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München - Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton wegen seiner Umwelt-Appelle Scheinheiligkeit vorzuwerfen, ist unfair. Trotzdem macht er es der Branche zu leicht.

Ein Formel-1-Weltmeister, der ans Klima-Gewissen appelliert: Soll keiner sagen, dass Moral-Diskussionen im Sport langweilig und vorhersehbar sind.

Lewis Hamilton steht inmitten einer solchen Debatte, seit er seine Millionen Anhänger bei Instagram zu mehr Umweltbewusstsein und dabei unter anderem zu einer veganen Lebensweise ermahnt hat. Sie sei "der einzige Weg, unseren Planeten zu retten".

Eine verwegene Einordnung, findet unter anderem sein ehemaliger Teamkollege und Rivale Fernando Alonso. Als Formel-1-Fahrer müsse man "200 Mal im Jahr fliegen. Dann kann man anderen nicht erzählen: 'Esst kein Fleisch.'"

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Wirklich nicht?

Fernando Alonso macht es sich zu einfach

Dass Hamilton mit seinem Klima-Appell aus - vorsichtig gesagt - schwieriger Position heraus agiert, ist offensichtlich und ihm auch selbst bewusst. Dennoch hält er es für geboten, "meine Stimme einzusetzen" – und er liegt damit prinzipiell richtig. Wer seine Kritik so wie Alonso formuliert, macht es sich zu einfach.

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Wer hier zum Klimawandel beiträgt, darf dort nicht mitreden und für einen Bewusstseinswandel werben: Das ist eine Logik, die im Ergebnis fast alle Erdenbürger als Debattenteilnehmer disqualifiziert und damit den Ist-Zustand zementiert.

Ein Formel-1-Weltmeister, der sich gegen klimaschädliche Tierhaltung einsetzt, für Recycling und umweltverträglichere Autos tut unterm Strich auf jeden Fall schon mal mehr als ein Formel-1-Weltmeister, der sagt: Wenn ich die Umwelt eh schon verpeste, dann auch richtig.

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Man darf Hamilton abnehmen, dass speziell das Thema Tierschutz für ihn Herzensangelegenheit ist. Nach eigenen Angaben hat er auch in anderer Hinsicht seinen Lebensstil hinterfragt, fliegt demnach nur noch geschäftlich, statt auch privat in der Welt herumzujetten. Er sei zudem dabei, seinen privaten Fuhrpark stärker auf Elektroautos umzurüsten und versuche seinen Arbeitgeber zum Verzicht auf Lederausstattung zu überzeugen. Das alles ist ehren- und keinesfalls belächelnswert.

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Lewis Hamilton bleibt in einem Kernpunkt angreifbar

Dennoch bleibt Hamilton in einem entscheidenden Punkt angreifbar: Es passt nicht zusammen, dass er beim Themenfeld Veganismus Absolutheit propagiert und auf unbedingten Verzicht als einfache Lösung pocht, sich ein anderes aber letztlich sehr zurechtdehnt.

Dem flug- und energieintensiven PS-Zirkus - der vor allem dadurch auch zu Klimawandel und Tiersterben beiträgt - will er nämlich in jedem Fall weiter treu bleiben. Er rechtfertigt das mit PR-Augenwischerei ("Wir verwenden nun ein Drittel weniger Sprit"), garniert mit dem recht unkonkreten Appell, dass die Formel 1 umwelttechnisch natürlich "noch mehr machen" könnte.

Hamilton lässt seine eigene Branche da recht leicht davonkommen - und macht es so auch seinen Kritikern leichter, ihn als scheinheilig abzutun. Nach dem Motto: Wenn's wirklich ans Eingemachte geht, stellt er seine Gewohnheiten ja doch nicht in Frage, warum sollte ich's tun?

Spannende moralische Frage: Gibt es kein fürs Klima richtiges Leben im falschen, muss Lewis Hamilton seine Karriere beenden, wenn er es wirklich ernst meint mit seinem Einsatz für die Umwelt?

Er muss es nicht. Aber wenn er es täte, gäb's wirklich eine spannende Moral-Diskussion. Eine, in der Hamiltons Stimme dann wirklich Wucht bekommen würde.

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