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München - Zinedine Zidane ist kein Taktik-Visionär und will auch keiner sein. Sein Erfolgsrezept ist ein anderes - nun soll er es bei Real Madrid wieder anwenden.

Zinedine Zidane sitzt auf der Trainerbank von Real Madrid - die Verblüffung war groß damals, als diese Nachricht bekannt wurde.

"Ein Wahnsinn. Verrückt", fand zum Beispiel Ottmar Hitzfeld. Zidane sei "ein Trainer ohne jegliche Erfahrung. Er lebt ausschließlich von seinem großen Namen als Spieler." Er habe "als Trainer noch nichts bewiesen, und jetzt muss er mit den größten Stars der Welt umgehen".

Es war ja auch tatsächlich ein gewagtes Experiment Anfang 2016: Als Nachfolger des gefeuerten Rafael Benitez einen Berufsanfänger zu installieren, der zuvor nur als Co-Trainer Reals unter Carlo Ancelotti und als Coach der Zweiten Mannschaft der Königlichen gearbeitet hatte.

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Wie das Experiment ausging, ist bekannt. Zidane - seit vergangener Woche wieder in Amt und Würden bei Real - zerstreute alle Zweifel, errang drei Champions-League-Siege in Folge.

Wobei sich noch immer nicht wenige Fachleute fragen: Wie hat er das eigentlich gemacht? Was ist das Erfolgsrezept des Trainers Zinedine Zidane, das der 46-Jährige nach seinem Comeback bei der kriselnden Fußball-Großmacht nun wieder zur Anwendung bringen soll?

Zinedine Zidane ist kein Taktik-Guru

Zidane hat nicht den Ruf, ein Fußball-Philosoph und Taktik-Vordenker zu sein, das ist und war auch nie sein Anspruch.

"Ich bin nicht der beste Coach, ich bin taktisch nicht der Beste", sagte der Franzose einmal über sich. Was keine Koketterie ist, sondern eine gesunde Selbsteinschätzung.

Zidanes Qualitäten sind andere. Seine Erfolgsgeschichte ist die eines Mannes, der die Qualitäten, die ihn als Spieler ausgemacht haben, erfolgreich in seine Zweitkarriere eingebracht hat – ohne die Fehler zu machen, die viele andere ehemalige Weltklasse-Akteure gemacht haben, die als Trainer gescheitert sind.

"Ich habe eine natürliche Autorität"

Noch bevor Zidane sein erstes Spiel als Real-Chefcoach absolviert hatte, wusste er um einen großen Startvorteil, den er mitbrachte. "Ich denke, ich habe eine natürliche Autorität“, sagte er France Football über seine Herangehensweise.

Einer wie Zidane, ein dreimaliger Weltfußballer, Europa- und Weltmeister, muss sich einen gewisses Maß an Respekt und Grundvertrauen seiner Schützlinge nicht mehr erarbeiten. Eine Feststellung, die zwar banal ist, aber eben auch eine banale Wahrheit.

Zidane hatte aber eben auch früh verstanden, dass ein großer Name als Spieler nur eine Starthilfe ist.

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Ancelotti, del Bosque, Lippi als Lehrmeister

Guy Lacombe, Zidanes Jugendcoach beim AS Cannes, der ihn später auch beim Erwerb der Trainerlizenz betreute, berichtete, dass Zidane dabei eine für seinen Hintergrund außergewöhnliche Lernwilligkeit an den Tag gelegt hätte: "Er ist ein toller Zuhörer. Ich kann Ihnen sagen, das sind wenige ehemalige Spieler."

Zidane sog die unterschiedlichsten Einflüsse auf, schaute 2015 auch Pep Guardiola beim FC Bayern München über die Schulter, lobte dessen "Hauch Genialität".

Stärker wurde Zidane jedoch geprägt von seinen früheren Trainern Vicente del Bosque, Marcello Lippi und eben Guardiolas Nachfolger Ancelotti. Sie alle sind als Pragmatiker, nicht als Gurus bekannt.

Die Kabine als Schlüssel-Faktor

Zidane knüpfte an das Werk seiner Lehrmeister an und nahm in Kauf, dass ihm oft vorgeworfen wurde, dass er eine taktische Vision, teils sogar einfaches Handwerk vermissen ließ - man denke zurück an das Königsklassen-Finale 2016 gegen Atletico, in dem er schon in der 80. Minute fahrlässig alle Wechsel-Optionen ausschöpfte.

Ein wenig Glück war bei Zidanes Triumphzug dabei, aber er hatte es wiederum auch so oft, dass die Hermann-Gerland-Maxime gilt: "Immer Glück ist Können."

Zidanes unbestreitbare Schwächen werden ausgeglichen durch seine sich selbst nährende Erfolgs-Aura und durch sein Geschick, ein Superstar-Ensemble hinter sich zu scharen, es bei Laune zu halten und so das Beste aus ihm herauszuholen.

"Ich habe mit talentierten Spielern mit großen Egos gearbeitet. Ich kenne die Umkleidekabine, und ich weiß sehr gut, wie Spieler denken", sagte Zidane vor seinem letzten Champions-League-Triumph 2018. Eine funktionierende Kabine sei der wesentliche Faktor.

Neustart bei Real Madrid - auch mit Gareth Bale

Genau diese Kabine wieder zum funktionieren zu bringen, wird nun auch seine große Herausforderung sein - und die ersten programmatischen Entscheidungen hat er schon getroffen.

Vor dem Comeback-Sieg über Celta Vigo am Wochenende tauschte er den im Sommer teuer eingekauften Torwart Thibaut Courtois gegen Keylor Navas aus, der schon in seiner ersten Amtszeit der Schlussmann seines Vertrauens war, setzte auch wieder auf den zuvor monatelang ausgebooteten Isco und auf Marcelo.

Andererseits ließ er aber auch Gareth Bale auflaufen, zu dem ihm ein angespanntes Verhältnis nachgesagt wird. Der von Klubboss Florentino Perez verfügte Verbleib des Walisers soll einem Bericht der Zeitung El Pais sogar ein entscheidender Grund für Zidanes Weggang gewesen sein.

Dass er auch Bale jetzt signalisiert, bei ihm eine faire Chance zu haben: Auch dabei wird sich Pragmatiker Zidane etwas gedacht haben.

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