vergrößernverkleinern
Lesedauer: 5 Minuten
teilenE-MailKommentare

SPORT1-Kolumnist Peter Kohl findet deutliche Worte zum Reifenskandal von Monza: Wieder einmal gibt die Formel 1 kein gutes Bild ab. Hamiltons Monza Slam überzeugt. Die Tops und Flops.

TOPS:

Lewis HAMILTON:

Der "Rockstar" der Formel 1 darf aufgrund einer überaus souveränen Vorstellung seinen Monza-Slam feiern. Schnellster in allen Trainingseinheiten, im Qualifying und Rennen, dazu die schnellste Rennrunde und die Führung vom Start bis ins Ziel. Mehr geht nicht! Hat sich auch durch die für ihn kryptischen Funksprüche in der Schlussphase des Rennens nicht aus der Ruhe bringen lassen. Wer will jetzt noch behaupten, dass der Engländer seinen Titel nicht verteidigen wird?

Sebastian VETTEL:

Der viermalige Weltmeister hat aus dem Ferrari rausgeholt, was ging, mehr als Platz 2 war nicht drin. Schön zu sehen, wie einer, der schon so viele Siege gefeiert hat, solche Emotionen und so viel Freude empfinden kann über einen Silberrang! Sehr sympathisch auch, dass er gleich nach dem Rennen gefordert hat, Hamilton den Sieg zu lassen. Von einer Disqualifikation des Engländers wollte er nichts hören.

FORCE INDIA:

Monza ist eine Motorenstrecke, die Inder verfügen mit dem Mercedes-Antriebsstrang über das stärkste Triebwerk im Feld, aber eine so starke Vorstellung über das gesamte Wochenende hinweg muss man erstmal hinlegen. Dass Hülkenberg ohne Sprit in der Qualifikation ausgerollt ist, darf natürlich nicht passieren, dass der Wagen des Emmerichers gegen Rennende hin erheblich an Performance verloren hat, ist auch nicht schön. Aber Force India bringt Farbe ins Spiel!

Anzeige

RED BULL:

Die Teamleitung hatte Monza eigentlich abgehakt, bevor das Wochenende losging. Ganz bewusst hat man Grid-Strafen auf sich genommen für Motoren- und Antriebsstrang-Teile-Wechsel, da man sich keine Chancen ausgerechnet hat. Kvyat und Ricciardo wollten davon nichts wissen, haben vom Ende des Starterfeldes aus gekämpft wie die Löwen und sind verdientermaßen beide in die Punkte gefahren. Stark!

MONZA:

Es ist und bleibt ein Kultrennen im königlichen Park! Die Atmosphäre, für die die Tifosi sorgen, ist einmalig. Die Strecke ist schnell und schön, die Schikanen sind knifflig. Monza hat so viel zu bieten - Finger weg vom Rotstift. Diese Strecke darf nicht aus dem Veranstaltungskalender verschwinden!

Kimi RÄIKKÖNEN:

Ferrari eiert rum, was die Erklärung das Startdesasters des Finnen ist. War es ein technisches Problem, oder doch der Fehler des Fahrers? Die Nebelschwaden, die über diesem Thema liegen, haben sich noch nicht wirklich gelichtet - aber eins kann man sagen: das war ein bockstarkes Wochenende des Weltmeisters von 2007! Und seine Aufholjagd im Rennen von Platz 20 aus war wirklich sehenswert!

FLOPS 

DAS RENNEN:

Ehrlich gesagt, das bislang langweiligste in diesem Jahr, über weite Strecken zäh wie ein Kaugummi. Wäre gegen Ende nicht die Aufregung um nicht stimmende Reifendrücke gewesen am Auto von Rosberg und Hamilton, hätte sich nicht wirklich was getan und niemand würde heute mehr drüber sprechen.

WILLIAMS:

Zum wiederholten Mal schaffen sie es einfach nicht, ihre Boxenstopp-Taktik dem direkten Gegner anzupassen und zu reagieren. Nico Rosberg hatte auf der Strecke keine Chance, Bottas und Massa zu überholen. Durch seinen recht frühen Stopp hat er Williams überrumpelt und so beide hinter sich gelassen! Mindestens einen der beiden hätte man sofort nach dem Rosberg-Stopp ebenfalls reinholen müssen. Dass sofort nach dem Rennen ohne genaue Kenntnis der Fakten eine Disqualifikation von Hamilton öffentlich gefordert wurde, ist auch nicht gerade die feine englische Art!

HONDA:

Eigentlich habe ich schon keinen Bock mehr, wieder über die Truppe herzufallen. McLaren lasse ich dabei jetzt mal ganz bewusst außen vor. Die Jungs werkeln und schrauben Tag und Nacht, entwickeln ständig neue Teile. Alles für die Tonne, weil der japanische Motorenpartner mit seinem lauen Warmluftgebläse auf der Stelle tritt und noch immer nicht aus dem Quark kommt. Das ist schon nicht mehr nur peinlich, das ist bereits schwer geschäfts- und imageschädigend.

REIFENDRUCK-DILEMMA:

Ein paar Worte noch zum Reifendruck-Dilemma: Die Formel 1 schafft es derzeit immer wieder, sich selber ins Knie zu schießen. Nach der teils harschen Kritik der Fahrer an der Qualität der Pirelli-Reifen nach dem Rennen in Belgien wurden diejenigen, die am meisten riskieren, die ihr Leben in den Autos aufs Spiel setzen, in Monza verpflichtet, sich nicht mehr öffentlich gegenüber Pirelli zu äußern. Eine Maßregelung erwachsener Menschen, denen man verbieten will, auf mögliche Missstände hinzuweisen. Das ist inakzeptabel, undemokratisch, nahezu despotisch.
Dass just im ersten Rennen nach dem Grand Prix von Belgien plötzlich ein vermeintliches Fehlverhalten mehrerer Teams beim Umgang mit den vorgeschriebenen Mindest-Reifendrücken zum großen Thema wird, hört sich für mich ein bisschen danach an, dass Pirelli den Beteiligten mal zeigen wollte, wo der Hammer hängt und das man auch austeilen kann. KINDERGARTEN - Leute, was soll das? Die Zuschauer und Fans wissen erst Stunden nach dem Rennen, wer tatsächlich gewonnen hat, es werden Diskussionen über Kontroll-Abläufe geführt, die im Reglement nicht mal richtig definiert und verankert sind. Das sind Dinge, die die angeschlagene Formel 1 derzeit mit Sicherheit am wenigsten braucht. Ich liebe die Formel 1 – aber es gibt da zunehmend Geschichten, die mir am Ar… vorbei gehen!

Hoffentlich können wir uns in Singapur wieder auf das rein sportliche konzentrieren! Ich freue mich auf den Glamour-Grand Prix im Stadtstaat in Südostasien.
Bis dahin PEDAL TO THE METAL

Ihr Peter Kohl

Nächste Artikel
previous article imagenext article image