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Rene Rast vor Nico Müller: Audi-Prozession oder Duell um den Titel?
Rene Rast vor Nico Müller: Audi-Prozession oder Duell um den Titel? © LAT
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Nico Müller nutzte im Audi-Duell mit Titelrivale Rene Rast kaum Überholhilfen und verzichtete auf Attacken: Wieso Scheider der Kragen platzt und wie Audi reagiert

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Nach dem zweiten Rennen in Brands Hatch macht Ex-Champion Timo Scheider seinem Ärger Luft. Stein des Anstoßes? Der Zweikampf zwischen DTM-Leader Rene Rast und seinem Titelrivalen Nico Müller um den Sieg, der laut dem Ex-Audi-Piloten keiner war. Denn Müller attackierte Rast trotz rund 20 Runden im Windschatten kein einziges Mal.

"Wenn wir jetzt schon so weit sind, dass der Erste und der Zweite nicht mehr gegeneinander Rennen fahren, obwohl der Zweite deutlich schneller ist, dann finde ich das langweilig", platzte Scheider bei 'ran.de' der Kragen.

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"Audi verkauft uns, dass das Free-Racing ist - und ich habe kein Free-Racing gesehen. Wenn ich in den letzten fünf Minuten extra Leistung und DRS habe, dann nutze ich das, wenn ich ein Rennen gewinnen kann oder will. Ich kann nur meine Meinung sagen - und die ist: Er war schneller, er hätte es probieren können, hat es aber nicht, weil er es nicht durfte."

Gass offenbart: Push-to-pass nur gegen andere Marken

Tatsächlich nutzte Müller, der 0,240 Sekunden hinter Rast auf Platz zwei ins Ziel kam und nun in der Meisterschaft bereits 37 Punkte Rückstand hat, in vier der letzten fünf Runden DRS, aber kein einziges Mal Push-to-pass, obwohl er die Überholhilfen in den letzten fünf Minuten uneingeschränkt zur freien Verfügung hatte.

Was war der Grund dafür? "Wir haben bei Audi die Maßgabe, dass wir Push-to-pass nur dann nutzen, wenn wir es wirklich brauchen", gibt Audi-Sportchef Dieter Gass gegenüber 'ran.de' zu, dass es sich dabei tatsächlich um eine Direktive von oben handelt. Das erklärt er damit, dass die 30 Zusatz-PS die Turbo-Motoren zu sehr strapazieren könnten.

"Wir haben bei der Konkurrenz gesehen, dass die Motorenzuverlässigkeit nach wie vor kritisch ist", verweist Gass auf die Motorwechsel bei BMW. "Und gegen den Teamkollegen Push-to-pass zu nutzen, ist eigentlich eine Verschwendung."

Warum Müller auch auf DRS weitgehend verzichtete

Das erklärt aber noch nicht, warum Müller auch den Heckflügel in nur vier von zwölf erlaubten Runden flacher stellte, obwohl er 26 Runden lang in Folge im Drei-Sekunden-Fenster lag. Die Rechtfertigung des Schweizers? "Ich war heute schneller, aber auf einer Strecke wie dieser, auf der das Überholen schwierig ist, macht es keinen Sinn, DRS zu nutzen, noch näher ranzufahren und das ganze Rennen lang in der Dirty-Air zu fahren", sagt Müller gegenüber 'ran.de'

"Dann ist das Risiko noch größer, dass der Reifen am Ende richtig einbricht. Deswegen habe ich entschieden, konservativ zu fahren. Als ich die Lücke geschlossen hatte und sah, dass ich nicht wirklich attackieren konnte, habe ich entschieden, bis zum Ende zu warten, aber der Reifeneinbruch bei Rene, auf den ich gehofft hatte, kam nicht."

Gass: Angst vor BMW-Schlussattacke

Audi-Sportchef Gass ergänzt, dass auch der mit frischen Reifen ausgerüstete BMW-Pilot Philipp Eng, der das Audi-Quartett an der Spitze jagte, ein Grund für das Teamplay war: "Dass wir unsere beiden Meisterschaftskandidaten da vorne so kurz vor Schluss, wenn die Abstände so klein sind, nicht in einen Fight schicken, das ist glaube ich relativ klar."

Zudem habe man erst am Samstag gesehen, "dass ein Marco Wittmann super-gefährlich ist. Mit dem muss man immer rechnen. Er hat auch gestern wieder zugeschlagen. Da haben wir natürlich auch keine Punkte zu verschenken. Da müssen wir schon aufpassen."

Eine Erklärung, mit der Scheider nicht leben kann. "Da muss ich grinsen, denn das ist so nicht korrekt", sagt er. "Wir haben ein Prozessionsfahren bei Audi gesehen, was in Sachen Meisterschaftsentscheidung für Audi alles richtig ist. Die machen alles richtig, um den Titel zu gewinnen, damit ihn Rene Rast holen kann."

Scheider fordert klare Kommunikation

Dann sollte man es aber entsprechend kommunizieren, kritisiert Scheider: "Man sollte sagen: Für uns ist Rene Rast Priorität 1, Priorität 2 ist Nico Müller. Dann ist das klar kommuniziert, und keiner hat die Hoffnung, dass Nico Müller angreifen kann. Das machen sie nicht. Punkt. Man gewinnt nur Meisterschaften als Team zusammen, mit Unterstützung von allen Teamkollegen, völlig legitim, völlig in Ordnung. Aber kommuniziert das bitte auch so offen und erzählt da draußen bitte nicht irgendwelche Geschichten!"

Auch dass Müller am Ende keine Attacke machen wollte und lieber auf ein Problem Rasts hoffte, will Scheider nicht glauben. "Nico hätte mit Sicherheit gewinnen wollen, wenn die Vorzeichen in den Meetings vielleicht andere gewesen wären. Ich lass es mal so im Raum stehen, und kenne das aus eigener Erfahrung, wie sowas läuft."

Seine Aussagen will er aber nicht als Kritik an Rast oder Müller verstanden wissen: "Den beiden die Leistung absprechen? 0,0! Weltklasse-Sport, die besten und konstantesten in diesem Jahr sind vorne gefahren. Aber das I-Tüpfelchen, das reine Racing, hat mir gefehlt."

Müller: Misslungener Stopp hat den Sieg gekostet

Dass es am Ende mit dem Sieg für Müller nicht klappte, führt dieser übrigens auf den verpatzten Boxenstopp zurück. In Runde elf kamen die beiden Leader Rast und Müller zeitgleich an die Box, doch beim Schweizer gab es ein Problem links hinten, weshalb sein RS5 noch einmal aufgebockt werden musste, was rund dreieinhalb Sekunden kostete.

"Diese fünf, sechs Sekunden, dieses Loch musst du erst einmal zufahren. Da habe ich die Reifen natürlich rannehmen müssen - und dann hast du dieses kleine Extra verschossen, das du auf einer Strecke wie Brands Hatch brauchst, um eine Chance zu haben."

"Daher konnte ich nie wirklich einen Pace-Vorteil nutzen, und dementsprechend wäre ein Angriff natürlich eine Harakiri-Aktion gewesen. Und sowas will natürlich ein Sportchef nicht sehen, das sehe ich ein."

© Motorsport-Total.com

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