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München - Die Bedingungen sind schwierig, dennoch gibt es Zuversicht für einen Coup der deutschen Handballer bei der WM - vor allem dank des EM-Golds 2016.

Beim völlig überraschenden EM-Sieg 2016 in Polen hatte nahezu niemand an den deutschen Mega-Coup geglaubt.

Fünf Jahre später will Bundestrainer Alfred Gislason mit Deutschlands Handballern bei der WM in Ägypten angesichts mehr oder weniger vergleichbarer Voraussetzungen erneut einen (Team-)Geist beschwören, der etwas ganz Großes wahrmacht. (Handball-WM 2021 vom 13. bis 31. Januar im LIVETICKER)

Gislason habe zuletzt "genau das angesprochen und gesagt, dass wir ab jetzt dieses Wir-Gefühl hinbekommen müssen", sagte Rückraumshooter Julius Kühn am Donnerstag auf SPORT1-Nachfrage. Die Aufgabe sei es, "einfach als Team zusammenzuwachsen und eine geile Stimmung zu erzeugen, damit wir bei den Spielen von der ersten Minute an alle extrem gepusht und motiviert sind".

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Mit dem 36:27 (22:16) in der EM-Qualifikation gegen Österreich glückte der Start in die heiße Vorbereitungsphase. SPORT1 schaut auf die Parallelen beider Turniere und erklärt wichtige Team-Faktoren.

DER TRAINER:

Dagur Sigurdsson war vor fünf Jahren der Baumeister des deutschen Handball-Wunders. Vorbild, Motivator, Taktik-Tüftler: Innerhalb kürzester Zeit hatte der Bundestrainer aus einem Team der Nobodys einen Europameister geformt, lieferte mit der Endspiel-Demontage Spaniens sein ganz persönliches Meisterstück ab.

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Dass mit Alfred Gislason - seit elf Monaten Nachfolger von Christian Prokop - nun erneut ein Isländer die Geschicke lenkt, ist vor allem wegen dessen Qualitäten ein Mutmacher. (Spielplan der Handball-WM 2021)

Die zahlreichen Erfolge mit dem SC Magdeburg und dem THW Kiel in der Bundesliga und Champions League sind dabei das Eine, noch entscheidender sein dürfte aber Gislasons Händchen dafür, selbst unter kniffligsten Bedingungen das Maximum aus einem Team herauszukitzeln.

"Ich hatte in meiner Karriere schon einige schwierige Situationen. Diese ist sicherlich ein bisschen komplizierter. Ich bin trotzdem zufrieden mit der Situation, mit der Mannschaft und mit der Stimmung, wie die Spieler an die Sache herangehen", sagt er. Und ergänzt: "Ich will nicht darüber lamentieren, wer nicht dabei ist."

Jammern war auch Sigurdssons Sache nicht, der aus der (Personal-)Not eine Tugend machte und seinem am Ende mit 16 (!) EM-Debütanten gespickten Kader in Rekordzeit das Sieger-Gen einimpfte.

Wenn jemand in ähnlicher Konstellation eine schlagkräftige Truppe zu formen vermag, dann Gislason, dem zig Leistungsträger fehlen wie allen voran die Abwehrrecken Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek und Finn Lemke.

PSYCHE, KAMPFKRAFT UND WIR-GEFÜHL:

Nicht zuletzt strahlt der Coach aufgrund seiner enormen Erfahrung mehr als Vorgänger Prokop auch mental eine tiefe Gelassenheit und Ruhe aus, die sich auf seine Schützlinge überträgt, er weiß mit personellen Rückschlägen umzugehen.

"Vieles wird jetzt neu sein. Aber ich merke, dass die Mannschaft extrem viel Spaß hat. Keiner will den Kopf in den Sand stecken. Die Atmosphäre ist sehr positiv. Die Spieler freuen sich auch auf neue Spieler. Das war sehr schön für mich zu erleben, wie gut die Spieler damit umgegangen sind", lobt Gislason.

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2016 hatte das DHB-Team nach weiteren gravierenden Verletzungen des damaligen Kapitäns Steffen Weinhold und von Rückraumshooter Christian Dissinger ebenso eine Jetzt-erst-recht-Mentalität an den Tag gelegt: "Ihr Kampfgeist ist wirklich vorbildlich", so Uwe Gensheimer, der ohnehin von Beginn an außer Gefecht gesetzt war, damals im SPORT1-Interview.

Und heute? "Wir können Lösungen finden. Ich denke, dass wir die Möglichkeit haben, Deutschland richtig gut zu vertreten", sagt Gislason selbstbewusst. 

Dissinger, nach viereinhalb Jahren zurück im DHB-Kader, meint dazu: "Die Voraussetzungen sind ähnlich. Damals hat auch niemand damit gerechnet. Wir müssen schnellstmöglich zusammenwachsen. Wenn vieles passt, ist auch vieles möglich." (Kader des DHB-Teams bei der Handball-WM 2021)

Das Wir-Gefühl "war genau das, was uns 2016 so enorm geholfen hat", ergänzt Kühn, damals während des Turniers nachnominiert: "Wir konnten auf dieser Erfolgswelle schwimmen, weil so eine positive Stimmung in der Mannschaft herrschte. Wir arbeiten gerade daran und genau das ist es, was uns im Nachhinein auszeichnen kann."

UNBEKÜMMERTHEIT UND FRISCHE:

Dazu beitragen könnte unter anderem Shootingstar Juri Knorr (GWD Minden), mit 20 Jahren jüngster Spieler des Kaders, der nach seiner schwer verlaufenen Corona-Erkrankung wieder auf dem Damm ist.

Erstmals im Aufgebot stehen Sebastian Firnhaber und Antonio Metzner (beide HC Erlangen). Johannes Golla (23) kann als Kreisläufer ebenso unbekümmert auftreten - und tat das auch schon als neuer Abwehrchef beim Sieg gegen Österreich.

"Bisher haben sie einen sehr guten Eindruck gemacht", lobt der Trainer seine Mannschaft. Im Duell mit Österreich hob sich insbesondere Marcel Schiller ab, der als Haupttorschütze und eiskalter Siebenmeter-Vollstrecker glänzte.

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Zur Erinnerung: Vor fünf Jahren hatte Deutschland mit einem Altersdurchschnitt von unter 25 Jahren das jüngste Team der EM gestellt - und dabei die schnellsten Beine bewiesen, die Grundlage für eine sattelfeste Abwehr.

Und für einen Shootingstar während eines großen Turniers ist Deutschland ohnehin immer gut: Bei der EM im Vorjahr war Timo Kastening dazu avanciert, der jetzt zu den Leistungsträgern gehören soll.

DIE TORHÜTER:

Andreas Wolff und Carsten Lichtlein bildeten vor fünf Jahren ein Torhüter-Gespann, das sportlich wie menschlich perfekt harmonierte und seinesgleichen suchte.

Lichtlein hatte die beste Quote bei den gehaltenen Siebenmetern, Wolff wiederum bestach nicht nur im EM-Endspiel gegen Spanien mit einer Paradenquote von wahnwitzigen 48 Prozent.

Dem Hexer in Diensten von Vive Kielce, der sich seine Ex-Kollegen wegen der WM-Absagen vorknöpfte, sind an der Seite von Johannes Bitter (TVB Stuttgart) und Silvio Heinevetter (MT Melsungen) die nächsten Sternstunden zuzutrauen - zumal Wolff bei der WM im Vorjahr selten überzeugen konnte, was er wohl kaum auf sich sitzen lassen mag. Der Eindruck aus dem Österreich-Spiel macht Hoffnung.

Heinevetter dagegen war vor dem EM-Coup 2016 für das Aufgebot unerwartet unberücksichtigt geblieben - und kann trotz seiner 36 Jahre gerade in Do-or-Die-Spielen noch immer entscheidend sein.

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