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Andre Villas-Boas (M.) bei seiner Präsentation mit Jacques-Henri Eyraud (r.) und Sportdirektor Andoni Zubizarreta
Andre Villas-Boas (M.) bei seiner Präsentation mit Jacques-Henri Eyraud (r.) und Sportdirektor Andoni Zubizarreta © Getty Images
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André Villas-Boas wird einst als nächster Mourinho gefeiert. Doch vom damaligen Hype um den Portugiesen ist nicht mehr viel übrig. Eine Spurensuche.

Accrington Stanley ist ein ziemlich kleiner Fleck auf der Fußballlandkarte.

Und doch ernteten "die berühmtesten kleinen Fische", wie Klubboss Peter Marsden sein Team nach dem Aufstieg in Englands drittklassige League One 2018 taufte, unlängst international Beachtung.

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Anlass war ein 2:1-Erfolg in einem Testspiel gegen das französische Topteam Olympique Marseille, für das immerhin Stars wie Florian Thauvin, Dimitri Payet und auch der Ex-Bayer Luiz Gustavo auf dem Rasen standen.

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Um die Blamage perfekt zu machen, setzte es für den neuen Trainer André Villas-Boas und sein Team nur wenige Tage später eine krachende 0:4-Niederlage gegen die Glasgow Rangers. Zu allem Überfluss verletzte sich dabei auch noch Thauvin am Knöchel.

Villas-Boas: "Glaube an meine Jungs"

Gewiss sollte man in solche Ergebnisse nicht zu viel hineininterpretieren, aber die Aussagen von Villas-Boas in L'Équipe klingen schon jetzt wie Durchhalteparolen, wenn er sagt: "Wir brauchen Resultate, um uns Selbstvertrauen zu erarbeiten. Aber ich glaube an meine Jungs."

Mut schöpft Villas-Boas nicht nur aus der Tatsache, dass der Saisonstart noch vier Wochen entfernt ist - auch beim Thema Neuzugänge gibt er sich optimistisch. "Wir werden mit mehr Aggressivität in den Markt einsteigen, innerhalb von zwei Wochen sollten sich einige Dinge bewegen. Es ist spät, aber so ist es nun mal..."

Es ist Villas-Boas' erste Trainerstation nach einer fast zweijährigen Pause, die der Portugiese nach seinem Abschied von Shanghai SIPG einlegte.

Nachdem der 41-Jährige zwischenzeitlich mit seinem Start bei der Rallye Dakar für Aufsehen gesorgt oder sich auf einem Snowboard in die Halfpipe gewagt hatte, ist er nun zurück in seinem Metier. Doch der bislang holprige Verlauf seines Comebacks an der Seitenlinie passt in gewisser Weise ins Bild seiner etwas ins Stocken geratenen Karriere.

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Aber wie konnte es so weit kommen? Für einen, der einst als nächster José Mourinho gefeiert wurde?

Erfolge im Windschatten von Mourinho

2003 holte Mourinho den damals 25-Jährigen in sein Trainerteam zum FC Porto, nachdem sich Villas-Boas zunächst erfolglos als Nationaltrainer der Britischen Jungferninseln ausprobiert hatte. Nach Jahren als sein Assistent trat Villas-Boas 2009 schließlich aus Mourinhos Schatten - und direkt ins Rampenlicht.

Indem er mit Académica Coimbra überraschend den Klassenerhalt schaffte, machte er sich in Portugal auf Anhieb einen Namen. 2010 kehrte Villas-Boas als Cheftrainer zum FC Porto zurück und holte ungeschlagen den Meistertitel. Der Pokalsieg und der UEFA-Cup-Triumph machten das "kleine" Triple perfekt.

Villas-Boas galt als der neue Star der Trainergilde, der basierend auf Mourinhos defensiver Kompaktheit dennoch spektakulären Offensivfußball mit Radamel Falcao und Hulk als Hauptdarstellern spielen ließ.

Der Schritt zum FC Chelsea war praktisch die logische Konsequenz. Doch der erhoffte Erfolg blieb aus. Noch während seiner Debütsaison wurde er entlassen, auch sein anschließendes Engagement bei Tottenham Hotspur endete vorzeitig.

Wolfsburg-Absage wegen Forderungen?

Aufwärts ging es für Villas-Boas dann erst wieder fernab von Englands Eliteliga. Mit Zenit St. Petersburg wurde er zwischen 2014 und 2016 je einmal russischer Meister, Pokal- und Superpokalsieger, ehe er 2016 sein Glück in China suchte, aber nicht wirklich fand.

Während seiner Auszeit wurde Villas-Boas auch immer mal wieder in der Bundesliga gehandelt, zuletzt beim VfL Wolfsburg als Nachfolger von Bruno Labbadia. Ein Engagement soll aber auch daran gescheitert sein, dass er laut Bild sieben (!) Assistenztrainer mitbringen wollte.

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Nun also Marseille. Wie France Football anlässlich seines Amtsantritts schrieb, sei OM auch eine Prüfung für Villas-Boas, ob er sich seit seiner Zeit in England weiterentwickelt habe. Schließlich werde ihm mangelnde Durchsetzungsfähigkeit und die Flucht vor Konflikten mit seinen Spielern nachgesagt.

Die Erwartungen an den neuen Trainer ist nach enttäuschenden Spielzeiten hoch beim Champions-League-Sieger von 1993, er weiß das genau. "So kann es nicht weitergehen", sagte er nach den Testspiel-Blamagen. 

Villas-Boas wird jedenfalls alles versuchen, dass man seine Zeit in Marseille nicht allein mit Accrington Stanley in Verbindung bringt.

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