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Das Aus in der Champions League schmerzt Real Madrid sehr. Insbesondere die Offensive ist wenig galaktisch. Kommt Martin Odegaard schneller zurück als gedacht?

Diese Offensive ist überhaupt nicht königlich.

Jahrelang stand Real Madrid vor allem für eins: erfrischenden Offensivfußball und unbändigen Torhunger. Schon zu Zeiten von Luís Figo, Zinédine Zidane oder David Beckham wurde in der spanischen Hauptstadt fast nur Wert auf die Offensive gelegt, worunter die eigene Abwehr des Öfteren zu leiden hatte.

Mit der Ankunft von Cristiano Ronaldo im Jahr 2009 erreichte diese Entwicklung eine neue Stufe. Die Königlichen schossen unter der Führung der Portugiesen regelmäßig alles kurz und klein, Ronaldo selbst stellte dabei einen Torrekord nach dem anderen auf.

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Um ein paar Zahlen zu nennen: In der Saison 2014/15 schossen die Königlichen in der La Liga in 38 Spielen unfassbare 118 Tore, Ronaldo selbst steuerte 48 bei. In der Saison darauf waren es 110.

Weit entfernt von der Ronaldo-Ära

Die jahrelange Dominanz, die sich vor allem international mit vier Champions-League-Titeln in fünf Jahren zeigte, kam nicht zuletzt aufgrund der unfassbaren Offensivpower der Königlichen zustande.

Doch 2018 verabschiedete sich Ronaldo zu Juventus Turin. Und der Abgang des Portugiesen riss ein Loch in die Real-Offensive, das auch zwei Jahre später noch nicht einmal ansatzweise gestopft wurde.

Zum Vergleich: In der Saison 2017/18, der letzten Ronaldos im Real-Dress, erzielte die Mannschaft von Trainer Zidane 94 Treffer. In der Saison 2018/19 waren es dann nur noch 63, in der abgelaufenen Meister-Saison immerhin 70.

Dass die Königlichen sich in dieser Spielzeit zum Meister krönten, hatte wenig mit der offensiven Stärke, sondern vielmehr mit einer starken Defensive und dem Unvermögen des Konkurrenten FC Barcelona zu tun.

Problemfälle Jovic, Bale, Hazard

Dabei spielen bis auf Ronaldo so gut wie alle Offensivstars der vergangenen Jahre bei Real. Oder zumindest stehen sie im Kader. Doch James Rodriguez und Gareth Bale spielen schon länger keine Rolle mehr unter Zidane, und auch Iscos Entwicklung ging in den vergangenen Jahren eher bergab.

Während Real in der ersten Spielzeit ohne Ronaldo vornehmlich in junge, talentierte Offensivspieler wie Vinicius Jr. (kam für 45 Millionen Euro von Flamengo) investierte, angelten die Königlichen – nach kurzem Intermezzo wieder von Zidane trainiert – mit Eden Hazard einen echten Hochkaräter für den Flügel. 115 Millionen überwiesen die Königlichen für den belgischen Dribbler an den FC Chelsea.

Mit Luka Jovic von Eintracht Frankfurt wurde zudem einer der zu diesem Zeitpunkt begehrtesten Nachwuchsstürmer Europas für 60 Millionen Euro verpflichtet, zudem kam der 18-jJährige Brasilianer Rodrygo vom FC Santos, er kostete wie im Vorjahr Vinicus 45 Millionen Euro und ist wie sein Landsmann für die Flügelpositionen vorgesehen.

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Doch auch diese Investitionen, allen voran Hazard und Jovic, brachten nicht den erhofften Erfolg. Am Ende der Saison war wieder einmal Alleinunterhalter Karim Benzema mit 21 Saisontreffern (genau wie im Vorjahr) bester Schütze. Der Franzose ist der einzige, der nach dem Abgang von Ronaldo weiter auftrumpft.

Mit elf Treffern (sechs Elfmetern) folgte Abwehrchef und Kapitän Sergio Ramos, der nicht unbedingt als torgefährlich geltende Toni Kroos ist gemeinsam mit seinem Mittelfeldpartner Casemiro mit vier Treffern drittbester Schütze. Das sagt viel aus.

Hazard erzielte sogar nur einen Saisontreffer. Persönlich habe er die schlechteste Saison seiner Karriere hinter sich, erklärte Hazard zumindest selbstkritisch. Unschuldig daran ist er nicht. Zwar absolvierte der 29-Jährige verletzungsbedingt nur 16 Ligaspiele, kam letztes Jahr aber auch mit beträchtlichem Übergewicht aus dem Sommerurlaub. 

Auch Jovic blieb mit seinen zwei Treffen in 17 Ligaeinsätzen weit unter den Erwartungen, fiel zudem in der Coronazeit mit Disziplinlosigkeiten auf. Laut Marca denkt Real daher nach nur einem Jahr über einen Verkauf des 22 Jahre alten Serben nach.

Kein Platz für Kubo und Reinier

Es läge eigentlich im Naturell der Königlichen, nach so einer offensiv verkorksten Saison noch einmal ordentlich Geld für offensive Klasse in die Hand zu nehmen. Doch wie beim Konkurrenten aus Barcelona sorgt die Corona-Krise für knappe Kassen.  

Laut Marca muss Real erst zahlreiche Spieler aus dem 35-Mann-Kader verkaufen, um Neuverpflichtungen tätigen zu können. Das Magazin hat nun eine Streichliste von zehn Spielern veröffentlicht, neben Bale und James Rodriguez tauchen auch Jovic sowie Weltfußballer Luka Modric und Bayern-Leihe Álvaro Odriozola auf.

Mit Verkäufen wie dem zuvor an Borussia Dortmund ausgeliehenen Achraf Hakimi zu Inter Mailand wurden schon 48 Millionen Euro eingenommen, weitere 130 Millionen erhofft sich Real offenbar.

Dabei hätten die Königlichen sogar noch zwei Offensiv-Talente in der Hinterhand, die in der vergangenen Saison leihweise bei anderen Vereinen spielten. Doch Takefusa Kubo wird auch in der kommenden Saison nicht für Madrid spielen, obwohl der 19-Jährige eine starke Debütsaison bei Real Mallorca hingelegt hatte.

Real darf laut La-Liga-Statuten nur drei Nicht-EU-Ausländer im Kader haben, neben Rodrygo und Vinicus Jr. ist das der brasilianische Abwehrspieler Eder Militao. Der Japaner Kubo wurde an den Tabellenfünften FC Villareal verliehen. Auch Neuzugang Reinier, ebenfalls Brasilianer, dürfte noch verliehen werden.

Zidane will Odegaard zurück

Ein Ausweg aus Reals Offensivdilemma könnte Martin Odegaard sein. Eigentlich sollte das frühere norwegische Wunderkind noch ein Jahr bei Real Sociedad San Sebastián reifen. Dort trumpfte der 21-Jährige in der abgelaufenen Saison stark auf. Odegaard traf in 36 Pflichtspielen siebenmal, bereitete neun weitere Treffer vor, war Dreh- und Angelpunkt der Offensive und führte die Basken als Sechster in die Europa League. 

Nun soll insbesondere Zidane auf eine sofortige Rückkehr von Odegaard drängen. Denn die Not bei Real ist groß. 

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