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Nach der Kollision am Nürburgring fährt Nico Müller trotz beschädigtem Auto weiter
Nach der Kollision am Nürburgring fährt Nico Müller trotz beschädigtem Auto weiter © LAT
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"Mit Nico Müller hat Audi die Rennen manipuliert" lauten Vorwürfe der Konkurrenz in der DTM 2017: Audi widerspricht und führt in die Statistik der Verwarnungen an

Ein Rookie als DTM-Champion, viele - auch oft verbal - harte Duelle zwischen Fahrern und lästige Diskussionen abseits der Rennstrecken: Das war die Saison 2017. 'Motorsport-Total.com' beleuchtet in umfassenden Rückblicken noch einmal die Kernthemen des Jahres. Heute: Die Kontroverse um den Vorfall zwischen Timo Glock und Nico Müller am Nürburgring und die daraus entstandenen Vorwürfe gegen Audi, durch Anweisungen an die Fahrer die Rennen zu manipulieren.

Neben den unendlich erscheinenden Diskussionen um die unbeliebten Performance-Gewichte war der Crash zwischen BMW-Pilot Timo Glock und Audi-Fahrer Nico Müller im Sonntagsrennen am Nürburgring der Aufreger der DTM-Saison 2017. Was war passiert? Glock beschwerte sich über Funk bei seinem Team, dass der vor ihm fahrende Müller früher als gewöhnlich bremst. Kurz darauf krachte Glock vor der Vedol-Schikane in das Heck des Audi mit der Nummer 51. Das Fahrzeug des Schweizers war stark beschädigt, doch anstatt direkt an die Box zu fahren, blieb Müller noch zwei Runden draußen, schleppte sich um den Kurs in der Eifel und hielt das Feld hinter sich auf. Teamkollege Mattias Ekström kam so auf Rang sechs nach vorne.

Doch das war nicht der einzige Vorfall um Nico Müller, der die DTM-Gemüter 2017 zum Erhitzen brachte. Im Sonntagsrennen in Moskau kam der 25-Jährige erst drei Runden vor Schluss zum Reifenwechsel an die Box und bremste auch hier das Feld so ein, dass der Schwede davon profitierte und Zweiter wurde. Im zweiten Rennen in Zandvoort leistete Müller seinem Teamkollegen ebenfalls Schützenhilfe, als "Ekis" Reifen so stark abbauten, dass er sich nur mit Mühe als Vierter ins Ziel schleppen konnte. Auch in Spielberg soll Müller die Konkurrenz eingebremst und seinen Audi-Kollegen einen Vorteil verschafft haben, behauptet BMW-Pilot Marco Wittmann.

Glock platz der Kragen

Glock platzte nach der Kollision am Nürburgring, für die er übrigens wegen zu spätem Bremsen verwarnt wurde und Müller straffrei ausging, der Kragen und schoss Giftpfeile in Richtung Ingolstadt. "Wenn man bei Audi die Rennen so manipulieren möchte, dann ist das schon beschämend und sehr schade auch gegenüber dem Fan. Alle anderen machen es meiner Meinung nach sehr fair. Zwischen Mercedes und BMW arbeitet man noch vernünftig. Aber was man da bei Audi macht ... Da sieht man mal, wie sehr die Jungs da unter Druck stehen - wie stark auch Dieter Gass unter Druck steht, dass er solche Strategien rausgibt", so der BMW-Pilot nach dem Rennen in der Eifel.

Der Nürburgring-Sieger und Mercedes-Mann Robert Wickens gibt Glock und seinen Vorwürfen recht: "Da wurde ausgebremst und aus Kurven heraus nicht beschleunigt. Es war offensichtlich, was da versucht wurde."

Auch der Mercedes-DTM-Teamchef war nicht glücklich über die Aktion von Müller. "Das war grenzwertig, weil es auch gefährlich ist. Da bremst einer vermutlich früher und der Hintermann rauscht ihm hinten rein. Da bin ich nicht begeistert davon, das ist gefährlich", sagt Ulrich Fritz und deutet an, dass er diese Art der Taktikspielchen kennt. "Wir haben dieses Spiel 2015 auch relativ umfangreich betrieben. Aber ich glaube, manche Dinge müssen einfach nicht sein. Wenn man sich gegenseitig abräumt oder von der Strecke drängt, das ist zu viel", so der 40-Jährige.

"Die Aktion hat mich die Meisterschaft gekostet"

Bei Audi weist man jegliche Schuld und Manipulationsvorwürfe von sich. "Ich war auf der Strategie, im ersten Stint lange draußen zu bleiben und war in der Situation, auf den alten Reifen meine Position zu verteidigen. Ich habe nichts Unfaires getan", schildert Müller gegenüber 'Motorsport-Total.com' den Vorfall aus seiner Sicht. Und der Audi-Motorsportchef sieht die Schuld für den Crash in der Eifel nicht bei seinem Schützling. "Nico Müller fuhr vorne und Timo Glock ist ihm auf einer zwölf Meter breiten Geraden hinten draufgefahren", sagt Dieter Gass.

"Ich habe mich mit Jens Marquardt über das Thema unterhalten, denn ich fand, die Aussagen (von Glock; Anm. d. Red.) gingen zu weit. Es steht einem Fahrer nicht zu, dieses Thema so zu kommentieren", ist er über Glocks Aussagen verärgert.

Beim Saisonfinale in Hockenheim wurde der Ex-Formel-1-Pilot erneut auf das Thema Müller angesprochen und gefragt, ob er die Situation immer noch so sieht, als ein paar Wochen zuvor und ob die Wut über seine Aktion mittlerweile verraucht ist. Glock verneinte und setzte sogar noch einen drauf: "Die Aktion hat mich die Meisterschaft gekostet. Das war in dem Moment ausschlaggebend für meine persönliche Situation. Mein Zug war damit abgefahren", schimpft er. Glock stellt aber auch klar, dass er kein Problem mit Müller persönlich hat: "Ich habe nichts gegen den Mensch Nico Müller, sondern die Art und Weise, wie Audi vorgegangen ist."

Bis hierhin und nicht weiter

Der Deutsche ist lange genug im Motorsportgeschäft, dass er weiß, dass das Wohl des Teams oder Herstellers, auf dessen Lohnliste man steht, vor den eigenen Interessen des Fahrers steht - sollte es zumindest auch Sicht der jeweiligen Hersteller. "Sicherlich bekommen wir alle unsere Instruktionen. Aber es gibt halt einen großen Teil der Fahrer, die bis zu einem gewissen Punkt gehen und dann sagen: 'So jetzt ist es aber mal gut. Mehr kann ich nicht machen.'", erklärt der 35-Jährige.

Doch Müller habe es in seinen Augen übertrieben. "Er hat es bis zum Maximalen getrieben. Es ist schade, wenn du, wie am Nürburgring, da sitzt und du (von der Rennleitung; Anm. d. Red.) gesagt bekommst: 'Wir wissen, dass er 25 Meter früher gebremst hat, aber wir können ihm keine Strafe dafür geben.' Irgendwann fragst du dich als Fahrer: 'Na gut, wofür machen wir das alles hier?'. Wenn man nicht mal mehr einen Fahrer bestraft, der relativ offensichtlich einen Bremstest oder, was auch immer er vorhatte, warum er 25 Meter früher bremsen musste, durchführt. Es ist schade, dass man das nicht klarer bestrafen kann", versteht er die Welt nicht mehr.

DTM-Boss Gerhard Berger ist von der Leidenschaft und den deutlichen Worten der Fahrer angetan. "Ich finde das total gut für die Szene. Ich finde, wir leben von Emotionen. Rennsport besteht aus Emotionen. Fahrer, die aus den Autos steigen und erzählen, was sie denken - egal ob es richtig oder falsch ist. In dem Moment sprüht einfach die Emotion aus einem Fahrer. Das wollen die Fans und das wünschen auch wir uns alle", sagt der ehemalige Formel-1-Fahrer und nimmt Glock nach seinem Wutausbruch in Schutz: "Sein Vorfall war natürlich explosiv. Aber das beruhigt sich schon alles."

Müller weist Vorwürfe von sich

Müller selbst will nicht mehr als Sündenbock dargestellt werden und kann die Vorwürfe gegen ihn nicht mehr hören. Wittmanns Beschwerden am Red-Bull-Ring kontert er: "Er sollte vielleicht mal aufhören zu jammern. Wenn er schneller ist, dann soll er mich überholen. Ich bin es langsam leid, um ehrlich zu sein."

Der Schweizer bedauert, dass manche Fahrer ihren Frust öffentlich freien Lauf lassen, anstatt eine Aussprache mit ihm hinter verschlossenen Türen zu suchen. "Mit dem einen oder anderen muss man sich nicht unterhalten. Die schlachten sowas gerne aus und können ihrem Frust da freien Lauf lassen", sagt Müller im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' und ergänzt: "Ich finde, das muss man auch nicht auf die persönliche Ebene runterziehen."

Der Audi-Pilot erklärt, dass er kein persönliches Problem mit einem seiner DTM-Fahrerkollegen hat. "Ich kann jedem in die Augen schauen, ich kann mit jedem ein paar Worte wechseln, ohne dass ich das Gefühl habe: 'Was bist du für ein Depp!'. Wir sind da draußen auf der Rennstrecke, um das Maximum rauszuholen", so Müller weiter. "Und, dass da vielleicht mal Fehler passieren, mal eine Linie übertreten wird und es mal zum Kontakt kommt oder so, das ist das Normalste der Welt. Ich finde, da muss man sich danach, sobald man den Helm unten hat, nicht auf persönlicher Ebene angreifen."

Audi mit den meisten Verwarnungen 2017

Die Ingolstädter weisen alle Vorwürfe unsportlichen Verhaltens von sich. Doch die Statistik der von den Sportkommissaren in der Saison 2017 ausgesprochenen Verwarnung spricht eine andere Sprache. "Die Statistik der Verwarnungen ist ganz interessant", weist Mercedes-DTM-Teamchef Ulrich Fritz darauf hin, dass Audi auch diese Tabelle deutlich anführt.

An den neun Rennwochenenden 2017 wurden insgesamt 20 Verwarnungen gegen die Audi-Fahrer ausgesprochen. Spitzenreiter mit jeweils fünf Verwarnungen sind Jamie Green und Loic Duval. DTM-Champion Rene Rast und BMW-Mann Marco Wittmann erhielten jeweils vier, Mattias Ekström drei Verwarnungen. Interessant bei dieser Statistik ist außerdem, dass ausgerechnet Nico Müller, der für sein Fahrverhalten oft kritisiert wurde, in der abgelaufenen Saison nur einmal verwarnt wurde. Nämlich für das Abdrängen von Marco Wittmann im zweiten Rennen am Nürburgring.

Gegen BMW und Mercedes wurden deutlich weniger Verwarnungen ausgesprochen: acht für die Münchner und sechs für die Stuttgarter. Am vorbildlichsten von allen Fahrern waren in diesem Jahr Bruno Spengler, Maxime Martin und Tom Blomqvist (alle BMW) unterwegs. Denn sie behielten eine weiße Weste und wurden in diesem Jahr kein einziges Mal verwarnt.

Die hohe Anzahl der Verwarnungen für Audi sticht deutlich heraus, wie auch der Mercedes-DTM-Teamchef bemerkt. "Das ist schon ein Unterschied und ich glaube, daran sieht man, was den Fahrern mitgegeben wird. Man muss darauf hoffen, dass der DMSB entsprechend eingreift", hofft er, dass in Zukunft wieder mit fairen Mittel gekämpft wird, denn: "So dürfen Meisterschaften nicht beeinflusst werden."

© Motorsport-Total.com

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