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München - Giorgio Ciaschini war fast 20 Jahre lang Carlo Ancelottis Co-Trainer und Scout. Bei SPORT1 spricht er über die Wandlung seines Ex-Chefs nach dessen Bayern-Zeit.

15 Monate lang lenkte Carlo Ancelotti die sportlichen Geschicke des FC Bayern.

Dabei feierte der italienische Trainer 2016/17 souverän die Meisterschaft, wurde aber in der folgenden Saison nach einer 0:3-Pleite in der Champions League gegen Paris Saint-Germain entlassen.

Seit Sommer 2018 ist der 60-Jährige beim SSC Neapel unter Vertrag - und es hat den Anschein, als fühle er sich in seiner italienischen Heimat deutlich wohler. Blickte Ancelotti selbst beim Torerfolg seiner Bayern düster drein, so kann es jetzt passieren, dass er bei einem Napoli-Tor auf den Platz stürmt, um mit seinen Spielern zu feiern.

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Täuscht der Eindruck? Giorgio Ciaschini war zwischen 1995 und 2009 Ancelottis Co-Trainer und begleitete den Coach anschließend als Scout auch zum FC Chelsea und Real Madrid. SPORT1 sprach mit dem 72 Jahre alten Ex-Coach, der sich noch heute jedes Spiel seines früheren Chefs anschaut.

SPORT1: Signor Ciaschini, Sie kennen Ancelotti wie kein Zweiter. Wie würden Sie ihn beschreiben?

Ciaschini: Er ist ein hervorragender Trainer, aber vor allem ist er ein toller Mensch. Er ist sehr hilfsbereit und geht auf alle Mitmenschen offen zu. Er denkt immer noch wie ein Fußballer und stellt sich total auf seine Umgebung ein. Außerdem hinterfragt er sich ständig.

Ciaschini während Ancelotti-Zeit bei Bayern Beobachter

SPORT1: Sie waren 19 Jahre lang in seinem Trainerstab. Erst als er 2016 zum FC Bayern ging, waren Sie nicht mehr dabei. Aus der Ferne betrachtet: Wie haben Sie ihren früheren Chef in München gesehen?

Giorgio Ciaschini (r.) mit Carlo Ancelotti 2001 beim AC Mailand
Giorgio Ciaschini (r.) mit Carlo Ancelotti 2001 beim AC Mailand © Imago

Giorgio Ciaschini: Ganz weg war ich damals nicht. Ich hatte den Auftrag, in Ancelottis Münchner Zeit sowohl ihn als auch die Mannschaft zu begutachten und hatte den Eindruck, dass er sich schnell mit den Bedingungen zurechtfand. Allerdings war es auch klar, dass es seine Zeit brauchte, bis er die Denkart des Klubs und die der handelnden Personen komplett verinnerlichen würde. Das war in der Kürze der Zeit aber nicht möglich. Sportlich lief es im ersten Jahr noch ganz gut, im zweiten dann nicht mehr so.

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SPORT1: Ancelotti ist seit etwa 15 Monaten Cheftrainer beim SSC Neapel - etwa so lange, wie seine Zeit beim FC Bayern dauerte. Was fällt Ihnen beim Vergleichen der beiden Zeiträume auf?

Ciaschini: Bei den Bayern war Ancelotti eher Verwalter und Moderator. Er ist ja ein Meister darin, die Kabine zu führen. Der FC Bayern ist ein Klub mit vielen Top-Stars, der sowohl national als auch in der Champions League hohe Ziele hat. In Neapel hat er komplett andere Voraussetzungen. Hier gilt es vor allem, junge Spieler zu entwickeln. Zwar hofft man ebenfalls auf Titel, aber für Napoli ist es in der Serie A ungleich schwerer als für die Bayern in der Bundesliga. Deswegen ist es Ancelottis Hauptaufgabe, das "Projekt Napoli" weiterzuentwickeln.

"Tore und Siege waren die Normalität"

SPORT1: Ancelotti stand in seinen Bayern-Tagen auch beim Torjubel seiner Mannschaft meistens regungslos da. Als Lorenzo Insigne neulich in der Champions League für Napoli zum 3:2 gegen Salzburg traf, war Ancelotti mitten in der Jubeltraube und ließ seiner Freude freien Lauf. Wie kam es zu diesem emotionalen Ausbruch?

Ciaschini: Dieses Tor, das den 3:2-Sieg bedeutete, fiel in einem sehr besonderen Moment der Saison. Der Erfolg war unheimlich wichtig für den weiteren Verlauf der Champions League. Deshalb war auch die Freude von Carlo so groß. In seiner Zeit in München ging der FC Bayern als Favorit in jedes Spiel. Tore und Siege waren die Normalität, deswegen fiel sein Jubel auch meistens sparsam aus.

SPORT1: Im Nachhinein konnte man den Eindruck gewinnen, dass Ancelotti auch an seinen mangelnden Deutschkenntnissen scheiterte. Kann es sein, dass er die Bedeutung der Sprache unterschätzt hat?

Ciaschini: Das stimmt, eine der Schwierigkeiten von Carlo in München war die deutsche Sprache. Nicht nur im Umgang mit der Mannschaft, sondern auch mit dem gesamten Umfeld des FC Bayern. Deshalb kann man schon sagen, dass er größere Schwierigkeiten hatte, sich in München zurechtzufinden, als in seinen anderen Stationen im Ausland. Gerade für uns Italiener ist es aber schwer, Deutsch wirklich gut zu sprechen.  

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SPORT1: Hatte Ancelotti auch Probleme mit der deutschen Mentalität?

Ciaschini: Das weiß ich nicht genau, glaube es aber nicht. Carlo versucht immer, sich die Denkweisen seiner Klubs anzueignen.

Vorwurf an Bayern-Bosse Hoeneß und Rummenigge

SPORT1: Glauben Sie, dass Ancelotti seine Zeit beim FC Bayern bereut hat?

Ciaschini: Bereut nicht. Wenn man aber solch einen großen Klub wie den FC Bayern und so eine schöne Stadt wie München verlassen muss, dann bedauert man das. Ich bin mir sicher, dass Carlo immer noch betrübt ist, wie es gelaufen ist.

SPORT1: Glauben Sie, dass Ancelotti noch Groll gegen die Bayern hegt?

Ciaschini: Das kann ich mir nicht vorstellen, dafür ist er nicht der Typ.

SPORT1: Warum hat die Mannschaft in der zweiten Ancelotti-Saison nicht mehr funktioniert?

Ciaschini: Ich glaube, dass die Führung der Bayern verpasst hatte, den Umbruch einzuleiten und die Mannschaft zu verjüngen. Schon damals waren ja beispielsweise Arjen Robben und Franck Ribéry in die Jahre gekommen. In der Mannschaft herrschte nicht mehr das nötige Gleichgewicht.

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"Es gab Jahre, in denen wir leiden mussten"

SPORT1: Wissen Sie, ob Ancelotti im Sommer diesen Umbruch gefordert hatte?

Ciaschini: Das kann ich nur vermuten, gesprochen haben wir darüber nicht. Ich weiß nur, dass er ein Trainer ist, der ständig die Mannschaft verbessern will.

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SPORT1: Was bleibt Ihnen aus Ihrer gemeinsamen Trainerzeit vor allem in Erinnerung?

Ciaschini: Unser spezielles Verhältnis begann 1995, als wir mit Reggiana Meister wurden. Danach ging es nach Parma, dann zu Juventus. Da waren auch einige Jahre dabei, in denen wir leiden mussten. Die schönsten Jahre waren beim AC Mailand, wo wir unter anderem die Champions League gewannen. Aber auch beim FC Chelsea hatten wir eine tolle Zeit. Wenn man bei solchen Weltklubs trainiert, dann sieht man Strukturen auf allerhöchstem Niveau.

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