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München - Atalanta Bergamo befindet sich derzeit auf einem Höhenflug. Erinnerungen an Ajax Amsterdam werden wach - doch der Vergleich birgt auch Sorgen.

Niemals zuvor wurden die Spieler der Göttin des italienischen Fußballs so sehr verehrt wie in diesen Wochen. 

Atalanta Bergamo, in Italien auch Göttin ("Dea") genannt, spielt derzeit so gut, dass sich die fußballverrückten unter den 120.000 Einwohnern Bergamos sicher sind, dass ihre Gebete erhört werden. 

In den letzten Monaten flehten die Gläubigen der lombardischen Voralpenstadt ohnehin täglich um göttlichen Beistand. Über 6000 Tote wurden seit dem Ausbruch des Coronavirus in der Stadt gezählt. Mitte März gingen Bilder durch die Welt, die zeigten, wie die Armee Leichen auf Lastwagen aus der Stadt brachte. 

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Mittlerweile sind die Einwohner des Corona-Hotspots darum bemüht, Schritt für Schritt in die Normalität zurückzukehren - bei all der Trauer. Dabei hilft ihnen seit einigen Wochen wieder der Fußball. 

Atalanta so gut wie nie zuvor

"Die Leute können endlich wieder einmal an etwas anderes denken als nur an die schrecklichen Ereignisse, die vor kurzem hier stattfanden", erklärte der deutsche Atalanta-Star Robin Gosens bei SPORT1 die enge Bindung zwischen Mannschaft und Fans. Während der Corona-Krise blieb Gosens - wie die anderen Spieler auch - in der Lombardei, es war auch ein Zeichen der Solidarität.

Die Einwohner Bergamos wissen das - und dafür werden die Spieler von der Bevölkerung nun noch mehr geliebt.

Und die Spieler scheint das zu beflügeln. Seit dem Restart der Serie A schaffte Bergamo acht Siege und zwei Unentschieden - darunter das 2:2 gegen Serienmeister Juventus am vergangenen Wochenende. Dabei halfen Juve allerdings zwei sehr glückliche Handelfmeter. Abstiegskandidat Brescia Calcio fertigten die Lombarden am Dienstag mit 6:2 ab, ehe sie beim 1:1 bei Hellas Verona am Samstagabend ihren Klubrekord von 22 Spielen hintereinander mit mindestens einem eigenen Treffer überboten.

Zudem steht das Team von Trainer Gianpiero Gasperini sensationell im Viertelfinale der Champions League. Dort wartet Paris Saint-Germain. 

Der 62-jährige Gasperini war im Frühjahr selbst an Covid-19 erkrankt, erholte sich aber rasch wieder. Warum sein Team so gut ist, wie noch nie zuvor in seiner Vereinsgeschichte?

Erfrischende Spielweise und großer Zusammenhalt

"Es gibt kein Geheimnis, es ist die Mentalität. Diese Spieler sind nie zufrieden", sagte der Italiener der Zeitung La Repubblica. Fakt ist, dass Atalanta ein eingespieltes Team ist, die meisten Akteure kennen sich seit einigen Jahren. Gasperini lässt zudem erfrischend offensiven Fußball spielen, der viele Fußballfans und Experten an die Mannschaft von Ajax Amsterdam aus der Saison 2018/19 erinnert. 

Mit Spielern wie Frenkie de Jong, Matthijs de Ligt, Hakim Ziyech, Donny van de Beek, David Neres und Dusan Tadic mischte Ajax die Champions League auf und stürmte ins Halbfinale, in dem die Mannschaft unter äußerst unglücklichen Umständen gegen Tottenham Hotspur ausschied.

Bei Atalanta haben viele Spieler einen ähnlich steilen Aufstieg verzeichnet, wie es bei Ajax der Fall gewesen ist. Das beste Beispiel ist Gosens, der im Sommer 2017 für 900.000 Euro in die Lombardei wechselte. Mittlerweile wird der Marktwert des 26 Jahre alten Linksverteidigers auf rund 20 Millionen Euro geschätzt.

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Zudem begeistern allen voran die Offensivkräfte Bergamos. Luis Muriel (18 Tore) und Duván Zapata (18) haben in dieser Saison zusammen 36 Pflichtspieltreffer erzielt. Josip Ilicic steuerte als hängende Spitze sogar 21 Tore bei. Hinter ihnen zieht der geniale Spielmacher und Kapitän Papu Gómez die Fäden im Offensivspiel. 

Nicht nur der bei den Fußballfans beliebte und teils wilde Spielstil macht die Ähnlichkeit Atalantas mit dem letztjährigen Team von Ajax deutlich, sondern auch der große Zusammenhalt in der Mannschaft. 

Die Ähnlichkeit der Erfolgsgeschichte dürfte vielen Fans in Bergamo aber auch Angst machen. Der Grund: Das Team von Ajax ließ sich in der Folge nicht zusammenhalten, weil Europas Großklubs beim neuen - und daher nur vorübergehenden - Konkurrenten zugriffen. 

Im vergangenen Sommer verließen mit de Jong (für 75 Millionen Euro zum FC Barcelona) und de Ligt (für 85,5 Millionen Euro zu Juventus Turin) die beiden besten Spieler den Klub. In diesem Sommer folgte Ziyech (für 40 Millionen Euro zum FC Chelsea), auch van de Beeks Abgang ist zu befürchten.

Droht Atalanta das Schicksal von Ajax?

Ein ähnliches Schicksal könnte auch Atalanta blühen. Zwar werden Ilicic und Gómez mit ihren 32 Jahren trotz ihrer Qualität und Erfahrung nicht mehr für die Top-Klubs in Frage kommen. Wegen Zapata und Muriel (beide 29) dürften in diesem Sommer aber auf jeden Fall einige Interessenten anklopfen.

Auch Gosens könnte die Lombardei verlassen. Jüngst erklärte der Deutsche, dass er sich einen Wechsel nach Deutschland, beispielsweise zu Schalke 04 vorstellen könnte. Mario Pasalic (25), Remo Freuler (28), Ruslan Malinovskyi (27), Marten de Roon (29) und die Außenbahnspieler Hans Hateboer (26) und Timothy Castagne (24) haben sich ebenfalls in den Fokus anderer Klubs gespielt. 

An ein Schicksal, wie es Ajax Amsterdam ereilte, will in Bergamo aber noch niemand denken. Dort geht es zunächst um den Weg zurück in die Normalität. Die wird umso leichter zu ertragen, wenn Atalanta beim Saison-Highlight gegen PSG wieder glänzt. Dann können sich die Spieler der Göttin mit einer weiteren Sensation in der Champions League in Bergamo unsterblich machen.

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