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Carlo Ancelotti wird 60: Der Genussmensch hatte als Trainer fast überall Erfolg, das Missverständnis FC Bayern hat aber einen Nachgeschmack hinterlassen.

Im Oktober gab es im norditalienischen Trient eine Zusammenkunft zweier Trainer, die den FC Bayern in sehr unterschiedlicher Erinnerung behalten haben.

Die Gazzetta dello Sport hatte Pep Guardiola und Carlo Ancelotti geladen, und als Guardiola in einer Mischung aus Erstaunen und Begeisterung ausrief, er habe sich früher nie vorstellen können, "in Deutschland zu leben und Deutsch zu sprechen", winkte Ancelotti ab und sagte nur: "Hör bloß auf." 

Ancelotti: "Einzige bittere Erfahrung"

Mit Begeisterung wird Ancelotti auch am 10. Juni, an seinem 60. Geburtstag, nicht an seine 15 Monate in München von Juli 2016 bis September 2017 zurückdenken, trotz artiger Glückwünsche aus seiner alter Wahlheimat.

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Als "einzige bittere Erfahrung" seiner langen und erfolgreichen Trainerkarriere mit drei Titelgewinnen in der Champions League hat er seine Zeit beim FC Bayern an anderer Stelle bezeichnet. Überhaupt fielen immer, wenn er darauf angesprochen wurde, Sätze, die davon erzählten, wie unverstanden und wenig wertgeschätzt er sich in München fühlte.

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Im Oktober 2017, kurz nach seiner Beurlaubung vom FC Bayern nach der 0:3-Niederlage in der Champions League bei Paris Saint-Germain, sagte Ancelotti mit einer kaum kaschierten Kritik an der Münchner Mannschaft und am Führungsduo Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge zum Beispiel: "In 22 Jahren hatte ich nie schlechte Beziehungen zu meinen Spielern. Ich treffe meine Entscheidungen. Es ist nur so, dass es Scharfsinn benötigt, um meine Entscheidungen zu verstehen."

Als er mit seinem neuen Verein SSC Neapel im Oktober 2018 in der Champions League wieder bei PSG antrat, zog er einen wenig schmeichelhaften Vergleich zum FC Bayern, der seiner Ansicht nach nicht den Willen gehabt habe, die Strukturen zu ändern und den Generationenwechsel voranzutreiben. "Vor einem Jahr spürte ich hier in Paris das Vertrauen von lediglich vier oder fünf Bayern-Spielern. Jetzt spüre ich die Unterstützung des ganzen Klubs", sagte Ancelotti.

Wie so oft in seiner Trainerkarriere, in der er sich den Ruf als Spielerfreund erworben hat. Von Cristiano Ronaldo über Toni Kroos bis hin zu Zlatan Ibrahimovic - die Stars schwärmten stets von Ancelottis Umgänglichkeit. Bestärkend wirkten dessen Erfolge, vor allem beim AC Mailand, FC Chelsea und bei Real Madrid. Mit den Königlichen gewann er 2014 die lang ersehnte "Décima", deren zehnten Titel in der Champions League. 

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Beim FC Bayern reichte es zum Meistertitel 2017. Die Unterstützung der Kabine und des Vereins verlor er final bald danach wegen seiner eigentümlichen Aufstellung in Paris, mit der er unter anderem den langjährigen Führungsspielern Franck Ribéry, Arjen Robben und Mats Hummels vor den Kopf stieß. Dieses Trio auf die Bank zu setzen, wirkte damals wie ein gezielter Affront. 

Für die Bayern zu entspannt

Als eines der letzten Bilder aus Ancelottis Münchner Zeit blieb in Erinnerung, wie er mit Fitnesstrainer Giovanni Mauri rauchte. Für den FC Bayern war auch das zu viel des Laissez-faire und der Dolce Vita. Ancelotti stand und steht für beides. In München scheiterte er auch daran. In Neapel schätzen sie ihn dagegen deshalb, zumal hinter dem SSC nun eine erfolgreiche erste Saison unter Ancelotti mit dem souverän erreichten zweiten Platz in der Serie A hinter Juventus Turin liegt. 

Seit der italienische Bauernsohn aus Reggiolo in der Poebene im Sommer 2018 das Traineramt beim SSC übernommen hat, fühlt er sich beruflich wieder wohl.

"Man lebt hier wie ein Gott", findet Ancelotti. Zumal er dort auf die Vorzüge des süßen Lebens schon beim Aufstehen blickt. "Du wachst morgens auf und hast sofort diese Landschaft mit dem Golf von Neapel, Capri und dem Vesuv vor Augen", schwärmte Ancelotti einmal und bezeichnete die Menschen als fröhlich, offenherzig, leidenschaftlich und zugleich respektvoll.

Auch das klang wie ein Kontrast zu seinen Eindrücken aus seiner Münchner Zeit, in der er sich zudem mit dieser merkwürdigen Sprache herumschlagen musste, was seinen Job erschwerte.

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Deutsch zu sprechen war auf seiner Geburtstagsparty auf Capri im Golf von Neapel nicht nötig. Die Feier liegt tatsächlich schon hinter ihm. Bereits zehn Tage vor seinem 60. Geburtstag lud Ancelotti ins Restaurant "Mammà" auf der Insel. Der Sternekoch Salvatore La Ragione ließ Meeresfrüchte, Tintenfischnudeln und Gnocchi mit Muscheln servieren, zudem eine Fischsuppe, begleitet von Frescobaldi-Wein.

Ancelotti soll sich zusammen mit seiner kanadischen Frau Mariann Barrena McClay persönlich um die Zusammenstellung des Festmenüs gekümmert haben. Ancelotti sei, so berichtete Küchenchef La Ragione, "auch am Tisch eine kompetente Person". Das üppige Menü sei mit wenigen Gängen ausgekommen, es sei "konkret und umfangreich" gewesen. "Wie Ancelotti", sagte der Sternekoch.

James nach Neapel?

Der ehemalige Bayern-Trainer ist zurück in La Dolce Vita. Und trotz der jüngsten Avancen von Juves Cristiano Ronaldo sieht er keinen Grund, dieses nicht weiter in Neapel zu genießen. Vielleicht sogar bald mit James Rodríguez, der sich nach seiner zweijährigen Leihe von Real Madrid gerade aus München verabschiedet hat und den Ancelotti auch mit seinen Schwärmereien über Neapel umgarnt.

"Ich möchte noch zwei Jahre bleiben und bin glücklich hier", sagte er kurz vor seiner vorgezogenen Geburtstagsfeier. Bis 2021 läuft Ancelottis Vertrag beim SSC. Beim FC Bayern war sein Arbeitspapier ursprünglich bis zum 30. Juni 2019 datiert, also eigentlich bis in knapp drei Wochen. Ancelotti dürfte auch darüber längst denken: "Hör bloß auf." Die Münchner allerdings wohl ebenso.

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