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Der Streit um die Verpflichtung von Eusébio ist bis heute einer der Gründe für die große Rivalität zwischen Benfica und Sporting Lissabon
Der Streit um die Verpflichtung von Eusébio ist bis heute einer der Gründe für die große Rivalität zwischen Benfica und Sporting Lissabon © Getty Images
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Seit jeher herrscht zwischen Benfica und Sporting Lissabon eine große Rivalität. Begründet ist diese mitunter im Wechsel einer portugiesischen Legende.

Die wichtigste Frage beantwortet sich in Lissabon schon für viele vor der Geburt.

Benfica oder Sporting? Zu welchem der beiden Hauptstadtklubs man in Portugal hält, wird häufig dadurch entschieden, in welche Familie man hineingeboren wird. Es ist kaum vorstellbar, dass es innerhalb einer Familie Anhänger beider Klubs gibt.

Die Rivalität der Vereine begann dabei bereits wenige Jahre nach deren Gründung und ist seitdem stetig gewachsen. Einen nicht unwesentlichen Anteil daran hat ausgerechnet eine portugiesische Legende.

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Fans witzeln über Stadion des jeweils anderen Vereins

Gerade einmal eine Meile trennt die Stadien beider Klubs, die durch eine der wichtigsten Straßen Lissabons, dem Segunda Circular, miteinander verbunden sind. Beide wurden 2003, im Jahr vor der Europameisterschaft eingeweiht und sind seitdem Grundlage vieler Witze des jeweils gegnerischen Fanlagers.

"Unser Stadion hat nur ein Problem", sagen die Benfica-Anhänger gerne einmal: "Die Toiletten sind eine Meile entfernt."

"Das Benfica-Stadion wird fantastisch sein…wenn sie es schließlich fertig bauen", antworten die Sporting-Fans darauf, in Anlehnung an die Betonwände, die das Estádio de la Luz umgeben.

Unterschiedliche gesellschaftliche Klassen prägen beide Klubs

Nachdem Sport Lisboa e Benfica am 28. Februar 1904, damals noch unter dem Namen Sport Lisboa, von einer Gruppe Schüler von der Real Casa Pia de Lisboa gegründet wurde, entstand der Sporting Clube de Portugal knapp zweieinhalb Jahre später am 1. Juli 1906.

Mit einer Anzahl von 231.200 (Stand: 14.12.2018) ist Benfica der Verein mit den zweitmeisten Mitgliedern der Welt und liegt damit einen Platz vor dem SCP, der auf 179.900 (Stand: 15.3.2019) kommt.

Während sich die Adler (Águias) von Benfica dabei als Klub des Volkes verstehen, sind die Löwen (Leões) der Verein der gesellschaftlichen Oberschicht, welcher sich immer mit der Unterstützung des Königshauses rühmte und viele Herzöge, Prinzen, Könige und Königinnen zu seinen Unterstützern zählen konnte.

So genoss der Gründer des Klubs, José Alvalade, finanzielle Unterstützung seines Großvaters, eines Vicomtes (Vizegrafen), und hatte kein Problem damit, Würdenträger höchster Ordnung für die Unterstützung des Vereins zu gewinnen.

1907: Sporting gewinnt erstes "Derby de Lisboa"

Schon vor dem ersten Duell der beiden Rivalen am 1. Dezember 1907 wurde der Klassenunterschied deutlich, als einen Tag vor dem Spiel gleich acht Spieler Benficas die Seiten wechselten. Es wird behauptet, Sporting habe diese mit dem Versprechen nach besseren Trainingsplätzen und warmen Duschen gelockt.

Bei sintflutartigem Regen entschied der SCP das Aufeinandertreffen an der Qunita Nova, dem Gelände von Benfica, schließlich mit 2:1, wobei ausgerechnet einer der übergelaufenen Spieler ein Tor erzielte.

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In der Halbzeit betonte Sporting die Kluft zwischen beiden Klubs eindrucksvoll, indem die Spieler nach der Pause in neuen, frischen Trikots zurück auf dem Platz geschickt wurden.

Vier Jahre später untermauerten die Löwen ihre Dekadenz erneut, als sich ihre Spieler weigerten, Benfica in ihrem Stadion willkommen zu heißen, weil die ungepflegten Gegner nicht geeignet seien, auf ihrem heiligen Spielfeld zu spielen.

Benfica und Sporting lange Zeit sportlich auf Augenhöhe

Bereits seit 1921 wurde in Portugal eine landesweite Meisterschaft im K.o.-Modus ausgetragen, welche ab 1934 zunächst probeweise für vier Jahre und anschließend offiziell in einen Ligamodus überging.

Das erste "Derby de Lisboa" in der nun offiziellen Primeira Liga konnte schließlich Sporting 1938 mit 4:1 für sich entscheiden, doch schon im Rückspiel gelang es Benfica beim 1:0-Erfolg erfolgreich zurückzuschlagen.

In den folgenden Jahren und Jahrzehnten begegneten sich beide Rivalen zumeist auf Augenhöhe und konnten bis 1960 jeweils zehn Meisterschaften gewinnen, wobei Sporting allein zwischen 1947 und 1954 sieben Titel feiern konnte.

1960: Benfica gelingt mit Verpflichtung von Eusébio Meilenstein

Doch ab 1960 sollte das bisherige Gleichgewicht zugunsten von Benfica kippen und das vor allem aufgrund eines Spielers, der später zu einem der besten Fußballer Portugals und einer echten Legende werden sollte.

Mit dem Transfer eines jungen Manns aus der damaligen Kolonie Portugiesisch-Ostafrikas (Heute Mosambik) gelang Benfica seinerzeit die Verpflichtung eines Spielers, der unter dem Namen Eusébio eine ganze Generation beeinflussen und prägen sollte.

In seinen 15 Jahren im Estádio de Luz führte er die Adler zu elf Meisterschaften, fünf Pokalsiegen und dem zweimaligen Gewinn des Europapokals der Pokalsieger 1961 und 1962 und schoss obendrein Portugal bei der WM 1966 mit neun Toren auf den dritten Rang.

Sporting im Rennen um Eusébio eigentlich in der Favoritenrolle

Dabei war eigentlich Sporting im Rennen um den damals 18-Jährigen in der klar besseren Position und hielt alle Trümpfe in der Hand.

Bereits im Alter von 15 Jahren schloss sich Eusébio dem Sporting Clube de Lourenço Marques, einer Art Ausbildungsklub des Sporting Clube de Portugal, in seiner Heimat an und wurde dort in den darauffolgenden beiden Jahren ausgebildet. Dabei war er bereits so gut, dass er schon früh zu ersten Einsätzen in der ersten Mannschaft kam.

Seine Leistungen blieben auch bei Benfica nicht unbemerkt, die 1960 die Gunst der Stunde ergriffen und ihn verpflichteten. Denn während er bei Sporting zunächst erst einmal ein paar Test im Reserveteam absolvieren sollte, boten ihm die Adler direkt einen Profivertrag an.

Mit der Verpflichtung von Eusébio gelang Benfica Lissabon der vielleicht wichtigste Transfer der Vereinsgeschichte
Mit der Verpflichtung von Eusébio gelang Benfica Lissabon der vielleicht wichtigste Transfer der Vereinsgeschichte © Getty Images

Die Fans von Sporting behaupten dennoch bis heute noch, dass Benfica Eusébio mit der Hilfe der faschistischen Polizei "gestohlen" habe, welche angeblich den Papierkram beschleunigt haben soll.

"Alles Lügen. Ich habe nie verstanden, woher diese Geschichte kam. Benfica bot mir einen professionellen Vertrag an und Sporting wollte, dass ich einige Tests mit ihrem Reserveteam durchführe. Später muss sich jemand bei Sporting diese Geschichte ausgedacht haben, um zu erklären, warum er mich nicht unter Vertrag genommen hat", bezog Eusébio später einmal im Interview mit FourFourTwo dazu Stellung.

Dennoch wollte man bei den Verantwortlichen damals auf Nummer sicher gehen, dass der Spieler auch tatsächlich bei Benfica unterschreiben würde. Nach seiner Ankunft in Portugal versteckte man ihn daher in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in einem kleinen Dorf an der Algarve, ehe man ihn nach der Unterzeichnung des Vertrags nach Lissabon brachte.

1986: SCP feiert höchsten Derby-Sieg der Geschichte

Noch immer haben die Fans von Sporting das Gefühl, dass ihnen Ungerechtigkeit angetan und die Dinge anders verlaufen wären, wenn ihr Klub die Chance ergriffen und den Schwarzen Panther, Eusébios Spitzname in Anspielung auf seine katzenartige Spielweise, damals unter Vertrag genommen hätten.

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Denn während die Löwen seit 1960 nur noch acht Meisterschaften feiern konnten, holten die Adler im selben Zeitraum 28 Mal den Titel. Immerhin gelang den Grün-Weißen im Dezember 1986 eine kleine Genugtuung, als ihnen beim 7:1-Erfolg der bis heute höchste Sieg in einem "Derby de Lisboa" gelang.

1993: Sporting nimmt verspätete Rache an Benfica

Mehr als 30 Jahre nach der Verpflichtung von Eusébio nahm Sporting dann zumindest so etwas wie Rache am großen Rivalen, als 1993 mit Antonio Pacheco und Paulo Sousa zwei der hoffnungsvollsten Spieler der Adler abgeworben wurden.

Wie schwer dieser Verlust für Benfica wog, zeigten auch die Aussagen von Sousa, die er in einem Interview mit FourFourTwo machte. "Es gab einige harte Zeiten. Ich wurde von einigen Fans gejagt und habe einige ziemlich knifflige Situationen durchlebt", erklärte er, stellte aber auch klar, dass er nie Polizeischutz oder Leibwächter gehabt habe: "Es ging eher darum, dass die Leute einfach unterschiedliche Meinungen hatten."

João Pinto (l.) zählte in den 1990er-Jahren zu den besten Fußballern Portugals
João Pinto (l.) zählte in den 1990er-Jahren zu den besten Fußballern Portugals © Getty Images

Und es hätte sogar noch durchaus schlimmer kommen können, standen die Leões damals auch unmittelbar vor der Verpflichtung des als Wunderkind geltenden João Pinto. Dieser wollte sogar schon ein Fax mit der Bitte um seine Freigabe verschicken, was ein Vereinsmitarbeiter jedoch in letzter Sekunde verhindern konnte.

So musste Pinto bei Benfica bleiben und als wäre das nicht schon genug, erzielte er in der darauffolgenden Spielzeit beim 6:3-Sieg im Derby im Estádio José Alvalade XXI einen Hattrick. Sieben Jahre später klappte der Wechsel des Stürmers zu Sporting aber doch noch, 2002 führte er die Mannschaft dann zur bis zur heute letzten Meisterschaft.

1996: "Derby de Lisboa" fordert bis heute einziges Todesopfer

Auch wenn der Hass und die Abneigung zwischen den beiden Rivalen groß ist, so bleiben die Duelle in der Regel – anders als bei vielen anderen Stadtderbys – doch frei von Gewalt und körperlichen Auseinandersetzung.

Nur einmal in der Geschichte forderte das "Derby de Lisboa" bis heute ein Todesopfer. Im Finale des portugiesischen Pokals 1996 feuerten die Anhänger Benficas im Jubel über den Führungstreffer eine Rakete in den Sporting-Block, welche die Brust des zweifachen Familienvaters Rui Mendes durchbohrte, der noch an der Unfallstelle verstarb.

Obwohl die Sporting-Fans im Anschluss lautstark "Mörder, Mörder" skandierten, wurde das Spiel fortgesetzt. Nach dem Sieg Benficas wich die Freude aber schnell Trauer und Entsetzen, welche die Stadt und die beiden großen Rivalen zumindest kurzzeitig vereinte.

Hugo Ignacio, der die Rakete in den Block gefeuert hatte, wurde später zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt.

Benfica in der Liga seit vier Jahren gegen Sporting ungeschlagen

Sportlich haben sich beide Vereine in diesem Jahrtausend immer weiter auseinanderentwickelt. Während Benfica nach einer zwischenzeitlichen Dominanzphase des FC Porto inzwischen wieder die Vormachtstellung in der Liga Nos übernommen hat, wartet Sporting seit 17 Jahren auf die 19. Meisterschaft.

[image id="1A5F701C-4BF2-4E9B-BBD5-9A536973452C" class="original_size" title="Das "Derby de Lisboa" zwischen Sporting und Benfica ist immer ein großer Kampf"]

Seit beinahe vier Jahren wartet man zudem auf einen Ligasieg im "Derby de Lisboa", die Bilanz von 36:69 Siegen in 147 Begegnungen spricht ebenfalls Bände. Immerhin konnte man sich nach einem enttäuschenden sechsten Platz in der Saison 2012/2013 wieder als dritte Kraft in Portugal etablieren.

Doch auch wenn Sporting in der jüngeren Vergangenheit nicht mehr auf Augenhöhe mit Benfica agieren konnte, der Rivalität tut das keinen Abbruch. So dürfen sich die Menschen ins Lissabon auch künftig auf weitere heiße Duelle freuen.

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