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Philipp Eng führt nach dem Zolder-Wochenende auch in der Meisterschaft
Philipp Eng führt nach dem Zolder-Wochenende auch in der Meisterschaft © BMW
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Der neue DTM-Leader Philipp Eng machte seine mentale Schwäche zur Stärke. Er erklärt, wieso ihm seine Ingenieure Leid tun und das Notizbuch seine schärfste Waffe ist.

Was für ein Saisonauftakt für Philipp Eng: Der BMW-Pilot holte am Samstag in Zolder seinen ersten DTM-Sieg und am Sonntag Platz zwei und führt nun die Meisterschaft an. "Ich habe von diesem Szenario oft geträumt", gibt der Österreicher zu. "Aber in Wahrheit ist es viel besser als im Traum."

Dabei sah es in Hockenheim zunächst gar nicht gut aus für den 29-Jährigen, der am Freitag und am Samstag wegen technischer Probleme kaum zum Fahren gekommen war. Umso wichtiger war die Pole-Position am Sonntag, als er mit der schnellsten, je in einem Auto mit Dach gefahrenen Runde das Pech hinter sich ließ.

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Aber wie konnte Eng so rasch den Turnaround schaffen? "Ich glaube, es ist hauptsächlich meine mentale Stärke, die jetzt besser ist als in der Vergangenheit", antwortet er im Gespräch mit Motorsport-Total.com. "So eine Situation wie am Samstag in Hockenheim hätte mich im vergangenen Jahr viel mehr beschäftigt, aber ich habe diesmal vor allem versucht, positive Stimmung zu verbreiten. Du musst in solchen Situationen vor allem schauen, dass du ruhig bleibst, sonst landest du in einer Spirale."

Nach Formel-Aus: Wie Eng seine Karriere wiederbelebte

Eng bemüht sich daher, in solchen Krisensituationen den Fokus nicht zu verlieren. "Da stelle ich mir immer die Frage: Habe ich einen Einfluss?", gibt er Einblicke. "Ich werde fürs Fahren bezahlt und die Ingenieure dafür, dass die Autos laufen. Deswegen muss man einfach Vertrauen haben. Das habe ich mir immer wieder vorgesagt, und so habe ich das ganz gut und ruhig über die Bühne gebracht. Es war aber eine harte Prüfung."

Dabei galt Eng in seiner Formel-Zeit als enormes Nervenbündel: Vor neun Jahren kämpfte der damals von Ex-Formel-1-Pilot Christian Danner gemanagte Salzburger um den Formel-2-Titel, schwächelte aber in der zweiten Saisonhälfte und fiel noch auf den sechsten Gesamtrang zurück.

Nach dieser bitteren Enttäuschung im Jahr 2010 verabschiedete sich der frühere Red-Bull-Pilot, der von Helmut Marko wegen mangelnder Konstanz den Laufpass erhielt, von seinem Formel-Traum und suchte - übrigens ähnlich wie sein aktueller Audi-Rivale Rene Rast - in Porsche-Markenpokalen sein Glück. Mit Erfolg, denn 2014 und 2015 holte er im Carrera-Cup und 2015 auch im Supercup den Titel und brachte damit seine Karriere wieder in Schuss.

Warum Eng bei seiner DTM-Premiere so überfordert war

Als er dann von BMW im Jahr 2016 geholt wurde und im ADAC-GT-Masters und bei Langstreckenrennen glänzte, traute ihm zuerst Schnitzer-Legende Charly Lamm und dann auch Motorsportdirektor Jens Marquardt die DTM zu. Ein Umstieg, der nicht auf Anhieb glückte. Denn bei seiner DTM-Premiere in Hockenheim war Eng mit den Plätzen 14 und 16 der schwächste BMW-Pilot.

"Wenn du in die DTM kommst, dann geht es im Gegensatz zum GT-Masters nicht nur ums Rennfahren", beschreibt Eng seine Erfahrungen beim schwierigen Debüt. "Es gibt so viele andere Dinge, viele Meetings und Pressetermine, während ich davor eine Autogrammstunde am Wochenende hatte - und das war's! In der DTM brauchst du an so einem Wochenende ein sehr gutes Zeitmanagement, und das hat mich glaube ich am ersten Wochenende erschlagen. Ich hatte zu wenig Kapazität dafür frei, wie ich mich auf der Strecke verbessern kann."

Rookie des Jahres? Eng im Vorjahr trotzdem unzufrieden

All das habe "extrem viel mit Selbstorganisation zu tun, und da musste ich mich zurechtfinden", erklärt Eng, der schon an seinem zweiten DTM-Wochenende auf dem Lausitzring seine erste von bisher drei DTM-Pole-Positions einfuhr. Mit dem Sieg klappte es in der ersten Saison für Eng, der zum Rookie des Jahres gekürt wurde, allerdings nie.

Woran es 2018 scheiterte? "Erfahrungen musst du erfahren", gibt Eng eine philosophische Antwort. "Ich glaube, ich habe im vergangenen Jahr sehr viel gelernt." Auch im Umgang mit den Reifen: "Ich habe ja schon ein-, zweimal ein Rennen angeführt, und immer sind die Reifen in die Knie gegangen. Deswegen wollte ich sicherstellen, dass ich sie diesmal besonders gut manage", verweist er auf seinen Sieg am Samstag in Zolder.

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Abgesehen von der Nervenstärke, die sich Eng hart erarbeitet hat, gilt der Sim-Racing-Freak, der schon vor einem Jahrzehnt in seiner Freizeit virtuelle Rennen vor dem Computer bestritt, als penibler, akribischer und ungeduldiger Typ. "Ich habe mich im Vorjahr gleich nach dem Saisonende mit den Ingenieuren zusammengesetzt, denn ich bin Neunter in der Gesamtwertung geworden - und nicht Erster", erzählt er. "Also gab es mehr zu verbessern als bei acht anderen."

Philipp Eng: Warum ihm seine Ingenieure Leid tun

Um ja kein Detail zu vergessen, macht sich Eng jedes Wochenende zahlreiche Notizen. "Ich dokumentiere alles, was ich so mache und was an einem Rennwochenende passiert", sagt er. "Es ist vielleicht ein blöder Spruch, aber wer schreibt, der bleibt."

Mit diesen Notizen geht er dann auf seine Ingenieure los. "Sie tun mir manchmal ein bisschen leid, weil ich extrem fordernd bin, wenn es um Auswertungen geht", gibt er zu. "Ich will viel sehen - und zwar nicht nur Daten, sondern vor allem Antworten."

Was er damit meint? "Wenn mir der Ingenieur sagt, dass ich fünf Meter später bremse, dann bringt mir das nichts. Ich muss wissen, warum ich das mache und wie er mir dabei helfen kann, fünf Meter später zu bremsen. Oder wie wir uns da gegenseitig helfen können. Und so versuche ich, mich immer weiter zu verbessern. Und damit bin ich den vergangenen vier, fünf Jahren nicht schlecht gefahren."

Wie Eng seine Lehrer verrückt machte

Seine akribischen Aufzeichnungen betreibt Eng schon länger. "Eigentlich seit ich Kart fahre", sagt er. "Früher hatte ich ein Heft, in das ich alles hineingeschrieben habe, darunter Bremspunkte für die ganze Strecke. Dieses Heft ist dann leider auch oft in der Schultasche gelandet, und ich habe es ab und zu vertauscht", offenbart er, dass die Schulhefte manchmal aus Versehen zu Hause geblieben sind.

Im Nachhinein scheint das kein Fehler gewesen zu sein, denn nun erntet Eng endlich die Lorbeeren. Und erhält im DTM-Fahrerlager viel Anerkennung dafür. "Philipp ist sehr beliebt im Paddock", sagt RBM-Teamchef Bart Mampaey, der von Eng vor jedem Rennen am Teamsitz in Mechelen in Belgien Besuch bekommt, bei Sat1. "Er lebt das zu 100 Prozent. Die Leidenschaft ist bei ihm da. In dem Moment, wo er erfolgreich ist, kommt auch wirklich alles aus ihm heraus."

© Motorsport-Total.com

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