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Viele Sportler müssen wegen der Coronakrise daheim bleiben
Viele Sportler müssen wegen der Coronakrise daheim bleiben © SPORT1-Grafik: iStock/instagram/david_luziz4/instagram/melissasatta
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München - Der Spielbetrieb wird ausgesetzt, ganze Teams stehen unter Corona-Quarantäne. Aber was bedeutet das für die Sportler? Psychologe Markus Raab klärt auf bei SPORT1.

Das Coronavirus hält die ganze Welt im Würgegriff.

Neben den Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft hat auch der Sport zu kämpfen. In zahlreichen Ligen ist der Spielbetrieb ausgesetzt oder gar komplett abgebrochen.

Inzwischen werden auch immer mehr Erkrankungen bei den Sportlern bekannt, ganze Teams wie Real Madrid, die Los Angeles Lakers und die deutsche Handball-Nationalmannschaft stehen unter Quarantäne.

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Was macht das mit den Betroffenen?. Prof. Dr. Dr. Markus Raab ist Leiter der Abteilung Leistungspsychologie an der deutschen Sporthochschule Köln und erklärt bei SPORT1, wie sich der Hausarrest auf Spitzensportler physisch wie psychisch auswirkt.

SPORT1: Herr Raab, Glauben Sie, dass die Sorge vor einer Infektion bei Sportlern noch höher ist als bei anderen, weil es Folgen auf die ganze Mannschaft haben kann?

Markus Raab: Durch die Tröpfchenbildung und die Infektionskette ist eine Infektion wahrscheinlicher, wenn man zusammen nah beieinander kämpft und trainiert, als wenn ich am Telefon arbeite. Ich denke daher, die Sorge ist berechtigt, dass sich neben einem Einzelspieler die Infektionskette auf die Mannschaft ausweiten kann. Allerdings sind es junge Sportler. Die Risikogruppe besteht aus Menschen mit Vorerkrankungen, die das Immunsystem schwächen. Dieser Gruppe sind sie eher nicht zuzuordnen. Selbst wenn sie sich anstecken, ist das Risiko nicht so groß, dass es zu einer Todesfolge oder einer sehr schweren Erkrankung kommt. Diese Risikoabschätzung müssen die Spieler auch machen. Sie müssen verstehen, wie hoch das Ansteckungsrisiko ist. Es ist auch wichtig, wie die Gesetzeslage ist. Wir erlauben keine Fans mehr in den Stadien, aber wir erlauben, dass die Spieler auf dem Platz interagieren. Eigentlich gilt im Sport immer die Vorsichtsmaßnahme: Im erkrankten Zustand sollte man keinen Hochleistungssport machen.

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SPORT1: Die Bundesliga-Saison wurde wie alle anderen Top-Ligen in Europa unterbrochen. Eigentlich plante die DFL am 26. Spieltag Spiele ohne Publikum. Ist es für Profis bei Geisterspielen überhaupt möglich, Höchstleistungen zu bringen?

Raab: Ich kenne Studien, die besagen, dass es nicht so einen großen Einfluss auf den Ausgang des Spiels hat, ob die Zuschauer besonders laut oder weniger aktiv sind. Das Ergebnis einer Partie hängt deutlich stärker von anderen Faktoren ab. Allerdings sind Geisterspiele schon ein Einflussfaktor. Wenn ich ständig unter Zuschauern trainiere und spiele, bin ich an diesen Zustand gewohnt. Ändert sich der Zustand plötzlich, kann das dazu führen, dass sich mein Verhalten ändert. Dies wurde den Spielern vor den Geisterspielen auch so kommuniziert. Es erfordert eine besondere mentale Einstellung, sich auf das Spiel zu fokussieren. Doch die Reaktionen, die man üblicherweise nach Toren oder anderen Aktionen erwartet, bleiben aus. Soziale Gruppen, etwa Fans, haben immer einen Einfluss auf die Motivation eines Einzelnen.

Pause kann Verletzungsrisiko erhöhen

SPORT1: Es ist unklar, wie lange der Ball in den Top-Ligen ruhen wird. Ist es für die Spieler überhaupt möglich, nach einer langen Unterbrechung der Saison sofort wieder weiterzumachen, als ob nichts gewesen wäre?

Raab: Ich denke schon. Sportler kennen die Situation von Unterbrechungen. Es gibt Sommer- und Winterpausen, zusätzlich auch andere längere Urlaubs- und Regenerationsphasen. Es ist ja auch nichts Ungewöhnliches, sich gleich auf mehrere Höhepunkte in einer Saison einstellen zu müssen: Meisterschaften, Pokalwettbewerbe, Europa- oder Weltmeisterschaften. Die Spieler müssen nach Pausen sowieso immer wieder relativ schnell Höchstleistungen vollbringen, daher erwarte ich in diesem Fall keine Probleme. Man muss eher den körperlichen Zustand über die Pause gut managen. Ansonsten erhöht sich das Verletzungsrisiko. Es ergibt deshalb keinen Sinn zu sagen: Vier Wochen Pause und auf den nächsten Tag spielt man einfach wieder. Man müsste sagen: Macht Pause und habt dann zwei oder drei intensive Trainingseinheiten, die die Spieler wieder auf das erforderliche Spitzenniveau bringen. Dann können sie wieder in den Wettkampfmodus einsteigen.

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SPORT1: Das Problem der gegenwärtigen Situation ist aber: Keiner weiß, wann es überhaupt weiter geht...

Raab: Dadurch können Spieler und Trainer natürlich auf keinen Zeitpunkt hinarbeiten. Sowohl mental als auch körperlich. Diese Situation ist äußert selten. Gewisse Planungsunsicherheiten allerdings erleben die Spieler auch bei normalem Saisonverlauf. Diese ergeben sich etwa, wenn sie nicht wissen, ob sie in der Champions League oder im Pokal weiterkommen. Ich würde empfehlen, dass Sportpsychologen die Spieler in diesen Pausen eng begleiten. Diese Experten sollten auch in der Wettkampfvorbereitung intensiv eingesetzt werden.

Diese Probleme können durch Quarantäne auftreten

SPORT1: Sie glauben also, dass es in solchen Phasen noch wichtiger ist, dass die Spieler mentale Unterstützung bekommen?

Raab: Genau. Mentale, aber auch körperliche Unterstützung. Das sorgt für eine bestimmte Aufrechterhaltung ihres aktuellen Leistungsniveaus, auch wenn sie keine Fußballspiele haben. Momentan erleben wir natürlich einen Extremfall. Die Ansteckungsgefahr und die Unsicherheit, wann es weitergeht, muss psychologisch erst einmal verarbeitet werden.

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SPORT1: Einige Mannschaften, darunter Juventus Turin und Real Madrid, sind in Quarantäne. Sie stehen in engem Kontakt mit Trainern und Psychologen und werden in den nächsten Wochen versuchen, mental und physisch fit zu bleiben. Glauben Sie, dass das überhaupt möglich ist?

Raab: So ungewohnt ist eine solche Situation für Sportler nicht: In Trainingslagern durchleben sie ebenfalls eine sehr intensive und fast schon eingesperrte Zeit. Am Trainingslager nehmen sie allerdings mehr oder weniger freiwillig teil. Sie sind auch mit ganz unterschiedlichen Risiken konfrontiert. Ein möglicher Lagerkoller ist da noch die präsenteste Gefahr.

Lange Quarantäne steigert Aggressionspotenzial

SPORT1: Was kann man dagegen tun?

Raab: Was für Spieler, die in Quarantäne sind, wichtig ist: Sie dürfen nicht nur ihre normalen Routinen ausführen, sondern brauchen mehr Abwechslung. Sonst passiert das, was momentan auf Schiffen zu beobachten ist. Dort dürfen Menschen nicht einmal mehr aus ihren engen Kabinen raus. Sie brauchen einen Tagesplan, der die normalen Trainingspläne integriert: Training, Erholung, Ernährung und Rehabilitation. Damit können sie eine kurze Zeit in Quarantäne überstehen. 

SPORT1: Und wenn es länger dauert?

Raab: Mental gesehen, wird es deutlich schwieriger, wenn die Quarantäne über vier oder sechs Wochen aufrechterhalten werden muss. Wenn Sie in einem Fahrstuhl eingesperrt sind, dann können Sie sich ohne Probleme zwei Stunden dort aufhalten. Wenn Sie aber nicht wissen, wann sie rauskommen, dann führt das bei Personen üblicherweise zu mehr Impulsivität, reduzierter Emotionsregulation und potenziell auch zu mehr Aggression. Das will man natürlich bei einer Fußballmannschaft verhindern.

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