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München und Sevilla - Lange Zeit war das Titelrennen in Spanien ein Dreikampf zwischen Real, Atlético und Barca. Doch kurz vor Saisonende mischt auch der FC Sevilla kräftig mit. Das hat Gründe.

Als die spanische Sportzeitung AS vor gut einen Monat das Restprogramm der Titelanwärter in La Liga abdruckte, zählte sie die verbleibenden Spiele von Real Madrid, dem FC Barcelona und Atlético Madrid auf.

Einer der großen Drei wird es schon machen, so die Botschaft dahinter. Schließlich war damals schon abzusehen, dass der schwächelnde Tabellenführer Atlético den Atem der Verfolger von Barca und Real noch zu spüren bekommen würde. (Service: Tabelle von La Liga)

Und dennoch sind diese Zahlenspiele längst veraltet. Denn mittlerweile hat sich – klammheimlich und unbemerkt von der großen Öffentlichkeit - ein weiterer Klub zu den Meisterschaftsaspiranten gesellt: der FC Sevilla!

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FC Sevilla feiert fünf Siege in Folge

Nach fünf Siegen in fünf Spielen im April – darunter ein 1:0 gegen Atlético – hat das Team von Trainer Julen Lopetegui den Rückstand auf den Spitzenreiter aus der Hauptstadt auf nur noch drei Punkte verkürzt. Real und Barca – die beiden Super-Klubs aus Spanien – sind nur noch einen Punkt entfernt. (Service: Ergebnisse von La Liga)

Dass der Underdog plötzlich ganz oben mitmischt, hat viele Gründe.

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Einer ist sicherlich die Unbekümmertheit, mit der die Südspanier in den letzten Wochen auftreten.

Während die Last des Scheiterns die großen Drei derzeit zu hemmen scheint, macht sich das Team aus Sevilla überhaupt keinen Meisterdruck. "Wir hoffen, dass wir erstmals in der Vereinsgeschichte zum zweiten Mal hintereinander in die Königsklasse kommen", hatte Sevillas Routinier Ivan Rakitic jüngst bei SPORT1 gesagt. (INTERVIEW: Rakitic über Bayern-Interesse und sein Verhältnis zu Messi)

Nur ein paar Tage nach dem Interview hatte die Mannschaft des ehemaligen Schalkers dieses Ziel schon vorzeitig erreicht. Platz vier ist ihnen fünf Spieltage vor Saisonende nicht mehr zu nehmen.

Sie können jetzt noch befreiter aufspielen und immer mal wieder zur Konkurrenz schielen, die auf der Zielgeraden mächtig ins Stolpern gerät - wie Barcelona erst am Donnerstag gegen Granada.

Rakitic: Sevilla hat sehr viel richtig gemacht

Rakitic selbst hat sechs Jahre für die Katalanen gespielt, ehe er zu Beginn dieser Saison nach Sevilla zurückkehrte, wo für ihn 2011 in Spanien alles begann.

Der 33-jährige Kroate weiß also nicht erst seit gestern, welch herausragende Arbeit in Sevilla im Schatten der Großklubs geleistet wird. "Der Verein hat in den vergangenen Jahren sehr viel richtig gemacht", sagte der Vize-Weltmeister von 2018 und meint damit sicherlich nicht nur die internationalen Erfolge in den letzten 15 Jahren.

Seit 2006 gewann der Klub sechsmal den UEFA-Pokal und dessen Nachfolge-Modell, die Europa League. Damit ist er Rekordsieger dieses Wettbewerbs.

Monchi holte Dani Alves, Sergio Ramos und Adriano

Der Konstrukteur dieses Erfolgs ist ein Mann in den 50ern mit hoher Stirn und Vollbart, der von allen nur "Monchi" genannt wird. Ramón Rodríguez Verdejo, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, lenkt seit 2000 – unterbrochen von einer kurzen Auszeit vor ein paar Jahren - als Sportdirektor die Geschicke des Klubs.

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Ramón Rodríguez Verdejo ist beim FC Sevilla der Vater des Erfolges
Ramón Rodríguez Verdejo ist beim FC Sevilla der Vater des Erfolges © Imago

Wer sich auf die Suche nach seinem Erfolgsrezept begeben will, kann sich durch zahlreiche Youtube-Clips klicken, die in Zeiten der Corona-Pandemie entstanden sind und in denen er seine Philosophie erklärt.

Vereinfacht ausgedrückt heißt die Message: Ein erfolgreicher Schnäppchenjäger wird man nur durch schlaues Scouting. Nur so kann man sich vom Rest des Mittelmaßes abheben und mit den Großen der Branche konkurrieren.

So lockte er beispielsweise Dani Alves, Adriano oder Kevin Gameiro nach Sevilla, wo diese sich weiterentwickelten und anschließend für teures Geld weiterzogen. Real-Legende Sergio Ramos oder Jesus Navas entdeckte er schon für Sevilla, als sie noch in der Jugend spielten.

Navas kehrte 2017 genau wie Rakitic ein paar Jahre später wieder zurück. Beide blühten unter der andalusischen Sonne wieder auf. "Ich fühle mich so gut wie nie. Ich bin jetzt besser drauf als mit 22 oder 23 Jahren", sagte Rakitic bei SPORT1: "Ich genieße alles und bin am richtigen Ort."

Das werden auch einige andere Sevilla-Spieler von sich behaupten, wie zum Beispiel Lucas Ocampos. Der Argentinier wurde weder beim AS Monaco noch bei Olympique Marseille richtig glücklich – und trumpft nun in Sevilla auf.

Gleiches gilt auch für Trainer Lopetegui: Als Spaniens Nationaltrainer sorgte er 2018 mit der Verkündung für einen Knall, dass er nach der Weltmeisterschaft per Ausstiegsklausel zu Real Madrid wechselt - und flog deswegen zwei Tage vor dem WM-Auftaktspiel gegen Portugal raus.

Bei den Königlichen scheiterte er allerdings krachend: Nach nur 14 Spielen und einem 1:5 im Clásico gegen Barca wurde Lopetegui auch bei Real gefeuert. Mit dem Amtsantritt zur Saison 2019/20 beim FC Sevilla meldete er sich dann zurück.

Youssef En-Nesyri ist der Top-Transfer von Monchi

Sevillas Top-Transfer schlechthin war aber Youssef En-Nesyri. Der marokkanische Mittelstürmer kam Anfang 2020 für 20 Millionen Euro von Leganes zu Sevilla und trifft in dieser Saison wie am Fließband. 17 Tore in der spanischen Liga und sechs Treffer in der Champions League sprechen für den 23-Jährigen.

Macht er so weiter, dürfte er spätestens im kommenden Jahr ein Vielfaches seiner Ablösesumme in Sevillas Kassen spülen.

Jetzt aber richtet sich der Fokus erst einmal auf den Titelkampf in Spanien, wo Sevilla exakt 75 Jahre nach der bislang einzigen Meisterschaft den großen Coup wiederholen könnte. Nach dem Spiel am kommenden Montag gegen Bilbao steht am darauf folgenden Wochenende der vielleicht schon vorentscheidende Spieltag auf dem Programm.

Sevilla muss am Sonntag bei Real Madrid antreten, am Tag zuvor schon empfängt der FC Barcelona Atlético. Danach könnten in der Tat nur noch drei Mannschaften realistische Titelchancen haben. Es muss sich dabei aber nicht zwangsläufig um Real, Barca und Atlético handeln.

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