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München - DHB-Vizepräsident Bob Hanning formuliert im SPORT1-Interview die deutschen Ziele für die WM - und erklärt seine Haltung zu den Absagen und dem Wolff-Wirbel.

Am morgigen Mittwoch beginnt in Ägypten die Handball-Weltmeisterschaft - ein Turnier, um das es schon vorab jede Menge Turbulenzen gegeben hat, gerade auch in der deutschen Mannschaft.

Leistungsträger wie Patrick Wiencek oder Hendrik Pekeler verzichten coronabedingt freiwillig auf eine Teilnahme an der Konkurrenz, die in einer Bubble ohne Zuschauer stattfinden wird - und trotzdem schon jetzt beeinträchtigt ist, unter anderem durch einen massiven Ausbruch im Team der USA.

Neu-Bundestrainer Alfred Gislason blickt auf eine WM der vielen Ungewissheiten, auch wenn das DHB-Team mit dem Rückenwind aus zwei Siegen in der EM-Qualifikation gegen Österreich in das Turnier geht.

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Welche Erwartungen hat Bob Hanning, der DHB-Vizepräsident und starker Mann hinter den Kulissen des deutschen Handballs? Im SPORT1-Interview formuliert der 52-Jährige, der auch Geschäftsführer der Füchse Berlin ist, klare Ziele. Zudem erläutert er seine Haltung zu dem umstrittenen Turnier, den deutschen Absagen und den jüngsten Irritationen um die Kollegenkritik von Torhüter Andreas Wolff (Spielplan der Handball-WM 2021).

SPORT1: Herr Hanning, die deutsche Mannschaft hat sich gegen Österreich insbesondere im zweiten Spiel stark präsentiert. Wie bewerten Sie die Auftritte und machen diese Hoffnung auf eine erfolgreiche WM? 

Bob Hanning: Das Spiel der deutschen Nationalmannschaft war sehr leidenschaftlich anzuschauen. Jeder hat den Entwicklungssprung vom ersten zum zweiten Spiel auch noch einmal greifbar gehabt. Ich freue mich, dass die deutsche Mannschaft nun auch während der WM die Möglichkeit hat, weiterzuwachsen und den deutschen Fans vor den Bildschirmen viel Freude bereiten kann (Kader des DHB-Teams bei der Handball-WM 2021).

SPORT1: Hat die Abwehr um Golla, Firnhaber und Böhm das Zeug dazu, um mit den Topmannschaften der WM mitzuhalten? 

Hanning: Wir sollten uns erst einmal Schritt für Schritt weiterentwickeln, ohne gleich wieder zu träumen. Der Weg, auf den sich die Mannschaft begeben hat, war schön anzusehen. Jetzt soll sie sich mit Alfred (Gislason, Anm. d. Red.) Schritt für Schritt weiterentwickeln. Wie weit die Entwicklung geht und ob man in der Crunch-Time mit den Topteams bereits mithalten kann, wird sich zeigen.

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SPORT1: Welcher Spieler könnte zur großen Überraschung in der deutschen Mannschaft werden?

Hanning: In jedem Schicksal liegt eine Chance. Durch die Absagen haben viele Spieler nun die Chance erhalten, sich zu zeigen. Es wird eine Veränderung im Hierarchie-Gefälle geben. Andere Spieler werden anders zur Geltung kommen. In Krisen gibt es immer Sieger. Ich weiß heute nicht, wer das sein wird - aber ich bin sicher, dass es diese Sieger auch im deutschen Team geben wird.

Hanning: "Gislason ist Stabilisator"

SPORT1: Es ist das erste große Turnier von Alfred Gislason als Trainer. Ist diese WM aufgrund der besonderen Voraussetzungen undankbar für ihn? 

Hanning: Ich glaube, dass Alfred nicht nur aufgrund seiner sportlichen Erfolge, sondern auch aufgrund seiner Lebenserfahrung ein Stabilisator des ganzen Systems sein wird. Die Situation selbst ist, wie sie ist. Die müssen wir so nehmen und uns auf das fokussieren, was wir gestalten können.

SPORT1: Gislason hat Wolff für seine Kritik an den Absagen zunächst gerüffelt, nun will Wolff nichts mehr dazu sagen. Für wie gefährlich halten Sie das Thema im Hinblick auf den Teamspirit und mögliche mediale Unruhe? 

Hanning: Das ist wie bei jedem Turnier - solange es keine Resultate gibt, sucht man sich journalistisch andere Spielfelder. Man hat gut gesehen, dass keiner Luft an die Situation gelassen hat. Das ist auch gut und richtig so.

Andreas Wolff hatte kurz vor WM-Beginn Kritik an den Absagen geäußert
Andreas Wolff hatte kurz vor WM-Beginn Kritik an den Absagen geäußert © Imago

SPORT1: Sie haben sich zur Situation rund um die Coronakrise immer klar positioniert. "Entweder ich will beides oder ich treffe für mich die Entscheidung, dass Leistungssport zu gefährlich ist. Dann muss ich allerdings meine Karriere beenden", haben Sie im November zu der Risikoabwägung gesagt. Wie bewerten Sie es, dass da nun mehrere Spieler einen WM-Verzicht für sich als Alternativlösung erkannt haben?

Hanning: Wir haben es den Spielern freigestellt - wer nicht spielen will, soll auch nicht spielen. Denn wer das nicht will, hat auch nicht die Gedanken bei der Sache. Von daher musste das jeder für sich entschieden. Jeder hat verschiedene Beweggründe und die gilt es zu akzeptieren. Ich habe bei meinen Füchsen zwei Fragen gestellt. Erstens: Wollt ihr in Europa spielen trotz der hohen Belastung? Die Abstimmung war einstimmig: "Ja". Und zweitens an meine Nationalspieler: Wollt ihr bei der WM in Ägypten spielen? Die Abstimmung war wieder einstimmig: "Ja". Aber man muss auch die Entscheidung der Spieler akzeptieren, die sich anders entschieden haben - und das tue ich.

Drei Ziele für das DHB-Team

SPORT1: Wie lautet die Zielsetzung der deutschen Mannschaft für die WM?

Hanning: Ich bin ein Freund von hohen Zielen. Lieber erreicht man ein Ziel nicht, als es so anzusetzen, dass man nur über ein kleines Stöckchen springt. Ich habe drei Zielsetzungen für die WM. Die wichtigste ist, dass wir alle gesund zurückkommen. Die zweite Zielsetzung ist, dass wir die Menschen vor den Bildschirmen begeistern und sie in einer schwierigen Zeit auch mitnehmen. Die dritte Zielsetzung ist sportlich: Eine deutsche Mannschaft muss immer in der Lage sein, das Viertelfinale zu erreichen - egal in welcher Besetzung. Unsere Spitze ist sehr breit. Das haben wir über die Jahre entwickelt, dass wir - aktuell passend zur WM in Ägypten - nicht nur eine Pyramide, sondern einen großen Pool an Spielern haben.

Gastgeber als Hannings Außenseitertipp

SPORT1: Wer sind Ihre WM-Favoriten?

Hanning: Ich wage mal einen Außenseitertipp. Ich traue den Ägyptern das Halbfinale zu. Damit gibt es nur noch drei Plätze für Europa. Ansonsten sind es wie immer die üblichen Verdächtigen wie Dänemark, Frankreich und Norwegen. Es gibt viele Mannschaften, aber man weiß nicht, wie sich das Turnier unter den besonderen Rahmenbedingen entwickelt.

SPORT1: Wie beurteilen Sie die kurzfristige Entscheidung, doch keine Zuschauer zuzulassen, auch auf Druck der Spieler hin

Hanning: Gesellschaftspolitisch kann ich das sehr gut nachvollziehen. Die Spieler haben sich auch erfreut darüber geäußert. Als Zeichen ist es daher gut. Für den Veranstalter ist es sehr schade. Wir zehren immer noch aus den Geldern der WM mit Dänemark - und konnten unglaublich viel in die Entwicklung und Professionalisierung des Verbandes stecken. Von daher ist es für einen Verband wie Ägypten schade.

SPORT1: Welche Konsequenzen erwarten Sie durch die erhöhte Teilnehmerzahl und wie finden Sie es, dass das Turnier erstmals mit 32 Mannschaften ausgetragen wird? 

Hanning: Da die Entscheidung vor der Pandemie getroffen wurde, musste man es begrüßen. Es ist für unsere Sportart wichtig, auf eine Vielfalt zu setzen. Wenn du nur europäisch bist, bist du auf Dauer für die Olympischen Spiele nicht mehr haltbar. Daher finde ich es gut. Mit dem Wissen der Pandemie wäre eine kleinere Teilnehmerzahl natürlich wünschenswert gewesen - aber es ist jetzt so, wie es ist.

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