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München - Charles Leclerc sorgt in Japan nach seiner Kollision mit Verstappen für Ärger. Auch vor anderen großen Namen schreckt er nicht zurück. Ist er der neue Bad Boy?

Es liefen die ersten Sekunden beim Großen Preis von Japan, als Charles Leclerc kompromisslos gegen Max Verstappen zu Werke ging, obwohl dieser bereits deutlich sichtbar vor Leclerc lag.

Während sich der Monegasse bei dem Manöver lediglich den Frontflügel beschädigte, trug Verstappen mehr Schaden davon. Der Niederländer musste in der 15. Runde sogar seinen Red Bull vorzeitig abstellen und war anschließend außer sich vor Wut. "Das war kein hartes Racing, das war nur dumm. Keiner weiß, was er da in der zweiten Kurve gemacht hat. Ich bin außen geblieben und er ist mir reingefahren", sagte Verstappen am RTL-Mikrofon.

Der 21-jährige Leclerc ignorierte anschließend sogar die Aufforderung seines Teams, an die Box zu kommen, um den beschädigten Flügel zu wechseln. Dieser hatte zwischendurch mehrere Teile verloren, wovon eines sogar das Auto des hinter Leclerc fahrenden Lewis Hamilton traf und dort den Außenspiegel zerstörte.

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Leclerc reagiert auf Fan-Kritik

Auch der McLaren von Lando Norris bekam einige Teile in den Bremsschacht. Die Bremsen erhitzten sich, ein Boxenstopp wurde fällig und die Hoffnung auf Punkte war futsch. Erst in Runde vier erschien Leclerc schließlich an der Box. Nach dem Rennen gab sich Leclerc zurückhaltend und wollte das Urteil der Stewards abwarten.

Erst nachdem er von den Kommissaren eine 15-Sekunden-Strafe und zwei Strafpunkte erhalten hatte, räumte er seine Schuld ein - auch in den sozialen Netzwerken.

"Wirst du auch mal noch was dazu sagen, dass du mit deinem Heckflügel beinahe Lewis' Kopf abgetrennt hättest?", forderte ihn auf Instagram ein aufgebrachter User zu einer Stellungnahme auf.

Leclercs Antwort: "Das einzige lose Teil, das ich aus dem Cockpit sehen konnte, war der Rückspiegel. Deshalb habe ich ihn auf den Geraden gehalten, damit er sich nicht löst und jemanden trifft. Alle anderen Teile siehst du als Fahrer nicht. Ich wusste von den Schäden am Frontflügel. Das konnte ich spüren. Ich wusste aber nicht, dass noch immer Teile davon abfielen. Gott sei Dank hat sich niemand verletzt."

Duelle mit Hamilton, Vettel und Verstappen

Dennoch: Das Manöver in der ersten Runde des Japan-Grand-Prix steht sinnbildlich für Leclercs kompromisslose, bisweilen überharte Fahrweise.

Unvergessen ist sein Duell mit Lewis Hamilton in der Schlussphase von Monza, als er sich mit dem fünfmaligen Weltmeister auf der Strecke heiße Zweikämpfe lieferte. Am Ende sicherte sich Leclerc mit allerhand Finten und Tricks den Sieg und wurde zum Ferrari-Helden. Die Kommissare ließen Leclerc ungeschoren davonkommen, sehr zum Unmut von Gegner Hamilton.

"Wir verlangen andauernd nach Konstanz. Es wurde eine Regel aufgestellt, doch heute hat man sie nicht befolgt", ärgerte sich der Brite über die Entscheidung der Regelhüter.

Auch mit Teamkollege Sebastian Vettel lieferte sich der 21-Jährige bereits das eine oder andere Scharmützel. Sowohl in Monza als auch in Sotschi gab es Zoff zwischen den Ferrari-Piloten, als getroffene Abmachungen bezüglich des Windschattens nicht eingehalten wurden. Leclerc kämpft in seiner ersten Saison beim italienischen Traditionsrennstall mit harten Bandagen um den Status als Nummer eins.

Zweifelsohne verfügt er auf der Strecke über großes Talent, anders ist seine Dominanz in den Qualifyings nicht zu erklären. Aber genauso versucht er durch harte Aktionen auf der Strecke und "aktives" Nutzen des Boxenfunks das für sich bestmögliche Resultat zu erzielen - insbesondere im Duell mit Vettel.

Mit Verstappen verbindet Leclerc unterdessen eine ganz besondere Rivalität. Seit Kindertagen duellieren sich die beiden im Jahr 1997 geborenen Formel-1-Stars auf der Strecke.

Schmaler Grat für Leclerc

Bei einem Kartrennen vor sieben Jahren kamen sie sich erstmals in die Quere, als Leclerc den Führenden Verstappen aus dessen Sicht von der Strecke räumte. Für Leclerc war dieser Vorfall, von dem Videoaufnahmen existieren, "einfach eine Rennsituation".

In der laufenden Saison wurde Leclerc beim Österreich-Grand-Prix im Kampf um den Sieg abgedrängt und musste mit Platz zwei vorlieb nehmen. Verstappen wurde für sein Manöver nicht bestraft. Möglicherweise hatte Leclerc diese Situation im Hinterkopf, als er sich am Sonntag in Suzuka gegen Verstappen zur Wehr setzte. Dabei schoss der Ferrari-Neuling aber etwas über das Ziel hinaus.

Nichtsdestotrotz wird Leclerc weiterhin an seiner Fahrweise festhalten. Seit dem Österreich-Rennen lassen die Rennkommissare mehr Berührungen durchgehen, auch Leclercs Manöver gegen Verstappen wurde zunächst als normaler Rennunfall gewertet.

Sein Ehrgeiz und seine Erfolgsbesessenheit werden auch nichts anderes zulassen, Leclerc wird weiterhin auf einem schmalen Grat zwischen Durchsetzungsvermögen und Übermut wandeln.

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Aber diese Eigenschaften zeichnen und zeichneten auch andere Piloten aus. Prominenteste Beispiele: Lewis Hamilton in jungen Jahren - und Michael Schumacher. Auch Leclercs Teamkollege Sebastian Vettel fiel schon das eine oder andere Mal durch übertriebenen Ehrgeiz auf.

Bei ihnen allen führte genau diese Eigenschaft letztlich zu großen Erfolgen.

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