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Brooklyn - Die Irin Becky Lynch krönte sich bei WrestleMania 35 zur neuen WWE-Königin. Ein folgenschwerer Horror-Unfall in Deutschland hätte das fast verhindert.

Ein schrecklich missglückter Hieb kostete sie sechs Jahre ihrer Karriere und beinahe alles. Ein weiterer schrecklich missglückter Hieb ebnete ihr den Weg an die Spitze von WWE, in den historischen ersten Frauen-Hauptkampf von WrestleMania 35.

Man kennt die Floskel von den Geschichten, die nur der Fußball schreibt. Für Becky Lynch könnte man die Floskel erfinden von den Geschichten, die nur das Wrestling schreibt.

Der groß inszenierte Moment vor über 80.000 Fans im MetLife Stadium bei New York, der Sieg über Ronda Rousey und Charlotte Flair, der Gewinn der Damentitel von RAW und SmackDown: Beinahe wäre nichts davon passiert, wegen eines folgenschweren Ringunfalls der Irin in Dortmund, im Sommermärchen-Jahr 2006.

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Nicht nur Lynchs Karriere schien früh vorbei, ihr Leben geriet aus der Bahn, sie litt unter Depressionen und wollte mit dem Showkampf-Geschäft eigentlich abschließen, wurde Stewardess, Stuntfrau und vieles andere. Stattdessen schrieb sie schließlich doch noch ihr eigenes, sehr wendungsreiches Wrestling-Märchen.

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Folgenschwerer Wrestling-Unfall 2006 in Dortmund

Ihren Ausgang nahm die Geschichte der 1987 geborenen Irin vor 13 Jahren: Lynch (eigentlich: Rebecca Quin) war ein junges, enorm viel versprechendes Talent in der europäischen Szene. Eine Meisterschülerin ihres Landsmanns Fergal Devitt, der soeben als Finn Balor den Vorkampf für Lynchs WrestleMania-Hauptmatch bestritt.

Martin Hoffmann berichtet für SPORT1 vor Ort vom WrestleMania-Wochenende in New York
Martin Hoffmann berichtet für SPORT1 vor Ort vom WrestleMania-Wochenende in New York © SPORT1-Montage/Getty Images

Die 19 Jahre alte Lynch - damaliger Kampfname Rebecca Knox - wollte sich auch den deutschen Fans präsentieren, war gebucht für einen Fight im Revierpark Wischlingen in Dortmund.

Bei der Liga GSW (German Stampede Wrestling) trat sie gegen eine finnische Kontrahentin namens Kisu an. Dabei bekam sie einen ungeplanten Schlag gegen den Kopf ab. Ein kleiner, blutiger Ringunfall, wie er täglich vorkommt im Gewerbe, so schien es.

Gefährlicher Nervenschaden

Knox allerdings erholte sich nicht richtig davon, stattdessen wurde sie in den Tagen nach dem Kampf von einem schleichenden Horror überkommen: Sie klagte über heftige Kopfschmerzen, sah auf dem linken Auge nur noch verschwommen, hörte nicht mehr richtig.

Ein gefährlicher Nervenschaden wurde diagnostiziert, totales Sportverbot erteilt. Ein Comeback-Anlauf zwei Jahre später endete unter rätselhaften Umständen.

Knox erschien nicht zu einer Show, für die sie gebucht war, tauchte ab, ließ später übermitteln: Wrestling sei jetzt das Letzte, woran sie denken könne. Ihre Karriere schien vorbei, vier weitere Jahre lang stieg sie nicht mehr in den Ring.

Becky Lynch: "Bin in Depression abgeglitten"

"Ich bin in eine Depression abgeglitten", erzählte Lynch später, bei einem Medientermin von WWE in Deutschland im vergangenen Jahr. "Ich hatte meine Identität verloren. Ich war Rebecca, die Wrestlerin. Dann war ich keine Wrestlerin mehr. Wer war also dann Rebecca?"

Becky Lynch bei dem Medientermin in München
Becky Lynch bei dem Medientermin in München © SPORT1

Lynch litt unter Phantomschmerzen, einem Identitätsverlust - der auch bei vielen anderen Kolleginnen und Kollegen zu beobachten ist, die nach ihrer Karriere nicht loslassen können. "Es gibt nichts Vergleichbares. Dieses Live-Adrenalin, die Reaktion der Fans: Du bekommst das in der Form nirgendwo sonst."

Und Lynch hat vieles andere versucht: Sie versuchte sich nach ihrer Verletzung als Theaterschauspielerin, als Kampfsportlerin, als Stuntfrau, als Stewardess. Sie probierte vieles aus, das ihr helfen sollte, eine neue Identität zu finden.

Becky Lynch arbeitete zwischenzeitlich als Stewardess
Becky Lynch arbeitete zwischenzeitlich als Stewardess © YouTube.com/WWE

Unverhoffter WWE-Durchbruch

Im Jahr 2013 fügte sich dann doch alles: Ein Besuch in einer Wrestling-Schule - um ihre Stunt-Fähigkeiten zu schulen - endete damit, dass sie ihren Lebensplan wieder über den Haufen warf.

Lynch hatte sich erholt von der Verletzung, glaubte aber, dass es zu spät war für ein Comeback, nach sieben Jahren ohne regelmäßiges Training und Matchpraxis. Ihr Trainer aber merkte, dass sie nichts verlernt hatte, vermittelte sie an WWE, wo es ebenfalls noch Leute gab, die sich an das vergessene Talent erinnerten.

Der Rest ist Geschichte: Lynch begeisterte die Fans, schrieb als Pionierin der "Women's Revolution" WWE-Geschichte, bestritt ein großes WrestleMania-Match gegen Charlotte Flair und Sasha Banks, krönte sich zum ersten SmackDown-Damenchampion - und erlebt seit Sommer 2018 schließlich das größte Hoch ihrer Karriere.

Denkwürdiger Blut-Auftritt nach Hieb von Nia Jax

Nach dem SummerSlam 2018, als sie sich gegen Flair wandte, bekam sie einen gewaltigen Popularitätsschub mit einer neuen, aggressiven Einstellung, launigen Auftritten am Mikrofon und bei Twitter, sowie dem augenzwinkernden Spitznamen "The Man". Ein erneuter, ganz ähnlicher Ringunfall war ihr ironischerweise diesmal eine Hilfe.

Im November 2018, als Rousey eine Invasion der SmackDown-Wrestlerinnen bei RAW anführte, brach ihr Nia Jax bei einem missglückt platzierten Fausthieb die Nase und fügte ihr eine heftig blutende Wunde und eine Gehirnerschütterung zu.

Die lässige Souveränität, mit der die blutüberströmte Lynch weitermachte und sich hinterher von den Fans feiern ließ, war eine der denkwürdigsten WWE-Szenen der vergangenen Jahre. Das Bild der blutigen Lynch zierte bei WrestleMania zahlreiche Fan-Shirts (die von ihren Anhängern in Eigenregie kreiert wurden).

Becky Lynch wurde 2018 bei WWE von Nia Jax blutig geschlagen
Becky Lynch wurde 2018 bei WWE von Nia Jax blutig geschlagen © WWE Network

Auf die schwere Zeit, die sie zuvor erlebt hat, blickt Lynch mittlerweile mit anderen Augen. Sie verbucht die anderen Jobs als ebenso wertvolle Lebenserfahrung wie ihren Kampf mit den Depressionen: "Es hilft, wenn man es schafft, sich aus diesem dunklen Loch zu befreien. Man lernt etwas über sich selbst. Ich habe gelernt, wie es ohne das Wrestling ging. Nun weiß ich es umso mehr zu schätzen."

Nun hat sie von WWE den größtmöglichen Lohn für ihren Kampf bekommen.

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