist den Vereinen die Existenzgrundlage entzogen", steuerte auch Hanning bei. Doch Aufgeben ist keine Option und auch der Füchse-Boss zeigte sich zuversichtlich: "Wir werden das mit vereinten Kräften hinbekommen."

Auch Günther ist optimistisch, damit ein Horrorszenario verhindert werden kann: "Intern darf es gerne Streit um die besten Ansätze geben, aber nach außen müssen eine Lobby und eine Stimme aufgebaut werden, die dem Sport als ganz wichtige Säule in der Gesellschaft eine Perspektive aufzeigt."

Man müsse sich Gehör verschaffen, denn "sonst verschwindet die sportliche Vielfalt von der Bildfläche".

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