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Derzeit findet die Handball-WM alle zwei Jahre statt
Derzeit findet die Handball-WM alle zwei Jahre statt © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Getty Images/Imago/iStock
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München - Der Termindruck droht den Handball kaputt zu machen. Muss eine Reform mit dem Fußball als Vorbild her? Bei SPORT1 diskutieren diverse Größen des Sports.

Immer mehr coronabedingte Spielausfälle, immer weniger Zeit: Der Termindruck im Handball steigt von Woche zu Woche.

Es droht schon jetzt ein beispielloses Terminchaos, die Klubs der Handball-Bundesliga suchen bisweilen verzweifelt nach möglichen Nachholterminen. Dabei rückt fast zwangsläufig die Weltmeisterschaft im Januar in den Fokus.

Der Grund: Würde das Mega-Turnier in Ägypten mit 32 Teams ausfallen oder zumindest um ein Jahr verschoben werden, würden die Bundesligisten wertvolle Zeit gewinnen - auch für die Regeneration der Spieler (Tabelle der Handball-Bundesliga).

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"Diese Saison steht nicht für sich, danach geht es quasi ohne Sommerpause direkt zu Olympia und in die neue Saison", sagte Karsten Günther, Geschäftsführer des SC DHfK Leipzig bei SPORT1: "Und irgendwann knallt's, weil es einfach zu viel ist für die Spieler. Und es ist unser aller Verantwortung, das zu verhindern!"

Handball-WM alle vier Jahre?

In der seit Wochen schwelenden WM-Debatte scheiden sich die Geister. An IHF-Präsident Hassan Moustafa prallt die Kritik von Spielern, Klubs und Funktionären ab: "Wenn Spieler nicht spielen wollen, dann ist das ihre Entscheidung und die der Nationalverbände", sagte der Ägypter: "Ich hoffe, dass alle Spieler, Trainer, Schiedsrichter und Offizielle an der WM teilnehmen."

Doch dabei geht es längst nicht mehr nur um die Frage, ob das Sportgroßereignis stattfinden soll oder nicht. Zuletzt wurden zunehmend Stimmen laut, die gar eine Revolution forderten.

Einige Akteure der Branche wie Flensburgs Meistertrainer Maik Machulla schlugen zuletzt vor, den Turnier-Rhythmus von WM und EM wie früher - und wie im Fußball - wieder auf vier Jahre festzulegen.

Seit 1993 wird die Weltmeisterschaft alle zwei Jahre ausgetragen, das europäische Pendant wurde 1994 mit einem Zweijahresrhythmus eingeführt. Damit findet jedes Jahr ein Großereignis im Handball statt - in Olympiajahren sogar zwei.

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Drux: "Es gibt ein Problem"

"Die Diskussion wird eigentlich jeden Winter aufs Neue geführt, um dann im März etwas abzuebben und im Sommer wieder an Fahrt aufzunehmen", sagte Nationalspieler Paul Drux im SPORT1-Interview: "Man muss generell definitiv darüber sprechen. Es gibt ein Problem und dieses muss gelöst werden."

Auch Günther spricht von einer "Forderung, die schon lange im Raum steht und rein terminlich sinnvoll ist." Torwart-Legende Henning Fritz betonte gibt bei SPORT1 jedoch zu bedenken, "dass Profisport durch Geld, durch Geldgeber, finanziert wird. Das bringt den Bedarf, so oft wie möglich Großveranstaltungen zu präsentieren".

Doch Fritz glaubt auch: "Wenn man das ein oder andere Großturnier verknappt, könnte das auch wieder ein größeres Interesse bei den Zuschauern wecken. Alles nur dem Kommerz zu unterwerfen, ergibt auf lange Sicht auch keinen Sinn. Wenn die Leute überfrachtet sind mit Spielen, mit Informationen, dann geht das Interesse auch verloren."

Großveranstaltungen "werden entwertet"

Ähnlich sieht es Marc-Henrik Schmedt. "Ich glaube, dass es die Wettbewerbe entwertet, wenn man jedes Jahr eine Großveranstaltung hat", sagte der Geschäftsführer des SC Magdeburg im Gespräch mit SPORT1.

Langfristig geplant, könne laut Günther ein entschlankter Turnierrhythmus auch wirtschaftlich sinnvoll gestaltet werden (Spielplan und Ergebnisse der Handball-Bundesliga).

"Wenn man das gut abgleicht und in jedem Jahr nur ein Großereignis hat, das großes Fernsehinteresse mit sich bringt und große Reichweiten erzielt, wären wir einen großen Schritt weiter, denn auch Qualifikationsspiele würden wegfallen", so der Funktionär.

Kehrmann fordert Dialog zwischen IHF, EHF und den Ligen

Alle Beteiligten sind sich einig: "Da muss ein Dialog zwischen der IHF, der EHF und den großen Ligen stattfinden", betonte Florian Kehrmann, der Trainer von Bundesligist TBV Lemgo Lippe, bei SPORT1.

Daher müssten auch die Bundesliga-Klubs und der Deutsche Handball-Bund Abstriche machen. "Wenn jeder einen Schritt aufeinander zu macht, kommen wir zu einer Lösung", meinte Günther.

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Fritz: "Handball nicht unverwundbar"

Schmedt glaubt: "Der Denkanstoß eines vierjährigen Turnus wie im Fußball wäre sehr sinnvoll, weil es die Spieler entlasten würde und das Verletzungsrisiko mindert. Dazu würde es den Wettbewerben selbst gut tun, da es sonst inflationär bleibt."

Doch Drux warnt: "Sich einfach auf den Rhythmus der Fußballer einzulassen, wäre in meinen Augen zu einfach und zu schnell gegriffen. Es gibt zu viele Bausteine, die ineinander greifen."

Auf die Verantwortlichen im Handball wartet eine Menge Arbeit. Doch mit der nötigen Diskussionsbereitschaft könnte "die momentane Situation die Chance ermöglichen, Dinge grundsätzlich zu überlegen", meinte Fritz: "Der Handball hat in den letzten Jahrzehnten eine sehr gute Entwicklung genommen. Aber der Handball ist nicht unverwundbar."

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