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München - Sebastian Vettel und Ferrari sorgen auch in dieser Saison mit Patzern für Kopfschütteln. Das Denkmal bröckelt gewaltig, meint SPORT1-Experte Peter Kohl.

Ferrari und Sebastian Vettel! Eine Allianz der unerfüllten Wünsche und Träume? Mythos und Wirklichkeit passen nicht zusammen.

Die Roten sind schon lange keine Trendsetter mehr, die Richtungen vorgeben und die Emotionen der Tifosi beherrschen. Zu lang ist die Reihe der Enttäuschungen und Demütigungen, der eigenen Fehler und missglückten Strategie-Entscheidungen.

Die Fallhöhe ist groß, das Denkmal bröckelt gewaltig. Während sich Mercedes in der Hybrid-Ära mit einer roboterhaften Genauigkeit und Stringenz kontinuierlich auf höchstem Niveau weiterentwickelt, geht die Scuderia mit schwer belasteten Schultern ein ums andere Mal in die Knie.

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Immer wieder Neuanfänge, Personalwechsel auf entscheidenden Positionen, die dafür sorgen, dass die Achterbahnsause in Maranello nicht an Fahrt verliert.

Vettel lässt zu viel liegen

Die Sehnsucht nach Erfolgen bringt einen enormen Druck von außen und von innen. Sebastian Vettel wollte den Mythos Ferrari wiederbeleben, mit einem WM-Titel mit dem Cavallino Rampante seine Karriere krönen. Aber auch im fünften Jahr der Zusammenarbeit steht er früh vor einem Scheitern. Der Abschuss von Verstappen in Silverstone ist sein achter gravierender Fehler in 21 Rennen.

Wie 2014 bei Red Bull (damals gegen Ricciardo) sieht er auch 2019 gegen den eigenen jungen, talentierten, charismatisch wirkenden Youngster-Teamkollegen nicht gut aus. Leclerc holt aus den sich bietenden Chancen mehr raus, während der Heppenheimer einfach zu viel liegen lässt.

In den vergangenen drei GPs ist er sowohl im Qualifying als auch im Rennen dem Senkrechtstarter an seiner Seite unterlegen. Sein Nummer-1-Status im Team ist ins Wanken geraten. Dass der 21 Jahre alte Monegasse die Zukunft von Ferrari verkörpert, wird immer klarer, während der 32-jährige Deutsche zunehmend verzweifelt und desillusioniert wirkt.

Sein letzter Sieg liegt fast elf Monate zurück. Das ist die eine Seite der Medaille, die den Kritikern zunehmend Futter liefert und die Diskussionen befruchtet, ob Vettel am Ende der Saison den Stecker ziehen könnte - trotz eines Vertrags bis Ende 2020.

Teamchef Binotto gefordert

Die andere Seite zeigt aber auch die Gründe, warum es bei Ferrari nach wie vor nicht so läuft, wie es viele hoffen und erwarten. Das Team ist auf vielen Positionen jung besetzt.

Im Gegensatz zu den Koryphäen bei den Sternen müssen sie erst noch Erfahrungen sammeln, wie man in bestimmten Situationen reagiert, welche Entscheidungen zu treffen sind. Da ist ein starker Mattia Binotto als Teamchef gefordert. Der erkennt als gewiefter Ingenieur die technischen Notwendigkeiten.

Aber es geht nicht darum, sich in kleinteilige technische Entwicklungen einzumischen. Management-Qualitäten sind derzeit wichtiger. Er muss das Große und Ganze regeln, an die richtigen Leute delegieren. Vorhandenes Know-how in seinen Reihen in die richtigen Bahnen lenken.

Vettel will zu viel erzwingen

Toto Wolff beherrscht das brillant, hat im Laufe der Jahre eine gut geölte Maschine aufgebaut, die ohne Einmischung von "Oben" bestens funktioniert, in der jeder genau weiß, was er kann und was er zu tun hat.

Dafür braucht es Zeit – viel Zeit, bis Ferrari dahin kommt. Die sich Vettel nicht nehmen will. Er drängt und drückt, will dabei zu oft zu viel erzwingen.

Die Aktion gegen Verstappen in Silverstone ist Ausdruck dieses überzogenen Wollens. Er sieht eine Minilücke, die er mit Gewalt nutzen will. Aber wie kommt er auf den Gedanken, dass Verstappen ihm innen freiwillig die Tür aufmacht, damit er vorbeiziehen kann? Ausgerechnet Verstappen! Fehler, die eines viermaligen Weltmeisters nicht würdig sind. Einer Situation geschuldet, die Vettel schwer zusetzt.

Superhirne fehlen Vettel

Er stellt sich permanent vor die Mannschaft, egal was passiert. Er beschwört den Teamgeist bei Ferrari, versucht anzutreiben, Entwicklungen zu forcieren. Das kostet viel Kraft. Der Heppenheimer schafft es nicht mehr, purer Racer zu sein, frei zu fahren, seine Qualitäten auszuspielen.

Die absoluten Top-Stars wachsen an ihren Herausforderungen. Die ständigen Vergleiche mit Schumacher sind dabei aber wenig förderlich. Denn der hatte mit Superhirn Ross Brown und Strategieweltmeister Jean Todt zwei Magier an seiner Seite. Die fehlen Vettel. Allein kann er den Berg, der sich vor Ferrari aufgetürmt hat, nicht versetzen.

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Ist er in seiner Entwicklung am Ende? Kann er sich noch steigern, einen in sich ruhenden Hamilton ernsthaft gefährden? Schwer zu beantwortende Fragen. Ihm droht seine schwächste WM-Platzierung seit ewigen Zeiten.

Vettels Ehrgeiz pocht noch

Sein ständiges Genöle gegen die aktuellen Fahrzeuge und die Auslegung von Regeln ist kein gutes Zeichen, lässt Zweifel aufkommen. Aber nicht an seiner Motivation! Der Ehrgeiz des Vollblut-Racers pocht immer noch in seinen Adern. Davon bin ich überzeugt.

Aber im Moment ist er nicht die charismatische Galionsfigur, die eine in der Selbstfindung stehende Truppe mitreißen und auf den richtigen Weg lenken kann. 2019 wird Ferrari an der bestehenden Hierarchie und Dominanz von Mercedes nicht rütteln können. Im Gegenteil. Die Scuderia muss aufpassen, dass sie nicht von Red Bull noch ins Abseits gestellt wird!

Quo vadis, Ferrari? Eine spannende Frage!

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