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München - Juve steht nach neun Meistertiteln in Serie A am Abgrund - das Experiment mit Trainer-Neuling Andrea Pirlo ist krachend gescheitert, kritisiert auch Legende Gentile bei SPORT1.

Fast ein Jahrzehnt lang war Juventus Turin in Italien das Maß aller Dinge.

Ähnlich wie der FC Bayern in der Bundesliga dominierte die Alte Dame die Serie A nach Belieben und sackte neun Mal in Folge den Scudetto ein. (SERVICE: Ergebnisse und Spielplan der Serie A)

Tempi passati, wie die Italiener sagen, vergangene Zeiten. Während die Münchner am vergangenen Wochenende die nächste Meisterschale sicherten (ebenfalls die neunte in Folge), kommt man bei einem Blick auf die aktuelle Serie-A-Tabelle aus dem Staunen nicht heraus. (SERVICE: Tablle der Serie A)

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Hinter dem feststehenden Meister Inter Mailand, dessen Lokalrivale Milan, Atalanta Bergamo und SSC Neapel liegt Juve derzeit nur auf Platz 5. (BERICHT: Juve droht Rausschmiss aus Serie A)

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Juve nicht mal auf Champions-League-Platz

Stand jetzt würde die Elf von Trainer Andrea Pirlo also die Champions League verpassen - ein Umstand, den vor der Saison niemand auf dem Zettel hatte.

Dass man mit dem Trainernovizen Pirlo ein gewisses Risiko einging, wussten die Chefs um Präsident Andrea Agnelli zwar. Der zehnte Scudetto in Folge war somit keine unverzichtbare Bedingung für den früheren Weltklassespieler, in Turin weiterarbeiten zu dürfen. Zähneknirschend hätte man in Turin sogar damit leben können.

Dass man aber zwei Spieltage vor Saisonende Gefahr läuft, die Königsklasse nicht zu erreichen, war undenkbar. Entsprechend ist vom Welpenschutz, den der 41-Jährige in der Hinrunde noch genoss, ist in der öffentlichen Meinung nicht mehr viel übrig geblieben.  

Kritik an Pirlo! "Katastrophale Saison"

Im Gegenteil: Nicht wenige Experten geben Pirlo mittlerweile die Hauptschuld an der für Juve-Ansprüche grauenvollen Spielzeit. "Es ist eine katastrophale Saison", bilanziert der frühere Juventus-Star Claudio Gentile bei SPORT1

Für den Weltmeister von 1982, der als Juve-Legende in die Vereinsgeschichte einging, ist klar, dass sich sein Ex-Klub mit der Installierung des völlig unerfahrenen Coaches verspekuliert hat: "Pirlo war nicht bereit, diese Aufgabe zu erfüllen."

Letztlich monierten viele Kommentatoren, dass die Juve-Führung mit ihrer Hybris, einen Neueinsteiger auf den Chefsessel zu installieren, krachend gescheitert ist. Pirlos Vorgänger Maurizio Sarri wurde trotz Meistertitel im vergangenen Sommer regelrecht fortgejagt - nun bekommt man die Quittung. 

Der CHECK24 Doppelpass mit Kevin Großkreutz, Patrick Helmes und Friedhelm Funkel am Sonntag ab 11 Uhr im TV auf SPORT1

Hat Pirlo die Juve-Stars nicht im Griff

Auch der frühere Inter-Star Giuseppe Bergomi, heute gefragter Experte im italienischen TV, ist der gleichen Ansicht - und sieht ein Kompetenzproblem.  

"Normalerweise greifen die Maßnahmen der neuen Trainer erst in der Rückrunde", sagt Bergomi. "Bei Juve war das Gegenteil der Fall, die besten Spiele kamen im ersten Teil der Saison, wie gegen Barcelona oder Milan im Hinspiel. Vielleicht liegt es daran, dass Pirlo die Kabine nicht im Griff hat und die Spieler nicht an das glauben, was sie tun."

Einer der wenigen, die das Scheitern nicht ursächlich am Weltmeister von 2006 festmachen, ist Arrigo Sacchi. "Es ist nicht die Schuld von Pirlo", schrieb der legendäre Milan-Coach in einer Kolumne. "Viele Spieler, wie Buffon oder Chiellini sind an der Endstation ihrer Karriere angelangt." 

Ronaldo vor Rekord-Tor ebenfalls abgetaucht

Den 36 Jahre alten Cristiano Ronaldo sprach Sacchi zwar nicht an, doch auch der portugiesische Superstar ist sichtbar über seinem Leistungszenit angekommen - daran ändern auch die 28 Tore nicht, die er auch in der laufenden Serie-A-Saison wieder erzielte.

Bevor Ronaldo in Sassuolo mit seinem 100. Juve-Treffer den 3:1-Sieg veredelte, war er in den wichtigen Spielen abgetaucht und nur noch ein Schatten früherer Tage.

Beim Champions-League-Aus gegen den FC Porto blieb er genauso blass wie bei der schmählichen 0:3-Heimpleite gegen den AC Mailand am vergangenen Sonntag.

Für Juventus selbst geht es weniger ums Renommee, als viel mehr um die finanzielle Seite. Wie bei den meisten Klubs der Serie A ist auch in Turin die wirtschaftliche Schieflage, verstärkt durch die Pandemie, so groß, dass die Spielergehälter der Topstars nicht mehr ohne weiteres bezahlt werden können.

Juve hält krampfhaft an der Super League fest - aus Geldnot

Vor allem aus diesem Grund hält sich die Alte Dame noch immer krampfhaft an der Super League fest - übrigens als einziger Verein der Serie A.

Wie die anderen Top-Klubs Europa wollten Juve-Boss Agneli und sein Sportdirektor Fabio Paratici mit den Millionen des gescheiterten Projektes ihren Klub sanieren, hatten die Rechnung aber ohne die Fans gemacht.       

Im Februar meldete der börsennotierte Verein Verbindlichkeiten in Höhe von 357,8 Millionen Euro, weswegen ein Ausbleiben der Champions-League-Gelder enorme Folgen hätte. Folgen auch für die Zukunft von Ronaldo? Offenbar nicht zwingend.  

Bleibt Ronaldo trotzdem?

Trotz einer Saison ohne Champions-League-Einnahmen könnte der portugiesische Superstar weiterhin das Juve-Trikot tragen, vermutet die Gazzetta dello Sport

Bei seiner Landung in Italien habe Ronaldo mit dem Finanzamt einen Bonus auf sein millionenschweres Einkommen im Ausland vereinbart, der es ihm erlaubt, nur 100.000 Euro zu zahlen. "Kaum zu glauben also, dass die Serie A ihren Torschützenkönig verlieren könnte. CR7 wird der Erste sein, der darum bittet, Spitzenspieler um sich zu haben, um Juve im Jahr der Wiedergutmachung zu führen", schreibt das Blatt.

Spekuliert wird allerdings über den Abgang von Paulo Dybala, dessen Wunsch nach einer Gehaltserhöhung angesichts der existenziellen Krise nicht entsprochen werden kann. Der Argentinier könnte, neben dem 43 Jahre alten Buffon, der prominenteste Akteur sein, ohne den die Turiner in der kommenden Saison auskommen müssen.

Und noch einer wird fehlen: Dass Andrea Pirlo dann noch auf der Bank sitzen wird, gilt mittlerweile als ausgeschlossen.

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