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Köln - Christian Prokop tritt souverän auf und sorgt für Spaß in der Mannschaft. Er überträgt den Spielern mehr Verantwortung. Seine Wandlung sorgt für großes Potenzial.

Bereits früh auf der Pressekonferenz der deutschen Handball-Nationalmannschaft nach dem Sieg gegen Island und vor dem Kracherduell mit Kroatien am Montag (Handball-WM: Deutschland - Kroatien am Montag ab 20.30 Uhr im LIVETICKER) wurde Christian Prokop unterbrochen.

Er solle doch bitte das Mikrofon etwas weiter von seinem Mund weghalten, wenn er spreche.

"Okay, verstanden. Schade, dass ihr kein Standmikrofon habt", sagte Prokop - und fügte schmunzelnd hinzu: "War ja genug Zeit". Er hatte die Lacher auf seiner Seite.

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Prokop spielte auf die halbstündige Verspätung des Medientermins an, die aufgrund einer "kleinen Trainingsverzögerung" zustande kam.

Da war er wieder: Der lockere und gelöste Christian Prokop, den man vor und während der Heim-WM immer häufiger erlebt, und der auch die Spieler auf seiner Seite hat. Ein Zustand, der vor einem Jahr schwer vorstellbar schien.

Prokop sorgt für Spaß

Doch nach einer enttäuschenden Europameisterschaft 2018, nach der erst nach einer außerordentlichen Präsidiumssitzung feststand, dass Prokop weiter machen darf, hat ein Lernprozess stattgefunden – bei der Mannschaft, aber eben vor allem beim selbstkritischen Trainer.

Prokops Ansprache an die Mannschaft wirkt unaufgeregter, sein öffentliches Auftreten souveräner.

Die Stimmung im deutschen Team, das betonte Kreisläufer Jannik Kohlbacher am Sonntag einmal mehr, sei super, für Patrick Wiencek ist sie sogar "gefühlt so gut wie noch nie".

Prokop erklärte in der ARD nach der ersten Hauptrunden-Party gegen Island in Köln: "Das ist die schönste Zeit, die wir erleben."

Natürlich tragen die Siege zur guten Laune bei, die Unterstützung der Fans tut ihr Übriges. Doch einen wesentlichen Anteil an der guten Stimmung hat der Bundestrainer. Besser gesagt: seine Wandlung.

"Er (Prokop, Anm. d. Red.) versucht, viel mehr Spaß in die Truppe zu bringen, sei es im Training oder abends im Hotel", lobte Hendrik Pekeler bei SPORT1.

Kohlbacher: "Haben besser zusammengefunden"

Einen entscheidenden Anteil an der Annäherung von Team und Trainer spielte schlichtweg auch der Faktor Zeit.

"Wir haben besser zusammengefunden", sagte Kohlbacher, der bei der EM dabei war: "Die Kommunikation zwischen Team und Trainer ist sehr, sehr gut." Man habe "kleine Stellschrauben" verändern müssen.

"Es hilft, dass wir uns einfach länger kennen", meinte Steffen Weinhold, der ebenfalls in Kroatien unter Prokop spielte. Das Turnier war die erste gemeinsame Turniererfahrung, beide Parteien kannten sich gerade mal ein halbes Jahr.

Jetzt, so Weinhold, "versteht man manchmal vielleicht seine Denkweise und er versteht vielleicht mal eine Denkweise eines Spielers. Dann kann man sich ein bisschen besser treffen, als wenn man sich frisch kennt und nicht direkt die Mischmenge findet."

Verbesserte Kommunikation: Prokop vertraut Führungsspielern

Die Kommunikation mit Prokop sei "wesentlich besser geworden", so Pekeler: "Jeder nimmt sich ein bisschen mehr zurück, jeder macht einen Schritt mehr aufeinander zu."

Kohlbacher betont: "Da kann man ihm nur ein großes Lob aussprechen."

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Prokop überträgt den erfahrenen Akteuren mehr Verantwortung, bindet sie in seine Überlegungen häufiger ein, um nicht nur seine Vorstellungen durchzusetzen und damit auch die Spieler in Stresssituationen hinter sich zu haben.

Die Veränderungen, die er für sich persönlich getroffen habe, seien nicht "auf Grundlage des Drucks oder irgendwas getroffen" worden, "sondern weil ich der vollsten Überzeugung bin, dass das genau das richtige ist für diese Mannschaft", sagte Prokop am Sonntag auf SPORT1-Nachfrage.

Veränderung sorgt für großes Potenzial

Diese verbesserte Zusammenarbeit zwischen Team und Trainer habe in den vergangenen neun Monaten "das größte Potenzial" entwickelt – und das wird wiederum im Turnier entfaltet.

"Bis hierhin haben wir gemerkt, dass wir mit vielen Dingen, die wir angeschoben haben, mit den kleinen Dingen, die wir verändert haben, einfach unsere Stärken aufs Parkett bringen", erklärte Prokop und nannte die Faktoren "Teamgeist" und "gute Stimmung".

"Diese Energie", so Prokop, "merkt man einfach". Und wie: Beflügelt von enthusiastischen Fans steuert die bislang ungeschlagene deutsche Mannschaft auf das Halbfinale zu.

"Im Moment klappt das ganz gut, er gibt uns gute Sachen vor, er hat einen sehr guten Fokus", betonte Weinhold: "Und andersrum lässt er aber auch immer wieder Ideen aus der Mannschaft mit einfließen. Von daher harmoniert das sehr gut im Moment."

So gut, wie es vor Turnierbeginn nur die Wenigsten erwartet hätten.

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