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Die Premier League steht laut englischer Medien "in einem Bürgerkrieg". Die Pläne eines Liga-Bosses könnten die Kluft zwischen den Vereinen noch größer werden lassen.

Als hätten die Themen Corona und Brexit den Menschen in England nicht schon vieles abverlangt, gerät jetzt auch noch der Fußball auf der Insel in einen schweren Konflikt - jedenfalls wenn man den martialischen Äußerungen vieler englischer Zeitungen glauben will. 

"Rick Parry hat einen Bürgerkrieg ausgelöst, indem er mit Liverpool und Manchester United einen Putsch in der Premier League vorbereitetet", schreibt etwa der Mirror

Parry, das ist der Boss der "English Football League" (EFL), die den Unterbau des englischen Fußballs von der zweiten bis zur vierten Liga bildet. Doch anstatt mit dem Verband der Premier League zusammenzuarbeiten, hat sich der EFL-Chef mit dem Projekt "Big Picture" nun klammheimlich auf die Seite der Top-Klubs geschlagen - und einen offenen Streit heraufbeschworen.

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Die "Big Six" des englischen Fußballs, also Manchester United, FC Liverpool, FC Arsenal, Tottenham Hotspur, Manchester City und Chelsea, sind schon länger darauf erpicht, die Premier League von 20 auf 18 Vereine zu verkleinern. Um die Belastungen herunterzuschrauben, sollen auch der League Cup und das Spiel um den Community Shield abgeschafft und die Abstiegsfrage neu geregelt werden.

"Das Projekt ist erbärmlich und zynisch"

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Mit ihren Ideen stehen die Eliteklubs konträr zum Interesse der übrigen Vereine, die durch die geringere Anzahl an Spielen Einnahmeverluste fürchten - und vom Verband der Premier League vertreten werden. In englischen Medien werden die Pläne entsprechend zum großen Teil als echtes Schurkenstück entlarvt.

"Das Projekt Big Picture, oder Operation Geiz, wie es genannt werden sollte, ist so erbärmlich, zynisch, so offensichtlich als Großzügigkeit verkleidete Gier, dass es die weit verbreitete Verachtung verdient, die es sofort bekommen hat", schreibt die Times in einem Kommentar. "Jeder kann durchschauen, was die 'Big Six' vorhaben, die den englischen Fußball regieren wollen: die Träume derjenigen ruinieren, die nach Höherem streben, die Macht der FA weiter schmälern und den Schauplatz für die europäische Super League bilden."

Eine andere Meinung hat Sebastian Kneißl, Premier-League-Experte von DAZN. "Ich bin ein großer Befürworter davon, den Spielplan schlanker zu machen bzw. zu entzerren", sagt Kneißl bei SPORT1. "Mit einer Reduzierung hättest du insgesamt vier Spieltage weniger. Sinnbildlich dafür steht Harry Kane, der immer noch überspiel wird, der immer wieder kleinere Verletzungen hat. Das kann man nicht auf Jahre von den Spielern verlangen."

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Für Kneißl wären die Vorteile des neuen Deals offensichtlich: "Parry verdoppelt das Geld insgesamt. Zwar nur für einen kurzen Zeitraum - aber er generiert mehr Geld für alle Ligen und alle Teams. Dadurch entsteht Chancengleichheit, was ein großer Vorteil ist." Zudem schaffe man die Möglichkeit, dass die Vereine ihre Top-Talente nicht mehr in die ausländischen Ligen verleihen oder verkaufen müssten.  

Wechseln die Jungstars künftig innerhalb Englands?

Stattdessen könnten künftig Jungprofis der Kategorie Jadon Sancho oder Jude Bellingham in die Championship, die League One oder League Two gehen. "Parry muss mit dem Wegfall des League Cups allerdings einen kurzfristigen Tod sterben", sagt Kneißl, der selbst früher in der Jugendabteilung des FC Chelsea ausgebildet wurde. 

Dass die unteren Ligen bei diesen Plänen auf einmal finanziell mithalten könnten, liegt daran, dass sich die Premier League verpflichten würde, die Zweit,- Dritt- und Viertligisten mit einem Hilfspaket von umgerechnet rund 275 Millionen Euro zu unterstützen und jährlich 25 Prozent ihrer Einnahmen abzutreten. Zudem sollen 100 Millionen Euro an die FA zum Ausgleich der finanziellen Schäden durch die Corona-Pandemie gehen.

Parry verweist auf eine langfristige Angleichung innerhalb der Ligen. "Das macht unsere Klubs nachhaltig. Es überbrückt die Kluft zwischen der Spitze der Meisterschaft und dem Tabellenende."

Die großzügigen Verteilungen an die unteren Ligen sind laut Medien aber nur ein Alibi. Hinter den Plänen stecke vielmehr die Absicht, die Entscheidungsgewalt in der Premier League an die neun Teams zu übergeben, die am längsten in der Liga spielen - das wären neben der "Big 6" auch noch Everton, Southampton und West Ham. Für Änderungen in den Regularien der Liga wären die Stimmen von nur sechs dieser Klubs erforderlich.

Auch die Politik schaltet sich ein

Entsprechend äußert der Verband der Fußballfans laute Empörung über den angepeilten Deal. "Wieder einmal hat es den Anschein, dass große Entscheidungen offenbar hinter unserem Rücken von milliardenschweren Klubbesitzern getroffen werden, die den Fußball weiterhin als ihr persönliches Hobby behandeln."

Für Kneißl liegt das Problem nicht einmal darin, dass die Top-Klubs mehr Macht wollen - sondern dass sie es nicht offen kommuniziert haben. "Das ist für mich ein Vertrauensbruch gegenüber den anderen Vereinen der Liga. Entsprechend müssen sie jetzt mit dem Feedback rechnen."

Das Thema wird in England so heiß gekocht, dass sich sogar die Regierung einschaltet. "Wir sind überrascht und enttäuscht, dass in einer Zeit der Krise, in der wir die Spitzen des Profifußballs dazu gedrängt haben, zusammenzukommen und ein Abkommen zur Unterstützung der Vereine der unteren Ligen abzuschließen, offenbar Hinterzimmer-Deals ausgeheckt werden", sagte ein Sprecher des Ministeriums für Digital, Kultur, Medien und Sport. 

Diese Deals sollen dafür sorgen, dass die Top-Klubs bei künftigen Entscheidungen nicht mehr auf die Stimmen anderen Vereine angewiesen sind. Wie der Mirror schreibt, steht sogar die "feindliche Übernahme der reichsten Liga der Welt" bevor. - etwa eine Vereinbarung zum kollektiven Verkauf der Medienrechte für die ersten vier Ligen.

Der "Bürgerkrieg" der Premier League dürfte auf der Insel noch eine ganze Weile für Schlagzeilen sorgen. Spannend bleibt die Frage, wer ihn am Ende gewinnen wird.

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