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München - Kimi Räikkönen ist ein Phänomen, ist Kult, einer der letzten echten Formel-1-Haudegen. Am 17. Oktober wurde der Finne 40.

Kimi Räikkönen lehnt lässig an der Mauer. Es ist immer noch warm Ende Oktober in Sao Paulo, vor dem letzten Saisonrennen 2006. Der Finne steht deshalb unter einem von einem Teammitglied gehaltenen Sonnenschirm. Als TV-Experte Martin Brundle kurz vor dem Start auf ihn zukommt, zieht er sich noch eine Spur lässiger die Sonnenbrille auf.

Es ist das (vermeintlich) letzte Karriere-Rennen von Rekordweltmeister Michael Schumacher, und Räikkönen hat gerade die große Präsentation von Pelé verpasst, die Fußball-Legende hatte Schumacher einen Pokal für dessen Formel-1-Verdienste überreicht.

Kimis lapidare wie ehrliche Entschuldigung: "I was having a shit."

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Ein echter Räikkönen

Es ist für den Moment ein Einblick zu viel für Brundle, der kurz baff ist. Vor allem aber ist es ein echter Räikkönen.

Dafür lieben ihn die Fans. Kimi ist Kult, heute mehr denn je. Auch mit seinen 40 Jahren noch.

Weil er anders ist. Weil er auf die Etikette pfeift, auf Jetset, auf Bling-Bling oder die weichgespülte PR-Akrobatik. Er macht sein Ding und ist dabei vor allem eines: authentisch.

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Dazu ist er knorrig, wortkarg, bisweilen gelangweilt, dabei stets trocken. Cool eben.

Der "Iceman".

Eine Erfindung des früheren McLaren-Chefs Ron Dennis übrigens, nachdem er Räikkönen 2002 nach nur einer Saison bei Sauber zum Traditionsrennstall holte.

Räikkönen war 2001 mit der Erfahrung von ganzen 23 Autorennen in die Formel 1 gekommen. Das wäre in etwa so, als würde ein Landesliga-Fußballer von heute auf morgen in der Bundesliga mitkicken. Die Superlizenz bekam er auch nur auf Bewährung.

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Debüt in Formel 1 bei Sauber auf Bewährung

Doch der blonde Milchbubi ist schnell, er ist schlau und überzeugt bei Sauber mit treffsicheren und punktgenauen Analysen. Präzises Feedback und dazu die richtigen Fragen an die Ingenieure: Ein erster Indikator dafür, dass der Finne ein echtes Juwel ist. Ein Instinkt-Racer, von denen es nicht viele gibt. Und schon damals die personifizierte Gelassenheit.

Anekdote von Sauber-Physio Josef Leberer: Vor dem zweiten Formel-1-Rennen seiner Karriere – bekanntlich auf Bewährung – ist der Druck riesig. Er wäre es zumindest für jeden anderen Neuling gewesen. Räikkönen tickte schon damals anders.

"Es ist Sonntagmittag vor dem Rennen, er liegt bei mir auf dem Massagetisch. Und der Kerl ist so cool, dass er mir einfach einschläft!", erinnert sich Leberer bei Motorsport-Total an die Episode. Leberer ließ ihn schlafen.

Als die Ingenieure langsam unruhig werden, weckt er ihn und sagt: 'By the way, du fährst gleich das zweite Formel-1-Rennen deines Lebens. Aufstehen!' Er streckt sich einmal durch und meint: 'Ah, Josef, lass mich doch noch ein paar Minuten schlafen, bitte.' Unvorstellbar!"

Räikkönen ist Kult

Für Journalisten kann Räikkönens Art schon mal anstrengend werden. Die spielen gerne das Räikkönen-Bingo: Wie viele der kurz angebundenen Stehsätze wird er dieses Mal wohl sagen? "Das Rennen ist morgen" oder "Ich will gewinnen" oder "Es war schwierig" oder "Es ist für alle gleich."

Eigenwillig.

Über seine Eigenart, Antworten oft mit einem "Boah" zu beginnen, gibt es ganze Compilations. Wobei es strittig ist, ob es wirklich ein "Boah" oder doch eher ein "Bwah" oder "Bwoah" ist.

So oder so: Die Fans lieben es, auch seine Funksprüche. Denn auch im Cockpit ist Räikkönen kein Freund großer Unterhaltungen. "Leave me alone, I know what I'm doing", schimpfte er 2012 in Abu Dhabi in Richtung Lotus-Renningenieur. Räikkönen gewann das Rennen.

Er ist und bleibt ein Phänomen. Wo andere verkrampft und verzweifelt versuchen, sich als Marke aufzubauen, ist Kimi populär, obwohl er nichts dafür tut. Er ist einer der letzten echten Haudegen, ein bisschen der unnahbare Rebell, eine Reminiszenz an die wilden Formel-1-Jahre mit den ganzen Laudas, Stewarts und Hunts. Er lebt sein introvertiertes Image, verstellt sich nicht, macht, was er will und bleibt sich treu.

Wobei: Seit einiger Zeit ist Räikkönen - ermuntert von Gattin Minttu Virtanen – auf Instagram aktiv, was einer Sensation gleichkommt. Seine Beiträge sind exakt so, wie der Finne im wirklichen Leben ist. Ein bisschen skurril, witzig, auf den Punkt.

Kimi, das Party-Tier

Als er 2018 auf der Gala des Automobil-Weltverbandes ein bisschen zu tief ins Glas schaut und leicht angeschickert auf der steifen Veranstaltung für Unterhaltung sorgt, posiert er wenig später auf Instagram mit seinem Pokal für den dritten WM-Platz und den Worten: "Ja, ich hatte Spaß auf einer Party…"

Kimi, das Party-Tier. Das ist die private Seite, die der Weltmeister von 2007, der für Sauber, McLaren, Ferrari, Lotus und Alfa Romeo bis heute 309 Rennen bestritt, lange unter Verschluss hält.

Kimi Räikkönen wurde 2007 im Ferrari Formel-1-Weltmeister
Kimi Räikkönen wurde 2007 im Ferrari Formel-1-Weltmeister © Getty Images

Details verrät er in seiner Autobiografie "The Unknown Kimi Räikkönen", die im vergangenen Jahr erscheint. Dort schreibt er über eine schwierige Kindheit, über Eltern, die das wenige Geld in seine Karriere stecken, und den Alkohol.

"Habe genug gesoffen"

Ärger gab es deswegen schon im Militärdienst, weil er betrunken zu spät oder gar nicht kam. 2012 war er zwischen zwei Formel-1-Rennen 16 Tage am Stück betrunken, um schließlich im Spanien-Grand-Prix Dritter zu werden.

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"Es hat meiner Karriere nicht geschadet", heißt es in dem Buch. "Ich habe halt auch noch für die anderen getrunken. Heute bin ich nicht mehr hinter dem Alkohol her. Und ich sitze auch nicht bloß da und warte, dass meine Karriere vorbei ist, damit ich wieder zu trinken anfangen kann. Ich habe genug gesoffen."

Heute ist er braver Familienvater. Dem Kult um Kimi tut das aber keinen Abbruch, schließlich bleibt er der Formel 1 und seinen Fans noch mindestens erhalten, denn so lange fährt er noch für Alfa Romeo.

Und lässig ist er sowieso immer noch. Auch mit 40.

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