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München und Turin - Obwohl Juventus Turin wohl erneut Meister wird, hagelt es Kritik an Trainer Maurizio Sarri. Weltmeister Bergomi bewertet bei SPORT1 die skurrile Situation.

In der Serie A auf Meisterkurs, in der Champions League noch voll dabei: Für Juventus könnte es sportlich kaum besser laufen. 

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn blättert man in den italienischen Sportzeitungen, dann ist der Zustand der Alten Dame in etwa der, den ihr Spitzname suggeriert - der einer schwächelnden Mannschaft, der gehörig die Puste ausgeht. 

Nachdem die Elf von Cheftrainer Maurizio Sarri sich beim Restart zunächst schadlos hielt und vier klare Siege (2:0 in Bologna, 4:0 gegen Lecce, 3:1 beim CFC Genua, 4:1 gegen den FC Turin) einfuhr, kam der unerwartete Bruch. 

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Juve-Bollwerk ungewohnt löchrig

In den vergangenen drei Spielen (2:4 beim AC Mailand, 2:2 gegen Atalanta, 3:3 bei Sassuolo) holte Juve gerade mal zwei Punkte, kassierte zudem neun Gegentore. Dabei konnte sich der Rekordmeister sogar noch glücklich schätzen, dass er dank zweier umstrittener Elfmeter nicht gegen die Himmelsstürmer aus Bergamo verlor - sonst würde der Vorsprung vor Atalanta nur noch vier Zähler betragen.

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Juventus bleibt also auf Scudetto-Kurs - und ist dennoch unter Beschuss: Wie passt das zusammen?

"Juve hat in den letzten acht Jahren national alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt", erklärt Giuseppe Bergomi, italienischer Weltmeister von 1982, bei SPORT1. "Man hat im vergangenen Sommer einen Wechsel auf dem Trainerposten von Allegri zu Sarri vorgenommen, weil es der Führung nicht mehr reichte, einfach zu gewinnen. Man wollte die Siege mit einem schöneren Spiel einfahren - das, was Sarri vor allem in Neapel tat."

Für Bergomi, der sich nach seiner aktiven Karriere als Fußball-Kommentator einen Namen machte, hat sich der Wechsel auf der Trainerbank in dieser Hinsicht allerdings nicht ausgezahlt. 

Schönes Spiel? "Fortschritt nicht erkennbar"

"Es ist eine Frage der Fußballkultur", sagt er. "Wenn du in Italien heutzutage nicht die entsprechenden Ergebnisse mit einer spektakulären Spielweise holst - so wie es derzeit Atalanta, Sassuolo oder Milan vormachen - dann genügt es für eine Mannschaft wie Juventus nicht mehr. Sarri wurde geholt, um gegenüber dem Spiel unter Allegri einen Fortschritt zu erzielen. Der ist aber nicht erkennbar."

Während Atalanta die Gegner reihenweise in Grund und Boden schießt, bleibt Juventus auch unter Sarri ein Team, das sich in erster Linie über die Ergebnisse definiert - und nicht über das schöne Spiel. "Man erwartet von Juve, dass sie einen anderen Fußball spielen", betont Bergomi - eben so wie Atalanta.

Die "Göttin" aus Bergamo hat satte 23 Tore mehr als Juventus geschossen, und das mit einem Bruchteil von dessen Etat.  

Während zumindest auf die beiden Superstars Cristiano Ronaldo (7 Tore seit dem Restart) und Paulo Dybala (4 Tore seit dem Restart) Verlass ist, geht es in Juves Hintermannschaft mittlerweile drunter und drüber. Mit Blick auf die Champions League wird den Klub-Verantwortlichen deshalb angst und bange.

Droht Sarri sogar die Entlassung?

Am 7. August steigt das Achtelfinal-Rückspiel gegen Olympique Lyon, bei dem die Turiner die 0:1-Niederlage aus dem Hinspiel wettmachen müssen. Schon dies dürfte kein Selbstläufer werden, ganz zu schweigen von der Herausforderung, die im Viertelfinale auf die Sarri-Elf warten würde - schließlich ginge es dort gegen den Sieger aus dem Duell zwischen Real Madrid und Manchester City. 

Die Kritik am Juve-Coach ist aber nicht nur auf die italienischen Medien beschränkt, sondern hat offenbar auch in der Führungsriege der Bianconeri Einzug gehalten. Laut Gazzetta dello Sport sind Präsident Andrea Agnelli und Sportdirektor Fabio Paratici derart in Sorge, dass sie sich schon darüber beraten sollen, ob Sarri über die Saison hinaus Cheftrainer bleibt. 

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Der frühere Napoli- und Chelsea-Coach ist noch bis 2022 an die Turiner gebunden. Eine vorzeitige Entlassung wäre für den Nobelklub, der nicht dafür bekannt ist, Verträge vorzeitig zu kündigen, die Ultima Ratio.

Für Bergomi besteht der italienische Serienmeister "aus vielen Einzelkönnern, von denen viele ein Spiel alleine entscheiden können - und nicht aus einem reibungslos funktionierenden Kollektiv wie Atalanta". Und dennoch will sich der frühere Verteidiger von Inter Mailand nicht in die Reihe der Sarri-Kritiker einreihen. 

"Sarri hat eine echte Heldentat vollbracht"

"Sarri hat für mich eine echte Heldentat vollbracht, indem er es geschafft hat, eine solche Gruppe von Individualisten so zu motivieren, dass sie nach acht Jahren Meisterschaft in Folge wohl auch noch den neunten Titel holen werden", lobt der 56-Jährige. "Deshalb hat der Trainer keineswegs enttäuscht, sondern gute Arbeit geleistet." 

Den kettenrauchenden Coach in Frage zu stellen, sei demnach unangebracht, findet Bergomi. "Nachdem sich Juve in den letzten drei Spielen schwer getan hat, sind viele Kritiken aufgekommen - dennoch werden sie erneut den Scudetto holen." 

Nichtsdestotrotz hat Atalantas spektakulärer Fußball unter Coach Gian Piero Gasperini im Umfeld des Turiner Klubs längst Sehnsüchte geweckt. Sehnsüchte, die Sarri auch in Zukunft kaum erfüllen kann.

Denn während die "Göttin" aus Bergamo die nächsten Torrekorde anvisiert, dürfte die Alte Dame bestenfalls ins Ziel humpeln.

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