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Thomas Tuchel folgt beim FC Chelsea als Trainer auf Frank Lampard. Wie kann er die "Blues" trotz kurzer Vorbereitungszeit zurück in die Erfolgsspur bringen?

Für Thomas Tuchel ging alles ganz schnell.

Knapp einen Monat nach seinem Aus bei Paris Saint-Germain übernimmt der 47-Jährige nun Chelsea.

Allerdings wird sich die Aufgabe beim FC Chelsea von jener in Paris in den letzten zwei Jahren erheblich unterscheiden.

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Tuchel muss Vertrauen zu Spielern aufbauen

Denn an der Stamford Bridge findet Tuchel eine verunsicherte Mannschaft vor, mit der er zunächst nicht um Titel spielen wird. Stattdessen muss sich Tuchel darin versuchen, dieses Team wieder zu stabilisieren und den Spielern die notwendige Sicherheit und auch Zuneigung zu geben.

Vorgänger Frank Lampard hatte zuletzt ein angespanntes Verhältnis zum Team, kommunizierte mit Einzelnen nicht mehr und trug seine Meinung zum Leistungsstand in die Öffentlichkeit.

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Tuchel hingegen ist bekannt als Kommunikator und auch Tüftler, der die talentierten Spieler der "Blues" nun unablässig fordern wird.

Lampard wirkte am Ende überfordert und erratisch, ohne klaren Plan, aber dafür mit gehörigem Aktionismus. Von Tuchel ist das nicht zu erwarten. Dafür ist der analytische Geist zu stark in ihm.

Lampard wirkte orientierungslos

Konkret muss sich der deutsche Trainer um die Pressingstärke Chelseas und zugleich um die Rollenverteilung in der Offensive kümmern. An beiden Herausforderungen scheiterte Lampard, obwohl der Kader der Londoner hochkarätig besetzt ist.

Doch gerade die Dichte an Talenten war für Lampard ein Problem. Er versuchte, irgendwie die meisten Einzelkönner auf den Platz zu stellen. Das führte bei seinem vorletzten Spiel gegen Leicester City sogar dazu, dass nur noch Mateo Kovacić als halbwegs defensiv-kompetenter Mittelfeldspieler auf dem Rasen stand.

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Tuchel hingegen wird sich das aus seiner Sicht bestmögliche System in Anbetracht seiner taktischen Vorstellungen und der vorhandenen Spieler heraussuchen. Bekanntlich spielen Formationen in seinem Denken eine untergeordnete Rolle. Ob 3-4-3 oder 4-3-3, das macht für Tuchel zunächst keinen Unterschied, sondern wird allenfalls dem Gegner entsprechend angepasst.

Kritiker könnten argumentieren, dass er sich in seiner Zeit in Paris etwas stärker einem Formationsdogma unterwarf und auf individuelle Qualität vertraute. Allerdings war er bei PSG dazu gezwungen, die beiden Stürmerstars Kylian Mbappé und Neymar zusammen mit Flügelangreifer Ángel Di María irgendwie in ein System zu packen.

Tuchel kann Werner und Havertz helfen

Bei Chelsea gibt es keinen Spieler, der einen derartigen Status wie Mbappé und Neymar besitzt. Auch die Vereinsführung um Direktorin Marina Granovskaia, die mitverantwortlich für das Aus von Lampard sein soll, achtet nicht auf die Befindlichkeiten einzelner Akteure.

Trotzdem erhoffen sich die Verantwortlichen, dass Tuchel gerade aus seinen beiden Landsleuten Werner und Havertz mehr herausholt. Die zwei kamen im vergangenen Sommer immerhin für insgesamt 130 Millionen Euro nach London und haben bis dato noch keine konstanten Leistungen gezeigt.

Während daran auch sekundäre Gründe wie Havertz' Covid-Infektion und Werners Pech vorm Tor schuld sind, liegt die Misere der beiden auch an der taktischen Einbindung. Havertz durfte selten auf der Zehnerposition ran, während Werner des Öfteren auf dem Flügel zum Einsatz kam.

Tuchel könnte nun der richtige Mann sein, um die Stärken der beiden genau zu erkennen und einzusetzen. Werner beispielsweise funktioniert eben am besten in einer Doppelspitze oder als Neuner mit viel Unterstützung um sich herum. 

Tuchel hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er die Fähigkeiten seiner Spieler sehr genau bewerten kann und sie dann zielgerichtet einsetzt. Bei PSG etwa forcierte er die Einbindung von Marquinhos im Mittelfeld, nutzte Thilo Kehrer als tiefstehenden Rechtsverteidiger und entwickelte für Neymar eine hybride Zehnerrolle.

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Tuchel braucht neuen Plan für Mittelfeld und Angriff

Bei Chelsea könnte er etwa Havertz und auch Hakim Ziyech in solche Hybridrollen im offensiven Mittelfeld stecken, damit sie sich um Werner herum bewegen und der Stürmer nicht als Solospitze physisch im Duell mit mehreren Innenverteidigern untergeht.

Als klareren Flügelstürmer hätte Tuchel wiederum Christian Pulisic, einen seiner einstigen Dortmunder Lieblinge, der sich über Tuchels Ankunft in London gefreut haben soll.

Als Absicherung dahinter könnte Tuchel auf den intelligenten Bewegungsspieler Kovacic und einen der Sechser, etwa N’Golo Kanté, bauen. Zugleich hätte er mit dem jungen Billy Gilmour ein Talent, das er ähnlich wie einst Julian Weigl langsam in die Rolle des Passmetronoms hineinentwickeln könnte.

Selbst wenn es am Ende anders kommt, ist von Tuchel zu erwarten, dass er sich sehr genau überlegt, wie die Rollen für seine Spieler auszusehen haben und wie diese dann miteinander in Verbindung stehen. Unter Lampard war es eigentlich die meiste Zeit hinweg undefinierbar, was sich der einstige Weltklasse-Spielmacher wirklich als perfekten Spielstil vorstellte.

Dass Chelsea zwischenzeitlich mal ganz oben in der Tabelle rangierte, hatte mehr mit der Qualität der Mannschaft und weniger mit Lampard zu tun. Über längere Zeit genügt das gerade in der Premier League allerdings nicht. (Premier League: Die Tabelle)

Deshalb braucht es jetzt einen Tuchel, der vielleicht nicht unbedingt den besten Ruf bei Sportdirektoren besitzt, aber bei keiner seiner vorherigen Stationen Zweifeln aufkommen ließ, dass er etwas von Taktik versteht.

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