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Benfica Lissabon verfolgt eine neue Strategie auf dem Transfermarkt
Benfica Lissabon verfolgt eine neue Strategie auf dem Transfermarkt © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Imago
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München - Benfica Lissabon kann derzeit nicht an den Erfolg alter Tage anknüpfen. Um das zu ändern, revolutioniert der Klub seine Transferstrategie.

Die europäischen Topteams zu Gast im eigenen Stadion ist das Ziel eines jeden Vereins mit Europapokal-Ambitionen. Benfica Lissabon erlebt dieses Phänomen gerade hautnah.

Das Problem: Die Portugiesen sind beim Finalturnier der Champions League in der eigenen Stadt nur Zuschauer. 

Ein Jahr ist es her, dass mit Joao Félix eins der größten Talente der Benfica-Geschichte den Verein in Richtung Atlético Madrid verließ und 126 Millionen Euro in die Kassen spülte. Die Rekordablöse zementierte einmal mehr den Ruf Benficas als Talentschmiede, die Stars ausbildet, sie dann aber mehr oder weniger kampflos für viel Geld verkaufen muss und somit sportlich gesehen auf der Stelle tritt. 

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Benfica und der Europapokalfluch

National streitet sich Benfica seit Jahren mit dem FC Porto um die Vorherrschaft, insgesamt 37 Meistertitel holte das Team in seiner Historie. Doch international ist die Vitrine fast leer – oder zumindest verstaubt. Zweimal holte das Team um den legendären Eusebio den Europapokal der Landesmeister, 1961 und 1962. Einige weitere Finals kamen hinzu, zuletzt 1990. Die letzten beiden internationalen Finals datieren aus den Jahren 2013 und 2014 in der Europa League.  

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Es ranken sich sogar Mythen um einen Europapokalfluch, der auf den Portugiesen haften soll. Nachdem man sich nach dem Landesmeistertitel 1962 von Erfolgstrainer Béla Guttmann getrennt hatte, soll dieser behauptet haben, Benfica gewänne 100 Jahre lang keinen Europacup mehr. Das war vor 58 Jahren. 

Und auch aktuell ist ein internationaler Titel weiter weg denn je. Die letzte Achtelfinalteilnahme in der Königsklasse war im Jahr 2017, 2019 schied Benfica im Europa-League-Viertelfinale gegen Eintracht Frankfurt aus.  

Auch in der aktuellen Spielzeit war das internationale Abenteuer früh beendet. Nach dem Aus in der Gruppenphase der Champions League überstanden die Portugiesen auch die Zwischenrunde in der Europa League nicht. National musste man sich dazu dem Rivalen aus Porto geschlagen geben. 

Nun scheinen die Verantwortlichen sich mit dieser Situation nicht mehr abfinden zu wollen. Mit Jorge Jesus holten sie den einstigen Erfolgstrainer zurück, zwischen 2009 und 2015 gewann er drei nationale Titel mit Benfica, erreichte 2012 zudem das Viertelfinale der Champions League. 

Waldschmidt, Everton und Vertonghen nach Lissabon

Und sie änderten die Transferstrategie: Statt nur auf junge Talente zu setzen, sollen in Zukunft auch gestandene Spieler eine Alternative darstellen. Mit dem jüngsten Transfer-Dreierpack kamen nicht nur der 24 Jahre alte Luca Waldschmidt vom SC Freiburg und der gleichaltrige Brasilianer Everton (Gremio), sondern mit dem 33 Jahre alten Verteidiger Jan Vertonghen auch ein 118-maliger Nationalspieler Belgiens, der über 200 Premier-League-Spiele für die Tottenham Hotspur absolvierte.

Mit Stürmer Edinson Cavani soll zudem ein weiterer Routinier vor einem Wechsel nach Lissabon stehen. Zudem wurde mit Pedrinho ein 22 Jahre alter Brasilianer aus seiner Heimat geholt. Bisheriges Gesamtvolumen der Transferausgaben: 55 Millionen Euro. Das ist gerade in Coronazeiten nicht wenig für die Portugiesen. 

Allerdings hielt Benfica die Félix-Millionen bisher größtenteils zusammen, verpflichtete lediglich Julian Weigl im Winter vom BVB für 20 Millionen Euro. Raul de Thomas, zu Saisonbeginn 2019/20 für 20 Millionen gekommen, verließ Benfica bereits ein halbes Jahr später wieder für einen ähnlichen Betrag. 

Zieht es einen weiteren DFB-Spieler nach Lissabon?

Auch Robin Koch könnte noch dazustoßen, der DFB-Spieler und ehemalige Teamkollege Waldschmidts will den SC Freiburg verlassen, wird ebenfalls mit den Portugiesen in Verbindung gebracht. 

Bis auf Pedrinho sind die verpflichteten oder gehandelten Namen allesamt keine, die in die Kategorie "Talent" fallen.

Waldschmidt entwickelte sich bei Christian Streich zum gestandenen Bundesliga-Spieler, feierte bei Joachim Löw bereits sein Debüt in der DFB-Elf. Everton spielte zwar noch in der Heimat, debütierte ebenfalls aber bereits für die Selecao, war von vielen internationalen Tobklubs umworben. Vertonghen und Cavani sind erfahrene Spieler, die noch ein paar Jahre auf hohem Niveau spielen wollen. 

So will Jesus den Kader für die kommende Saison aufstellen: mehr Erfahrung, gespickt mit Talenten, die den nächsten Schritt machen wollen. Denn davon wartet Benfica nach wie vor mit einigen auf. Auch der Bruder von Joao Félix, Hugo, ist eines davon, der 16-Jährige hat erst vor kurzem seinen Profivertrag unterschrieben.  

Die bisherige Strategie Benficas hat zwar für volle Kassen gesorgt, nicht aber für internationale Erfolge. Mit einer Modifizierung erhoffen sich Jesus & Co., dass sich das ändert. Damit demnächst die internationalen Topteams wieder wegen Benfica im Estádio da Luz zu Gast sind. Und Béla Guttmann mit seinem Fluch nicht Recht behält. 

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