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Liverpool und München - Das Prunkstück des FC Liverpool ist die Offensive. Doch ausgerechnet auf der Zielgeraden der Saison stottert der Motor. Die Sorge an der Anfield Road wächst.

Jürgen Klopp hatte schnell einen Schuldigen für die Nullnummer im Merseyside-Derby gefunden.

"Der Wind kam aus allen möglichen Richtungen. Das hat man in vielen Szenen gesehen. Das hat nicht gerade geholfen, Fußball zu spielen", haderte der Trainer des FC Liverpool.

Ausgerechnet das stürmische Wetter soll dafür gesorgt haben, dass der Offensivwirbel der Reds nicht zur Entfaltung kam. Doch die Gründe für die Torflaute liegen tiefer - und zeigen sich sinnbildlich an Mohamed Salah, dem Torkönig a.D.

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Mehrfach schrie der Ägypter am Sonntag seinen Frust in den wolkenverhangenen Liverpooler Abendhimmel. Selbst größte Chancen, die er noch vor einiger Zeit mit verbundenen Augen verwandelt hätte, ließ er ungenutzt. Erstmals seit seinem Wechsel nach Liverpool 2017 blieb Salah in drei aufeinanderfolgenden Premier-League-Spielen ohne Tor.

Entweder scheiterte er an Englands Nationalkeeper Jordan Pickford oder im letzten Moment warf sich noch ein Everton-Verteidiger in die Schussbahn. "Ich weiß schon, was die Experten im Studio sagen werden - Situationen wie diese musst du abschließen", prophezeite Klopp.

Liverpool-Idol Souness kritisiert Mittelfeld

Und die Kritik von Liverpool-Idol Graeme Souness ließ in der Tat nicht lange auf sich warten. Für den früheren Mittelfeldspieler liegt das Problem nicht unbedingt an vorderster Front.

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"Es ist einfach, mit dem Finger auf die vordersten Drei zu zeigen, aber sie müssen bedient werden. Ich denke, das Mittelfeld verschafft ihnen nicht die Chancen", sagte der 65-Jährige in seiner Rolle als TV-Experte bei Sky. "Die ganz besonderen Spieler entscheiden große Spiele. Liverpool hat diesen Spielertyp nicht."

Souness zog in diesem Zusammenhang den Vergleich zum neuen Tabellenführer Manchester City. Das Mittelfeld der Citizens verfügt mit Bernardo Silva, David Silva und Kevin De Bruyne über deutlich mehr Kreativität hinter den Spitzen.

Workaholics statt Künstler

Bei den Reds sieht Souness vor allem "Workaholics" in der Schaltzentrale. Spieler wie Jordan Henderson, Georginio Wijnaldum, Fabinho und James Milner "werden dich niemals im Stich lassen, wenn es darum geht, die anstrengenden Meter zu machen", meinte der Schotte. Pfiffige und clevere Pässe seien aber von ihnen eher nicht zu erwarten.

Zusammengenommen war das Reds-Quartett in allen Pflichtspielen für acht Tore und neun Assists verantwortlich, wobei Henderson noch gar keine Torbeteiligung vorzuweisen hat. Zum Vergleich: ManCitys David Silva kommt allein auf neun Treffer und elf Vorlagen. Selbst der lange verletzt ausgefallene De Bruyne hat mit je vier Toren und Assists noch bessere Werte als das Liverpooler Mittelfeld.

Kritik gab es zuletzt auch an der Spielweise, Ruud Gullit prangerte schon vor der Partie gegen Everton die jüngsten Auftritte von Klopps Team an. "Sie spielen zu oft lange Bälle. Mit einem Stürmer wie Mo Salah ist das die falsche Taktik", sagte der Europameister von 1988 dem Mirror. "Es fehlte an Pressing, Kreativität und Energie."

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Klopp habe laut Souness den Mangel zwar schon vor der Saison identifiziert, seine Bemühungen um Olympique Lyons Nabil Fekir blieben aber letztlich erfolglos. Hinzu kommt, dass der Ex-Leipziger Naby Keita nicht an seine bei RB Leipzig gezeigten Leistungen im Trikot der Reds anknüpfen kann, wettbewerbsübergreifend brachte er in 26 Einsätzen lediglich eine Torvorlage zustande.

Keita erfüllt Erwartungen nicht

"Wenn man sich Keita anschaut, hat er ihnen nichts anderes gebracht als das, was sie schon haben. Ich denke, sie haben mehr erwartet hinsichtlich Chancen herausspielen und abschließen", analysiert Souness.

Vor allem vor dem Kasten klemmt es bei der einst gefürchteten Liverpooler Tormaschine gewaltig. Das zeigte nicht zuletzt das 0:0 im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League gegen den FC Bayern. Nur fünf Tage später folgte in der Premier League die Nullnummer bei Manchester United, am Sonntag endete schließlich auch das Merseyside-Derby torlos. Erstmals seit Dezember 2015 blieben die Reds in zwei Ligaspielen in Folge ohne Torerfolg.

Außerhalb der Anfield Road läuft es einfach nicht. In den vergangenen drei Auswärtspartien ließ Klopps Team sechs Punkte liegen.

Die Gefahr, auf den letzten Metern den ersten Meistertitel seit fast 30 Jahren zu verspielen, ist spätestens seit dem Verlust der Tabellenführung am Wochenende konkreter denn je. Und nicht nur das Nervenkostüm der Spieler vor dem Tor ist angespannt, auch Klopp reagierte dünnhäutig.

Er könne nicht wie auf der Playstation einfach so noch mal einen Stürmer aufstellen, "so funktioniert Fußball nicht", belehrte Klopp einen Reporter auf der Pressekonferenz, "man kann nicht mehr als 100 Prozent Risiko gehen, man kann nicht verrückt spielen."

Bleibt zu hoffen, dass sich das stürmische Wetter bald verzieht.

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