Lesedauer: 5 Minuten
teilenE-MailKommentare

München - Xavi Hernández beendet im Sommer seine große Karriere. Dabei stand der langjährige Barca-Star für mehr als nur Tore und Titel. Eine Ode an den Pass-Magier.

Wir schreiben den 18. August 1998, der FC Barcelona muss im Supercopa-Hinspiel beim RCD Mallorca antreten.

Es regnet auf der Ferieninsel, der Rasen ist nass - und damit prädestiniert für das Spiel der Katalanen. Für kurze, schnelle Pässe, für Dominanz.

Und damit auch die perfekte Bühne für den Spieler mit der Nummer 26. In seinem Ausweis steht Xavier Hernández i Creus, auf seinem Rücken schlicht "Xavi". Trainer Louis van Gaal scheut sich nicht, den gerade erst 18-Jährigen in einem Endspiel von Beginn an aufzustellen.

Anzeige

Überhaupt ist es sein erster Einsatz in einem Pflichtspiel für den großen FC Barcelona. Nervosität: Fehlanzeige. Xavi spielt kurze Pässe, lange Pässe, schnelle, vertikale und horizontale Pässe - unendlich viele Pässe.

Er ist in diesem Finale der Fixpunkt in einer Mannschaft, die kurz zuvor spanischer Meister wurde und in der der kommende Weltfußballer Rivaldo in der Offensive sein Unwesen treibt.

Mastermind im Kinderkörper

In der 16. Spielminute erzielt er sogar den Führungstreffer, dennoch verliert sein Team am Ende mit 1:2. Letztlich eine Randnotiz.

1998 begann die große Karriere von Xavi Hernández beim FC Barcelona
1998 begann die große Karriere von Xavi Hernández beim FC Barcelona © Imago

Denn allen Anwesenden wird schnell klar: Dieser schmächtige Bursche ist außergewöhnlich. Außergewöhnlich talentiert und wie geschaffen für die ballbesitzorientierte Spielidee des FC Barcelona seit der Ankunft von Johan Cruyff.

Sie sollten Recht behalten.

21 Jahre, acht spanische Meisterschaften, vier Champions-League-Titel, zwei Europameister- sowie einen Weltmeistertitel - um nur einige zu nennen - und vor allem unzählige Pässe später beendet Xavi im Sommer seine unvergleichliche Karriere als Fußballer.

Zuletzt spielte der mittlerweile 39-Jährige in Katar, für den Al Sadd Sports Club. Die Meisterschaft in der "Stars League" ist bereits eingetütet, in der asiatischen Champions League ist der Verein noch im Wettbewerb. Danach soll endgültig Schluss sein - zumindest als aktiver Fußballspieler.

Zeit, sich vor einem der größten Mittelfeld-Strategen der Geschichte zu verneigen.

Meistgelesene Artikel

Die Personifikation von Tiki-Taka

Wenn man über Xavi Hernández spricht, dann wird die reine Aufzählung der etlichen Titel und Torvorlagen auf Vereins- und Länderebene seiner Bedeutung für den spanischen Fußball nicht im Ansatz gerecht.

85 Tore und 182 Assists gelangen ihm in 769 Pflichtspielen für den FC Barcelona. Doch es gab in Xavis Fußballer-Dasein nur eine einzige Zahl, die ihn wirklich interessierte: die Null - null Ballverluste. Darüber definierte der Rechtsfuß seine fußballerische Identität. Und es gab wohl in der Geschichte des Fußballsports niemanden, dem dies so gut gelang.

Sein Spiel lebte von der Einfachheit - zumindest ließ er es einfach aussehen. Eine Fähigkeit, die nur den größten aller Sportler vorbehalten ist. Beinahe mühelos brachte er Pass um Pass an den Mitspieler, mit geschickten Bewegungen hielt er sich selbst physisch weit überlegene Gegner vom Leib.

"Wenn du selbst den Ball hast, kann der Gegner kein Tor schießen", lautet das Credo der Barca-Talentschmiede "La Masia", aus der auch der junge Xavi entsprungen ist.

Das Barcelona zwischen 2008 und 2012 gilt unter vielen Experten als das spielerisch beste Team aller Zeiten. Mit noch nie dagewesener Dominanz und fußballerischer Perfektion ließ Trainer Pep Guardiola die Fußball-Welt staunen.

Genies unter sich: Der ehemalige Barca-Trainer Pep Guardiola (r.) und Xavi Hernández
Genies unter sich: Der ehemalige Barca-Trainer Pep Guardiola (r.) und Xavi Hernández © Getty Images

Er hob die ball-dominante Spielidee, den "Voetbal total", den Johan Cruyff dem FC Barcelona Ende der 90er-Jahre in die DNA eingepflanzt hatte, noch mal auf ein neues Level. Spanische Journalisten erschufen sogar ein eigenes Wort für den Spielstil: Tiki-Taka.

Und wenn Pep Guardiola der Komponist von Tiki-Taka war, dann war Xavi erster Dirigent - trotz Lionel Messi.

Der ungekürte Weltfußballer

Auch das spanische Nationalteam adaptierte diese Spielweise - und die Erfolge. Zwei Europameisterschaften und die lang ersehnte Weltmeisterschaft fallen in die Hochzeit der spanischen Herrschaft. Xavi war auch hier mehr als nur der Kapitän.

Auch mit Spanien auf dem Gipfel: Xavi nach dem Sieg im WM-Finale 2010
Auch mit Spanien auf dem Gipfel: Xavi nach dem Sieg im WM-Finale 2010 © Getty Images

"Der spektakulärste Spieler ist Messi, der beste ist Xavi", gab Johan Cruyff höchstpersönlich im Jahr 2012 bei ESPN zu verstehen. Man konnte ihm nur schwer widersprechen.

Xavi war das Fundament, auf dem der Glanz und das Spektakel der Ronaldinhos, Figos und Messis erst entstehen konnte. Auch deshalb blieb ihm eine große individuelle Auszeichnung verwehrt.

Xavi ist bescheiden und intelligent genug, um diese Tatsache richtig einordnen zu können. Sein Plan für die Karriere nach der Karriere steht natürlich längst.

Der Barca-Weg

"Ich kann es kaum erwarten, was die Zukunft für mich als Trainer bereithält", gab er jüngst bekannt. Die Antwort auf die Frage nach seiner Spielidee? "Technische Brillanz und absolute Dominanz." Selbstredend.

Die Frage scheint nicht ob, sondern wann Xavi sein altes Arbeitsumfeld auf dem Rasen gegen die Coaching-Zone im Camp Nou eintauscht.

"Ich bin ein Lehrling der Schule Barcas, sonst bin ich nichts", beschrieb sich der Katalane stets selbst. 

Der FC Barcelona verpflichtete unlängst Pass-Maschine Frenkie de Jong für 75 Millionen Euro von Ajax Amsterdam. Dieser ließ im niederländischen Fußballmagazin Voetbal International verlauten: "Ich habe mir früher viele Videos von Xavi bei YouTube angeschaut. Unterbewusst habe ich mir auch sein Spiel angeeignet."

Wer weiß: Vielleicht erklärt ihm sein Vorgänger bald persönlich die Feinheiten. Xavi wäre nicht der erste Lehrling, der in Barcelona zum Lehrmeister aufsteigt.

Nächste Artikel
previous article imagenext article image