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© SPORT1-Montage: Davina Knigge/ Imago/ Picture Alliance
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München - Grasshopper Club Zürich ist nach 70 Jahren abgestiegen. Der Klub verabschiedet sich mit einem Skandal in die Challenge League. Bei SPORT1 sprechen zwei frühere GC-Profis.

27 Schweizer Meistertitel und 19 Pokalsiege stehen in der Vereins-Vita - jetzt ist erstmal alles vorbei.

Der Schweizer Rekordmeister Grasshopper Club Zürich stieg am vergangenen Sonntag unter skandalösen Umständen aus der obersten Schweizer Liga in die Challenge League ab. Nach 70 Jahren.

"Der erste Gedanke: Enttäuschung. Der frühere Nobelklub ist tief gefallen", erzählt Ciriaco Sforza im Gespräch mit SPORT1. Der 49-Jährige startete 1986 seine Profikarriere bei den Grasshoppers, spielte bis 1988 und erneut von 1990 bis 1993 für den Verein. Von 2009 bis 2012 war er dort als Cheftrainer tätig.

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Auch BVB-Legende Stéphane Chapuisat hat eine GC-Vergangenheit. Der 49-Jährige trug von 1999 bis 2002 das Grasshoppers-Trikot, arbeitet heute als Chefscout bei den Young Boys Bern.

"Es war schon im Winter absehbar, dass es ganz eng wird. Nun ist der Worst Case leider eingetreten", sagt er zu SPORT1.

Chaoten erzwingen Spielabbruch

Zusätzlich zum sportlichen Niedergang hat der Klub auch mit einem Skandal rund um seine vermeintlichen Fans zu kämpfen.

Die Ultras der Grasshoppers hatten sich am Sonntag beim Stand von 0:4 am Spielfeldrand versammelt und so eine sichere Fortführung der Partie beim FC Luzern verhindert. Die Begegnung musste für 20 Minuten unterbrochen werden und wurde schließlich abgebrochen.

Danach wurden die Züricher Spieler von den Ultras aufgefordert, ihre Trikots auszuziehen. Torwart Heinz Lindner versuchte noch zu schlichten, ergab sich aber dem Mob und holte seine Kollegen aus der Kabine, die ihre Trikots auszogen und nur in Unterwäsche bekleidet wieder zurück in die Katakomben schlichen.

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Chapuisat ist sprachlos

"Es tut jedem weh, so etwas zu sehen. Vor allem macht es mich traurig, weil ich dort gespielt habe und eine schöne Zeit in Zürich hatte. Ich konnte den Meistertitel mit dem Klub feiern", meint Chapuisat. "Die Zwischenfälle vom Sonntag machen auch mich sprachlos. Für den Verein sind es ganz bittere Momente, nicht nur sportlich."

Auch Sforza ist fassungslos: "Das ist nicht gut für die Schweiz als Land, das ist schlecht für unseren Fußball. Es ist absolut nicht akzeptabel, was da passiert ist."

Der Frust über den sportlichen Niedergang sitzt tief. Gleich am Montag reagierten die Verantwortlichen auf die Vorfälle mit einem Statement und distanzierten sich von den Chaoten.

© Credit: dpa Picture Alliance

Zürich wie Bayern und der HSV

Doch was wird nun aus dem Klub, der in der Schweiz einen ähnlichen Stellenwert hat wie in Deutschland der FC Bayern? Man muss sich nur mal vorstellen, die Münchner würden aus der Bundesliga absteigen.

Die Situation ist für Chapuisat ähnlich wie die des Hamburger SV im vergangenen Sommer.

"Beides sind Traditionsvereine, GC ist wie der HSV 2018 nach Jahren der Erstklassigkeit abgestiegen. In Deutschland ist es sehr schwierig, sofort wieder aufzusteigen, auch in der Schweiz."

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Stadion-Situation als Problem

Ein Grund für den Abstieg ist die Stadion-Situation. Die alte vereinseigene Spielstätte Hardturm wurde vor Jahren abgerissen, der Verein zog in den Letzigrund, doch dort wurde man nie glücklich. Kein Wunder, es ist die Heimstätte des Erzrivalen FC Zürich. Ein neues Stadion sollte gebaut werden, doch seit mehr als zehn Jahren ist nichts passiert.

"Als man dann wegen des Umbaus ins Exil gezogen ist und das neue Stadion nicht gebaut wurde, waren das die ersten kleinen Schritte in die falsche Richtung. Man hatte die sportliche Heimat verlassen", bemängelt Chapuisat.

"Die Stadionfrage ist ein Punkt, sicher", glaubt auch Sforza. "Aber GC hat in den vergangenen zehn bis 15 Jahren nicht gut gearbeitet, es fehlte die interne Disziplin, es gab viel zu viele Trainer- und Spielerwechsel. So kann man nichts aufbauen."

Es sei "generell nicht das Jahr des Zürcher Sports", findet der langjährige Bundesliga-Profi. "Auch der Lokalrivale FC Zürich steht bei weitem nicht dort, wo er stehen möchte, die Zürcher Eishockey-Spitzenklubs hatten ebenfalls eine schlechte Saison. Also: Der Sportstadt Zürich geht es wirklich nicht so gut."

Kein Trost ist, dass der Fußball in der Schweiz nicht den Stellenwert hat wie in Deutschland.

"Für alle Fans, die nah am Grasshopper Club dran sind", weiß Chapuisat, "war das am Sonntag ein ganz schwarzer Tag, der lange nachwirken wird."

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