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München und New York City - Ronda Rousey geht in Baby-Pause und legt ihre WWE-Karriere auf Eis. Viele Fans sahen die Ex-UFC-Queen kritisch. Rivalin Alexa Bliss preist sie bei SPORT1.

Viele Fans von Alexa Bliss waren sauer auf Ronda Rousey.

Es war der SummerSlam 2018 im vergangenen August, die zweitgrößte WWE-Show des Jahres. Rousey trat gegen den damaligen Damenchampion Bliss an - und besiegte die "Goddess" innerhalb weniger Minuten, ohne dass Bliss viel Gegenwehr leisten konnte.

In den sozialen Medien waren damals viele Beschwerden zu lesen: Kein halbes Jahr nach ihrem Debüt im Showkampf-Ring darf Rousey schon Champion werden und einen etablierten Star auseinandernehmen? Unverdient und ungerecht, so der häufige Tenor.

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Es sind Debatten, die Rousey seit ihrem WWE-Debüt begleiteten und auch nach ihrem vorläufigen Abschied dort - in der Nacht zum Dienstag bestätigte sie, dass sie in Baby-Pause geht - weiter verfolgen: Durfte das sein, dass die frühere UFC-Queen bei WWE von null auf hundert geschossen wurde, ohne sich dort ihre Sporen verdient zu haben? Passte sie da überhaupt wirklich rein?

Ja und ja - findet ihr "Opfer" Alexa Bliss.

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Alexa Bliss: Ronda Rousey ist, "was das Frauen-Wrestling" brauchte

"Ronda ist eine unglaubliche Athletin. Sie war das, was die Entwicklung des Frauen-Wrestling zu diesem Zeitpunkt brauchte", sagt die 27-Jährige zu SPORT1.

In einem Mediengespräch in New York, zwei Tage vor Rouseys vorerst letztem Match bei WrestleMania 35, brach der Ex-Champion eine Lanze für "Rowdy Ronda", deren Sonderrolle bei WWE auch einigen Kolleginnen sauer aufgestoßen ist.

Für Bliss rechtfertigte Rousey - die im Mania-Hauptkampf ihren Titel an Becky Lynch verlor - diese Sonderrolle jedoch: "Sie kommt rein, tritt ihren Gegnerinnen in den Hintern. Sie wird ihrem Spitznamen 'Baddest Woman on the Planet' gerecht. Ich habe Respekt für ihre Arbeit."

Bliss pendelt in ihren Ausführungen zwischen ihrer echten Person und ihrer Show-Rolle hin und her. In letzterer fällt noch der (auf ein späteres Rückmatch bezogene) Hinweis: "Ich war die erste, die 17 Minuten mit ihr im Ring stand - das hat vor mir keiner geschafft." Was Alexa Bliss, dem Charakter, aber wohl eher nicht über die Lippen käme, wäre dieser Satz: "Wenn ich schon gegen jemanden verlieren muss, dann gegen sie."

Alexa Bliss (o.) wurde bei WWE von Ronda Rousey als RAW-Damenchampion entthront
Alexa Bliss (o.) wurde bei WWE von Ronda Rousey als RAW-Damenchampion entthront © WWE

WWE war im Dilemma

Das Lob von Bliss spiegelt die allgemeine Meinung hinter den WWE-Kulissen wider: Kollegen und Verantwortliche schätzen die außergewöhnliche Athletik und Technik, die Superstar-Präsenz und die glaubwürdige Härte, die Rousey mitgebracht hat.

Auch ihre Einstellung wird hervorgehoben - Rousey soll sich als absolute Teamplayerin hervorgetan haben – und auch die Geschwindigkeit, mit der sie sich die Eigenheiten der Branche angeeignet hat. Rouseys "Selling" etwa, das Verkaufen gegnerischer Aktionen, ist für ihr Erfahrungsniveau außergewöhnlich.

Dennoch handelte sich WWE eine Dauerdebatte um Rousey ein, weil die Liga sie praktisch ohne Vorlaufzeit auf die große Bühne und zum Champion pushte. Viel Zeit, vorher an ihren Schwächen zu arbeiten, bekam sie nicht - und gerade in TV-Matches, für die weniger geprobt wird, merkte man ihr die fehlende Erfahrung an diversen Timing- und Positionierungsfehlern an.

Aus ihrer Sicht blieb WWE aber trotzdem kaum eine andere Wahl als das Projekt Rousey schnell durchzuziehen - außer der, es zu verschenken. Zum einen wollte sie den Superstar-Ruhm, mit dem Rousey ankam, möglichst mitnehmen nicht abklingen lassen. Zum anderen war den Verantwortlichen von Vornherein klar, dass Rousey bald eine Familie gründen wollte und WWE deshalb aufs Tempo drücken musste.

Rouseys UFC-Erfolg half WWE-Frauen

Die Liga wird geahnt haben, dass sie damit Unmut bei einem Teil ihrer Fanbasis auslösen würde, dass sie Rousey als Eindringling wahrnehmen, der ihren Lieblingen das Rampenlicht stiehlt. Dass es so kam, war der Grund, warum sie Rousey am Ende zum "Heel", zur Bösen machten, die die Fans auch offiziell ausbuhen sollten.

Was viele ihrer Kritiker aber übersehen: Rousey hat durch ihre UFC- und Mainstream-Prominenz ein zusätzliches Rampenlicht mitgebracht, das die WWE-Frauen sonst vielleicht nie bekommen hätten. Die meisten Branchenkenner sind sich sicher, dass es den Frauen-Hauptkampf bei WrestleMania ohne Rousey als prominentes Zugpferd (noch) nicht gegeben hätte.

Und mehr noch: Hätte Rousey als UFC-Main-Eventerin nicht bewiesen, dass ernsthafter (und als ernsthaft präsentierter) Frauen-Kampfsport die Zuschauermassen locken kann, hätte die WWE-Chefetage um den nicht als progressiv bekannten Liga-Boss Vince McMahon vielleicht bis heute nicht ihre Einstellung zum Frauen-Wrestling überdacht.

"Alles, was wir tun, tun wir zusammen"

Alexa Bliss - die selbst zuletzt wegen einer Serie von Gehirnerschütterungen länger pausieren musste - weiß, was sie und ihre Kolleginnen an Rousey hatten. Ihr ist aber zugleich auch wichtig zu betonen, dass Rousey auch etwas von ihnen hatte.

"Alles, was wir tun, tun wir zusammen. Zu jedem Match gehören zwei und jede Person ist nur so gut wie die andere es zulässt", führt sie aus: "Ronda hat ihren Stil, wir haben unseren und das geht sehr gut zusammen. Man lernt voneinander, nimmt etwas vom Stil und den Stärken des anderen auf und wird so zu einer besseren Performerin."

Wrestling sei Teamarbeit und nie eine Einbahnstraße, hält Bliss fest. Rousey hätte ihr und ihren WWE-Kolleginnen viel beigebracht, umgekehrt aber auch, zum Beispiel auch was die bei WWE unverzichtbaren Entertainment-Qualitäten abseits der Matches angeht: "Auch wenn du die Beste der Welt bist, du kannst und musst immer weiter lernen."

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