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Mesut Özil vom FC Arsenal
Mesut Özil vom FC Arsenal © Getty Images
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München - Mesut Özil verteidigt sich und seine Entscheidungen in einem bemerkenswerten Interview. Doch wieviel Wahrheit steckt in seinen Aussagen? SPORT1 analysiert.

Das hat gesessen!

Am Donnerstag ließ Mesut Özil mit einem bemerkenswerten Interview aufhorchen.

Dabei verteidigte er nicht nur sein Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, sondern nahm sich neben seinen Kritikern auch sehr deutlich seine ehemaligen Teamkollegen aus der Nationalmannschaft zur Brust.

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SPORT1 nimmt die Aussagen unter die Lupe.

Das sagt Özil: "Niemand aus dem Nationalteam hat sich hingestellt und gesagt 'Stopp. Das ist unser Spieler, ihr könnt ihn nicht so behandeln'. Sie haben nichts gesagt und es geschehen lassen."

In der Tat beschränkte sich die Unterstützung der Teamkollegen aus der DFB-Elf während und nach der Erdogan-Affäre auf ein Minimum. Nach seinem Rücktritt hatten nur Jerome Boateng, Antonio Rüdiger und Julian Draxler einen öffentlichen Dank ausgesprochen.

Toni Kroos sprach angesichts der Rücktrittserklärung von "einem hohen Anteil Quatsch", Thomas Müller sah eine "heuchlerische Diskussion": "Von Rassismus im Sport und in der Nationalmannschaft kann keine Rede sein."

Ein Verhalten, das Boateng später deutlich kritisierte. "Da geht es um einen tollen Spieler, der mit uns Weltmeister geworden ist, der den deutschen Fußball auch ein Stück weit verändert hat. Eine Nummer 10 mit Migrationshintergrund! Dem muss man Danke sagen."

Özil verteidigt seine Leistung

Das sagt Özil: "Ich habe neun Jahre für Deutschland gespielt und gehörte zu den erfolgreichsten Spielern. Ich bin Weltmeister geworden, habe viele Spiele gemacht - sehr viele davon sehr gut - und habe alles gegeben."

Einen Tag nach seinem Rücktritt betitelte Uli Hoeneß Özil als "Alibi-Kicker" und "reinen Mitläufer", der seit Jahren keinen Zweikampf gewonnen habe.

Fakt ist aber, die Zahlen sprechen für Özil! In 92 Länderspielen sammelte er starke 56 Scorerpunkte (23 Tore, 33 Assists). Er bereitete in dieser Zeit mit Abstand die meisten Tore vor (auf Platz zwei: Thomas Müller mit 23 Vorlagen).

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Bei der WM in Russland 2018 bestritt der deutsche Spielmacher insgesamt 23 Zweikämpfe und gewann davon 56 Prozent - für einen offensiven Mittelfeldspieler ein ausgesprochen guter Wert!

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Can macht es Özil vor

Das sagt Özil: "Erdogan ist der amtierende Präsident der Türkei, und ich würde dieser Person immer meinen Respekt erweisen, egal, wer sie ist. Auch wenn ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin, ist die Türkei ein Teil von mir. Wenn die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in London um ein Treffen gebeten hätte, würde ich das natürlich auch machen. Es geht nur darum, der Person im höchsten Amt eines Landes Respekt zu zollen."

In diesem Punkt macht es sich Özil definitiv zu einfach, auch wenn deutsch-türkische Fußballer im dauernden Dilemma stecken, Erwartungen von zwei Seiten erfüllen zu müssen. Er hat sich - ob wissentlich oder aus Naivität – als Propaganda-Instrument eines autoritären Despoten einspannen lassen. DFB-Teamkollege Emre Can hat gezeigt, dass es auch anders geht, indem er die damalige Einladung ausschlug.

Dass er sein 'Ja' zum Foto nun zu einem Zeitpunkt bekräftigt, an dem Erdogan einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg in Syrien führen lässt, lässt die Aussagen noch fragwürdiger erscheinen. (Das Dilemma deutsch-türkischer Fußballer - ein Gastkommentar von Fatih Demireli)

Rechtsruck in der Gesellschaft

Das sagt Özil: "Es gibt große Probleme in Deutschland. Man muss sich nur anschauen, was letzte Woche in Halle passiert ist. Leider ist Rassismus nicht nur ein Problem des rechten Flügels im Land. Er ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen."

Was Özil hier anspricht, ist angesichts aktueller Entwicklungen kaum von der Hand zu weisen. Ein Rechtsruck, nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern Europas, ist seit geraumer Zeit spür- und anhand von Wahlergebnissen auch messbar.

"Extreme und fremdenfeindliche Ansichten, die vor ein paar Jahren noch höchstens heimlich zuhause nach dem fünften Bier miteinander geteilt wurden, werden wieder salonfähig", kommentierte Matthias Becker, stellvertretender Chefredakteur Digital von SPORT1, am Montag treffend.

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