vergrößernverkleinern
Nico Müller, Rene Rast und Joel Eriksson auf dem Norisring-Podium 2019
Nico Müller, Rene Rast und Joel Eriksson auf dem Norisring-Podium 2019 © ITR
Lesedauer: 7 Minuten
teilenE-MailKommentare

Das verrückte Rennen des Rene Rast: Wie er den Start aus "Unvermögen" versemmelt und was Timo Glock mit seinem Ausblick auf die Meisterschaft zu tun hat

©

Ausgerechnet auf dem Norisring, beim "Monaco der DTM" am sommerlichen Dutzendteich, war Rene Rast vor 2019 noch nie in die Punkteränge gefahren. Doch heute sollte alles anders sein. Das begann schon in der Nacht von Freitag auf Samstag - weil das Handy von Rasts Manager Dennis Rostek ausnahmsweise mal nicht piepste.

"Es kam keine WhatsApp von ihm. Das ist eigentlich recht selten so", grinst Rostek im Interview mit 'Sat.1' . "Wir sind auch nicht im gleichen Hotel. Sonst sind wir immer im gleichen Hotel, und dann klappt das auch immer. Das sind so Rituale, die wir haben. Und da dachte ich schon: Ausgerechnet wieder am Norisring ..."

Anzeige

Nach der ersten Runde musste sich Rostek in seinen Vorahnungen bestätigt fühlen. Rast hatte den Start verpatzt und war an die letzte Position zurückgefallen. Streng genommen hatte er Glück, dass ihm alle von hinten ankommenden Gegner ausweichen konnten: "Du schaust mehr in den Rückspiegel als aufs Lenkrad. In dem Moment hoffst du einfach, dass dich keiner trifft", atmet der Rosberg-Audi-Pilot auf.

Sportchef Dieter Gass nimmt ihn in Schutz: "Es ist nicht jede Kupplung gleich wie die andere. So viele Startversuche haben wir auch nicht, gerade am Renntag. Wenn die Kupplung dann mal ein bisschen mehr zumacht, als sich der Fahrer vorstellt, passiert sowas. Deswegen ist ja das Startventil weg, damit die Starts wieder mehr manuell sind und solche Fehler passieren können."

Rast sucht keine Ausreden: "Ist mir noch nie passiert"

Aber Rast selbst möchte weder die Kupplung noch die neuen Regeln als Ausrede gelten lassen. Für ihn ist klar: "Das war schon ich. Unvermögen. Ist mir noch nie passiert. Ich habe das Auto abgewürgt. Wie beim PKW auch. Wenn du die Kupplung ganz schnell kommen lässt, geht das Auto auch aus. Und das ist bei mir auch passiert."

"Ich hatte zu wenig Gas und hab' die Kupplung zu schnell kommen lassen. Dann war direkt, bumm, aus", erinnert sich der 32-Jährige. "Ich dachte, heute bin ich mal ein bisschen cleverer und ändere was an meiner Startprozedur. Ich hatte bei den Practice-Starts immer extrem Wheelspin und dachte, heute fährst du defensiver los, mit ein bisschen weniger Leistung und Gas. Hat nicht funktioniert."

Einen DTM-Start vorher zu trainieren, sei "schwierig", sagt Rast: "Du kannst eigentlich nur zweimal am Wochenende üben, in FP1 und FP2. Die sind meistens am Ende des Trainings. Da sind die Reifen auf einem ganz anderen Hitzelevel als am Start des Rennens. Am Start hast du ja kalte Reifen, am Ende des Trainings hast du heiße Reifen. Das ist nicht aussagekräftig."

"Nach dem Start dachte ich wirklich, das Rennen ist vorbei. Aber ich habe versucht, einen kühlen Kopf zu bewahren. Und dann kam ja auch schon relativ schnell das Safety-Car raus. Wir haben die Möglichkeit genutzt und gestoppt. Dann hatten wir wirklich eine sehr, sehr gute Pace und konnten das Rennen von vorne diktieren. War natürlich ein gigantisches Rennen für uns."

Es ist die Paradoxie des ersten Norisring-Rennens 2019: Rast kam, getriggert vermutlich durch seinen Horror-Start, früher als die Führenden an die Box, um genau zu sein in der dritten Runde. In der vierten Runde wurde, wegen des Ausfalls von Pietro Fittipaldi, das Safety-Car auf die Strecke geschickt. Damit bekam er im Vergleich zu Leader Nico Müller & Co. "30, 40 Sekunden" geschenkt.

Gass dementiert Zusammenhang zwischen Start und Boxenstopb

Den kausalen Zusammenhang zwischen Horror-Start und frühem Boxenstopp möchte Audi-Sportchef Gass so aber nicht stehen lassen. Er sagt im Interview mit 'Motorsport-Total.com': "Rene hätte auch mit einem besseren Start stoppen können. Wir hatten das durchaus diskutiert. Die Erstplatzierten können hier ja stoppen, ohne dass sie überrundet werden."

Wie dem auch sei: Nachdem das Safety-Car Rast das Rennen auf dem Silbertablett serviert hatte, ging es für den Deutschen nur noch darum, keine Dummheiten zu machen. In Gefahr geriet er nie. Sein Vorsprung auf Müller betrug auf der Ziellinie 34,5 Sekunden - ein neuer Rekord für den Stadtkurs in Nürnberg.

"Das Auto hat gut funktioniert, ich habe mich gut gefühlt", berichtet Rast. Nur zwei Kleinigkeiten liefen nicht nach Wunsch. Erstens: Ein Teil von Jamie Green landete auf seinem Wagen, sorgte aber für keinen größeren Schaden. Zweitens: "Ich habe zum ersten Mal Blasen auf den Händen. Das zeigt, wie lang das Rennen ist und wie viel wir schalten müssen."

Körperlich sei das Rennen trotzdem "nicht anstrengend" gewesen, versichert Rast: "Obwohl ich nass bin! Das Einzige, was anstrengend ist, ist mental. Du weißt, dass du führst, dass du einen großen Vorsprung hast - zumindest eine Gerade. Dann fängst du an zu denken. Es sind ja noch 35 Minuten zu fahren."

"Hoffentlich kommt kein Safety-Car! Muss ich das Auto schonen? Soll ich die Reifen schonen? Was soll ich machen? Höre ich irgendwelche komischen Geräusche? Du fängst an zu denken, und dann fängst du an Fehler zu machen. Da musst du dich wirklich konzentrieren und versuchen, dich jede Runde auf die Rundenzeit oder auf das Auto zu konzentrieren, sonst verlierst du ganz schnell den Fokus."

Defensiv angelegtes Rennen von Rast

"Ich wusste, dass ich mich von Problemen fernhalten muss, und ich wusste, dass ich der Erste in der Reihe derer war, die schon an der Box waren. Also habe ich es eher defensiv angelegt. Ich habe Nico gesehen und wusste, dass er mein Rivale auf der Strecke sein würde. Ich konnte ihn aber immer sehen. Da wusste ich, dass ich 30, 40 Sekunden Vorsprung habe."

Anders als etwa bei Marco Wittmann, der im Finish noch vom dritten auf den achten Platz zurückfiel, hielten bei Rast die Reifen bis zum Schluss durch. Der Unterschied: Während Wittmann unter Druck stand und sich gegen Daniel Juncadella verteidigen musste, war Rast zwar schnell unterwegs, konnte aber sein eigenes Tempo bestimmen.

In der Meisterschaft führt er nach sieben von 18 Rennen (118 Punkte) mit 21 Punkten Vorsprung vor Müller (97) und Philipp Eng (91). Kein Vergleich zur Situation 2018: Damals kam Rast mit nur 23 Punkten an den Norisring, und er hatte 76 Punkte Rückstand auf Gary Paffett. Manager Rostek sagt: "Da sind wir um diese Zeit deutlich schlechter dagestanden. Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg."

Aber: "Weißt du noch, wer vergangenes Jahr als Meisterschaftsführender zum Norisring kam?", kontert Rast die Rechenspiele der Journalisten. Es war Timo Glock. Der belegte letztendlich aber nur den fünften Platz. "Es ist noch früh in der Saison. Da kann viel passieren", winkt Rast ab.

Verwundert ist der an diesem Wochenende mit einer kontrovers diskutierten Speziallackierung antretende Rast darüber, dass es am Norisring bisher noch keinen Shitstorm gegen ihn gegeben hat: "Es hat keiner gebuht! Noch keinen Schlag ins Gesicht gekriegt, noch keine Eier, keine Buhrufe. Ich war positiv überrascht", lacht er über die Aufregung um seine FC-Bayern-Lackierung.

© Motorsport-Total.com

Nächste Artikel
previous article imagenext article image