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Anthony Joshua jubelt nach seinem Sieg über Wladimir Klitschko
Anthony Joshua jubelt nach seinem Sieg über Wladimir Klitschko © Getty Images
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München - Mit seinem Sieg gegen Wladimir Klitschko gehört Anthony Joshua nun zu den ganz Großen. Das Boxen hat dem Briten dabei nach eigener Aussage das Leben gerettet.

Im Moment seines größten Erfolgs ging Anthony Joshua ruhig in die Ring-Ecke und nahm den tosenden Applaus der 90.000 Fans im Londoner Wembley-Stadion scheinbar gelassen zur Kenntnis. Statt große Töne zu spucken, zollte er seinem 14 Jahre älteren Gegner Wladimir Klitschko seinen Respekt.

"Klitschko ist ein Vorbild im und außerhalb des Rings und ich habe Respekt für jeden, der in den Ring steigt", sagte der Engländer und pries auch anwesende Box-Legenden wie Lennox Lewis.

Gegen "Dr. Steelhammer" setzte Joshua seine perfekte Bilanz fort: Für den 27-Jährigen aus Watford war es der 19. Sieg im 19. Profikampf - allesamt gewann er durch Knock-outs.

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Erstmals auf dem Ringboden

Gegen Klitschko trat "AJ" jedoch seiner bisher größten Herausforderung entgegen. Joshua musste zuvor nie mehr als sieben Runden gehen, gegen den 41-jährigen Ukrainer waren es fast die vollen zwölf. Ebenfalls eine Premiere war seine Landung auf dem Ringboden nach einer brutalen Rechten Klitschkos.

Doch der Champion der IBF und IBO sowie Super-Champion der WBA kämpfte sich eindrucksvoll zurück und setzte in der elften Runde alles auf eine Karte. Wer im Vorfeld gesagt hatte, ein Kampf dieses Ausmaßes käme für den 27-Jährigen zu früh, wurde am Samstagabend eines besseren belehrt.

Der gelernte Maurer, der noch wenige hundert Meter von seiner Mutter entfernt lebt, trat nach einer überragenden Leistung in die Fußstapfen von Box-Legenden wie Mike Tyson und Lewis. Und eben auch Klitschko, bei dessen erstem WM-Titel 2000 Joshua erst zehn Jahre alt gewesen war.

Der Engländer hatte bereits im Vorfeld viele Sympathien gesammelt, als er auf den fast schon obligatorischen Trashtalk verzichtete. Joshua brachte seinem Gegner viel Wertschätzung entgegen und erweckte den Eindruck eines bodenständigen, höflichen jungen Mannes. 

Beinahe im Gefängnis

Noch als Jugendlicher schien dies unmöglich. Joshua war kurz davor, auf die schiefe Bahn zu geraten. Doch als er 2007 als 18-Jähriger von seinem Cousin zum Boxen gebracht wurde, fand er dort ein Ventil. "Das war der Wendepunkt in meinem Leben", sagte der Sohn nigerianischer Einwanderer mal: "Ohne Boxen würde ich wahrscheinlich im Knast sitzen. Der Sport hat mein Leben gerettet."

Seine Box-Karriere erlitt jedoch früh einen Dämpfer. Nachdem er bereits zuvor verhaltensauffällig geworden war, wurde er 2011 wegen des Besitzes von Cannabis und der Absicht des Drogenhandels angeklagt. Statt einer langjährigen Gefängnisstrafe wurde er jedoch nur zu einem Jahr gemeinnütziger Arbeit sowie 100 Sozialstunden verurteilt - flog jedoch aus der britischen Box-Mannschaft.

Nur ein Jahr später feierte der 1,98 Meter große Modellathlet mit dem Olympiasieg in London seinen ersten großen Erfolg. Zuvor hatte der vielversprechende Boxer ein lukratives Profi-Angebot über 50.000 Pfund ausgeschlagen. "Die 50.000 Pfund abzulehnen, war einfach. Ich habe nicht mit dem Sport angefangen, um Geld zu verdienen, sondern Medaillen", meinte Joshua damals.

Die kolportierten 15 bis 20 Millionen Euro für den Kampf gegen Klitschko dürften den Briten nun trotzdem freuen. Englische Medien spekulieren bereits, er könnte der erste Milliardär des Boxsports werden.

Bodenständigkeit als Tugend

"Der junge britische Boxer ist auf dem Weg, ein weltweites Phänomen zu werden", stellte auch die Times fest. Die Euphorie auf der Insel war bereits im Vorfeld groß. Joshua soll nun der neue Superstar werden und die Schwergewichtsklasse von ihrer Langeweile befreien.

Im Gegensatz zu einigen Kollegen seines Sports gibt sich der 27-Jährige jedoch äußerst bodenständig. Nach seinem Triumph in Wembley bedankte er sich artig bei den 90.000 Zuschauern im Stadion sowie den Millionen Fans vor den Fernsehern in England, Deutschland und der Ukraine. Noch eine Stunde nach dem Kampf stand Joshua im Ring, machte Selfies und ließ sich von jedem Fan einzeln drücken. 

Zu einer Ansage ließ sich Joshua dann aber doch hinreißen: In Richtung Tyson Fury, der sich in den sozialen Medien für einen Kampf gegen seinen Landsmann ins Spiel gebracht hatte, sagte er: "Ich weiß, dass er viel geredet hat. Ich will 90.000 die Chance geben, uns zu sehen."

Ob es zum Aufeinandertreffen der beiden Klitschko-Bezwinger kommt, ist jedoch offen. Einem vertraglich festgelegten Rückkampf wollte Klitschko zumindest direkt nach dem Kampf nicht zusagen.

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