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Doha - Die Leichtathletik-Titelkämpfe dienen als Versuchsobjekt für die Fußball-WM in gut drei Jahren. SPORT1 checkt, auf welche Bedingungen sich die Fans gefasst machen müssen.

Wenn man so will, dann dient die gerade stattfindende Leichtathletik-WM als Generalprobe für die Titelkämpfe der Fußballer. Es ist allerdings eine Operation am offenen Herzen.

Kollabierende Athleten, ein halbleeres Stadion und astronomische Bierpreise - blüht uns das auch zur Fußball-WM? SPORT1 macht den großen Check und fragt bei Mario Basler nach, der seine Karriere in Doha ausklingen ließ.

Drei Jahre und knapp zwei Monate haben die Organisatoren noch Zeit, ihre Schlüsse aus den Erfahrungen zu ziehen, die sie gerade in der Bruthitze der katarischen Wüste machen. (Leichtathletik-WM 2019 in Doha: Liveticker, Medaillenspiegel, Zeitplan)

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Für die Marathonläufer und Geher wird es dann längst zu spät sein, sie müssen mit den unmenschlichen Bedingungen leben, die man ihnen vorgesetzt hat.

Athleten werden zu Versuchstieren

"Sie haben uns in einen Backofen geschoben. Sie haben aus uns Meerschweinchen gemacht, Versuchstiere", attackierte der französische Geher Yohann Diniz nach dem 50-Kilometer-Wettkampf den Weltverband IAAF.

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Die Hitze, die zusammen mit der hohen Luftfeuchtigkeit den Ausdauerathleten gerade so zu schaffen macht, wird den Fußballern allerdings erspart bleiben.

Aus den derzeit 40 Grad, die Doha in der Mittagshitze zum Glutofen machen, dürften Mitte November erträglichere 30 Grad werden – verbunden allerdings mit einer noch höheren Luftfeuchtigkeit.

Einer, der die extremen Bedingungen in Katar am eigenen Leib erfahren hat, ist Mario Basler. Der heutige SPORT1-Experte ließ seine Karriere im Sommer 2003 beim Hauptstadt-Klub Al Rayyan ausklingen.

Amateurhafte Bedingungen

"Die Hitze ist unerträglich, vor allem wenn du in den ersten Wochen da bist", erklärt Basler bei SPORT1 – zumal der Ligabetrieb bereits im August startet.

Als Basler in Doha aufschlug, steckte der Fußball in Katar noch in den Kinderschuhen. "Bei uns war das relativ schwierig, wir waren die ersten Spieler, die man aus Europa geholt hat", erinnert sich Basler, der mit amateurhaften Bedingungen vor Ort zurechtkommen musste. "Ich bin mal zum Training gekommen, da waren aber nur drei Spieler da."

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Mittlerweile ist die katarische Liga wesentlich professioneller geworden, nicht zuletzt dank hochkarätiger Zugänge wie der frühere Barcelona-Star Xavi, der nach Beendigung seiner Karriere in Doha geblieben ist. Auch Ex-HSV-Stürmer Pierre-Michel Lasogga schnürt mittlerweile die Fußballschuhe für den katarischen Klub Al Arabi und dürfte ein Vielfaches von dem verdienen, was er in Hamburg bekam.

FIFA-WM entgeht der schlimmsten Hitze

Während Lasogga sich mit den Bedingungen übers ganze Jahr arrangieren muss, hat die kickende Elite 2022 das Privileg, der schlimmsten Hitze aus dem Weg zu gehen. Bei den derzeitigen Bedingungen wäre es für die kaum akklimatisierten Fußballer auch völlig abwegig, ein halbwegs reguläres Fußballspiel über die Bühne zu bringen.

SPORT1-Redakteur Johannes Fischer ist bei der Leichtathletik-WM in Doha vor Ort
SPORT1-Redakteur Johannes Fischer ist bei der Leichtathletik-WM in Doha vor Ort © SPORT1-Montage: Marc Tirl/Getty Images/SPORT1

Bei den Abendspielen dürften dann in Katar um die 25 Grad herrschen und sogar der ein oder andere Regenschauer herunterkommen – etwas, wonach die Ausdauersportler bei der Leichtathletik-WM derzeit lechzen.

Doch selbst wenn der Spätsommer in der arabischen Wüste noch einmal aufdrehen sollte – die Organisatoren sind gerüstet: Wie schon jetzt bei den Leichtathleten wird jedes Stadion per Klimaanlage heruntergekühlt.

Katarischer Winter kühler als Sommer in Deutschland

"Eigentlich braucht man die nicht unbedingt, dann wenn man eine Sommer-WM in Deutschland oder anderswo austrägt, sind die Temperaturen ja auch teilweise 30 oder 35 Grad hoch", gibt Basler zu bedenken: "So warm wird es in Katar im November und Dezember nicht mehr, deswegen sollte man das Geld lieber spenden."

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Für die Fußballfans, die im November 2022 den Trip in die Wüste planen, dürften die erträglicheren Temperaturen einen großen Mehrwert darstellen. Aus den Fensterscheiben der hoch klimatisierten Busse ist Doha mit seiner spektakulären Skyline durchaus sehenswert – zum jetzigen Zeitpunkt empfiehlt sich ein längerer Aufenthalt im Freien aber nicht.

Was die für gewöhnlich bierdurstigen Fußballanhänger dagegen abschrecken dürfte, sind die astronomischen Preise für den Gerstensaft. Preise von umgerechnet 15 Euro für den halben Liter sind in Doha keine Seltenheit – sofern man überhaupt einen Verkaufsstand findet.

Strenger Umgang mit Alkohol

In Katar herrschen strenge gesetzliche Vorgaben bezüglich Alkohol und dem Verkauf bzw. Ausschank von Alkohol – das war selbstredend schon vor 16 Jahren so.

"Du darfst in der Öffentlichkeit nichts trinken, nur zu Hause", erinnert sich Basler. "Du kannst in gewissen Shops Alkohol für zu Hause kaufen, oder in Hotels. Wenn du auf der Straße was trinkst, wirst du sofort eingesperrt."

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Nach aktuellem Stand wird auch bei der WM 2022 keine Ausnahme gemacht und es keinen Ausschank im Stadionbereich geben - was die Zahl der Fußballfans nicht gerade steigen lassen dürfte. Schon die aktuelle Leichtathletik-WM muss nicht nur mit der Hitze kämpfen, sondern auch mit dem geringen Zuschauerinteresse.

Nur geringes Zuschauerinteresse

"Es ist sehr enttäuschend, dass keine Zuschauer da sind", sagt Basler. "Man kann davon ausgehen, dass es bei der Fußball-WM nicht viel anders sein wird. Wenn nicht gerade Deutschland gegen England spielt und vielleicht jeweils 20.000 Fans anreisen, dann wirst du relativ wenig Zuschauer haben."

Dass es zumindest keine Probleme geben wird, die acht Stadien bis zum Termin fertigzustellen, liegt an den tausenden Gastarbeitern, die für einen Hungerlohn teilweise ihr Leben riskieren. 

An einer Baustelle hängt ein großes Plakat in englischer Schrift: "Zero accidents in 60 days", steht dort fast schon zynisch geschrieben und man kommt ins Grübeln, ob das wohl der bisherige Rekord unfallfreier Tage ist.

Bis in gut drei Jahren also um die WM-Krone gespielt wird, haben die Organisatoren noch viele Hausaufgaben zu erledigen. Es darf schon jetzt bezweifelt werden, dass es ihnen zum Wohle des Fußballs und der Fans gelingen wird.

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