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München - Champions-League-Sieg 2019, Meister 2020 - unter Jürgen Klopp ist der FC Liverpool wieder einer der Top-Klubs in Europa. Doch was ist das Geheimnis bei der Spielersuche?

Der FC Liverpool ist in den vergangenen Jahren in England das Maß aller Dinge. (Spielplan und Ergebnisse der Premier League)

2019 gewann das Team von Jürgen Klopp die Champions League, im vergangenen Sommer wurden die Reds mit riesigem Abstand englischer Meister. Im Milliarden-Kosmos der Premier League ist es sehr schwierig, sich oben abzusetzen. Vereine wie Manchester City und Manchester United verfügen finanziell über die gleichen, wenn nicht sogar größeren Mittel. (Tabelle der Premier League)

Ein Geheimnis hinter Liverpools Erfolgsrezept? Die Reds arbeiten getreu dem Motto: Ein guter Spieler muss nicht zwangsläufig ein teurer sein.

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Liverpool mit besonderem Scouting-System

Auch Klopp gab in seinen fünf Jahren in Liverpool bereits über 500 Millionen Euro für Neuverpflichtungen aus, lotste zum Beispiel den aktuell verletzten Abwehrchef Virgil van Djik im Winter 2018 für über 80 Millionen Euro zu den Reds.

Doch das ist nur die eine Seite. Die Reds haben ein ausgeklügeltes Scouting-System, das ihnen bisher schon so manches Schnäppchen beschert hat. Denn nicht alle Leistungsträger der Reds kosteten Unsummen.  

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Andrew Robertson kam 2017 für 9,5 Millionen Euro von Hull City. Und das nicht etwa im Alter von 18 Jahren. Robertson war zu diesem Zeitpunkt bereits 23 Jahre alt und somit bei vielen anderen Vereinen durch das Raster gefallen. Auch Joe Gomez war 2015 als 18-Jähriger mit rund fünf Millionen Euro vergleichsweise günstig, als ihn die Reds von Charlton Athletic holten.

In einer Zeit, in der die Ablösesummen - zumindest war das vor der Corona-Krise der Fall - immer weiter zunehmen, nimmt das Scouting eine immer wichtigere Rolle ein. Die Topklubs versuchen, die Stars von morgen bereits frühzeitig und meist im Teenager-Alter für sich zu gewinnen, um möglichst wenig Ablöse bezahlen zu müssen.

Auch Liverpool verfolgt diesen Ansatz - zumindest teilweise. Das Scouting-System unter der Regie von Sportdirektor Michael Edwards beschäftigt sich allerdings auch mit etwas älteren Spielern, die Grenze liegt normalerweise bei 24 Jahren. Bei Robertson funktionierte dieser Ansatz, drei Jahre nach seiner Verpflichtung ist der Schotte Kapitän seiner Nationalmannschaft und einer der besten Linksverteidiger weltweit - geholt zum Schnäppchenpreis.

Kategorien von A bis D

Grundsätzlich werden gescoutete Spieler laut The Athletic in vier Kategorien eingeteilt: A bis D. Ein Spieler der Kategorie A wird als fähig erachtet, jemanden aus dem aktuellen Team zu ersetzen. Kategorie B beschreibt einen Spieler, der eine Ergänzung zum Kader darstellen kann oder das Potenzial besitzt, in Zukunft eine Verstärkung zu sein.

Spieler der Kategorie C werden von Zeit zu Zeit überprüft, inwieweit Fortschritte vorhanden sind, während Spieler der Kategorie D als nicht gut genug angesehen werden. Da die Reds naturgemäß einen sehr hohen Standard verfolgen, tummeln sich die meisten beobachteten Spieler in den Kategorien C und D.

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Doch Ziel ist es, Spieler der beiden oberen Kategorien ausfindig zu machen. Während Manchester United im vergangenen Jahr in nahezu jedes fußballrelevante Land einen Scout entsendete (insgesamt über 80), sind bei den Reds lediglich zwischen 12 und 15 Scouts festangestellt. Jeder Scout deckt zwangsläufig auch mehrere Regionen ab.

"Die Scouts in Liverpool sind süchtig", sagte ein Vermittler im Gespräch mit The Athletic.

Sie arbeiten penibel und hart, reisen dafür um die ganze Welt. Das Besondere: Liverpools Scouts arbeiten im Prinzip autonom. Wie sie an ihr Ziel gelangen, welche Quellen sie benutzen, um Spieler besser kennenzulernen, ist ihnen im Prinzip selbst überlassen. Sie entscheiden auch selbständig, wohin sie reisen.

Freie Hand für Liverpool-Scouts

Und Edwards lässt sie machen. Der Sportdirektor mit gutem Draht zur Fenway Sports Group, den Besitzern der Reds, vertraut seinen Scouts. Nur wenn er konkrete Fragen hat, setzt er sich mit ihnen in Verbindung.  

Die gesammelten Daten werden von den Scouts in einem Online-System (Scout7) abgelegt. Dort sollen neben beigefügtem Bewegtbildmaterial auch möglichst detaillierte Notizen zu den Spielern gemacht werden, auch über außersportliche Belange.

Die Reds wollen so viel wie möglich über einen potenziellen Transfer in Erfahrung bringen. Dazu gehört auch, in welchem privaten Umfeld der Spieler lebt oder ob er Probleme abseits des Fußballs hat.

Neben Edwards sind auch Ian Graham, Leiter der Analyseabteilung, Dave Fallows als Head of Recruitment und Chefscout Barry Hunter wesentliche Personen in Liverpools Scouting-System.

Klopp muss absegnen

Und auch Jürgen Klopp spielt eine wichtige Rolle. Er hat klare taktische Anforderungen an mögliche Neuzugänge, die er seinen Scouts mit auf den Weg gibt. Auch in Sachen Persönlichkeit und Charakter hat der Welttrainer von 2019 klare Vorstellungen. Das macht die Arbeit um einiges leichter.

Ein geeigneter Kandidat wird dann anhand von drei Schlüsselpunkten bewertet: Fähigkeit, Erschwinglichkeit und Verfügbarkeit. Nicht jeder Kandidat ist direkt verfügbar, könnte aber in der Zukunft dennoch ein Kandidat sein. Roberto Firmino wurde von Liverpool bereits in Brasilien entdeckt, doch damals kam kein Kontakt zustande. Über den Umweg TSG Hoffenheim landete er 2015 schließlich doch in Liverpool.

Generell wird kein Spieler ohne ausdrückliche Zustimmung von Klopp verpflichtet. Auch die Besitzer haben jederzeit ein Vetorecht, müssen bei jedem Deal von der finanziellen Sinnhaftigkeit überzeugt werden.

In Liverpool herrscht ein großes Vertrauen in die handelnden Personen, das ist eines der Erfolgsrezepte des Klubs. Auch deshalb sind die Reds im Milliarden-Kosmos Premier League aktuell das Maß aller Dinge.

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