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Red Bull will die Weiterentwicklung der Motoren in der Formel 1 ab 2022 einfrieren
Red Bull will die Weiterentwicklung der Motoren in der Formel 1 ab 2022 einfrieren © Imago
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München - Red Bull fordert einen "Engine-Freeze" - und droht mit Formel-1-Ausstieg. Ex-Fahrer Marc Surer sieht darin Taktik, erklärt Mercedes' Reaktion - und bringt VW ins Spiel.

Für manchen klingt es wie ein unerhörter Eingriff in die bestehenden Kräfteverhältnisse - für andere wiederum birgt es Chancen und die Aussicht auf einen ausgeglicheneren Wettbewerb.

Das Meinungsbild ist kontrovers, wenn dieser Tage nach SPORT1-Informationen die Antriebskommission der Formel 1 zusammentritt, um über das zukünftige Motorenreglement zu diskutieren.

Ganz oben dabei auf der Agenda der Vertreter der Hersteller sowie von Rechte-Inhaber Liberty Media und dem Automobilweltverband FIA: Red Bulls Forderung, die Weiterentwicklung der Power Units ab 2022 ganz einzufrieren.

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Hintergrund: Nach dem Ausstieg von Honda planen die Österreicher, den neuen Motor, den die Japaner zum Abschied für die Saison 2021 noch entwickeln werden, in Eigenregie einzusetzen.

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Surer: "Engine-Freeze" für Red Bull nachvollziehbar

Ein "Engine-Freeze", wie ihn die Bosse Helmut Marko und Christian Horner erzwingen wollen, träfe vor allem Weltmeister-Rennstall Mercedes.

Dennoch würde sich der Branchenprimus nicht querstellen, wie Teamchef Toto Wolff am Rande des Grand Prix von Portugal erklärte: "Ich verstehe total, wo Red Bull herkommt. Sie wollen keinen Kundenstatus mehr, sondern sie wollen ein Werksteam sein. Es ist ein vernünftiger Vorschlag, den ich unterstütze."

Eine Kompromissbereitschaft, die den Außenstehenden im ersten Moment verwundern mag - für Marc Surer jedoch logisches Kalkül ist.

"Wenn man den besten Motor im Feld hat, ist es natürlich leicht zu sagen, dafür zu sein, die Motoren einzufrieren", sagt der Ex-F1-Fahrer und Motorsport-Experte im Gespräch mit SPORT1. "Den Status quo dann zu halten, wäre für Mercedes schließlich von Vorteil, so bliebe alles beim Alten."

Surer: Darum bleibt Mercedes gelassen

Dass Mercedes dem Arbeitgeber der Piloten Max Verstappen und Alexander Albon keine Steine in den Weg legen würde, hat für Surer auch damit zu tun, das sich die Silberpfeile mit einer Konfrontation wohl ein Eigentor schießen würden: "Toto Wolff macht sich sicher auch darüber Gedanken, ob es nicht problematisch wäre, wenn die Formel 1 Red Bull verlieren würde, was sie ja angedroht haben."

Der Schweizer fügt an: "Das nämlich wäre für die Formel 1 eine Katastrophe, man hätte 2021 dann gleich zwei Teams weniger (auch Alpha Tauri, Anm. d. Red.) - und nicht zuletzt braucht Mercedes Red Bull auch als Konkurrenten."

Doch darf man das drohende Gebaren von Red Bull tatsächlich so hinnehmen, ohne dabei sein Gesicht zu verlieren und sich dem Vorwurf auszusetzen, gegenüber RB-Konzernboss Dietrich Mateschitz allzu unterwürfig einzuknicken?

Auch Ferrari drohte schon wie Red Bull

"Das klingt für manche vielleicht nach Erpressung von Red Bull", gibt Surer zu, "aber so sind eben die Spielregeln der Branche. Und dass mit dem Ausstieg gedroht wird, ist nicht neu: Auch Ferrari hat in der Vergangenheit immer wieder mal damit kokettiert, als ihnen etwas quer ging: 'Ist die Formel 1 für uns noch das Richtige?'"

Unterm Strich steht für den 69-Jährigen: "Das darf man nicht überbewerten, jeder versucht eben, für sich den besten Deal herauszuschlagen."

So sieht das offenbar auch Mercedes - und bleibt gelassen: "Red Bull ist eine enorm wichtige Marke für die Formel 1", erklärte Wolff, "und wir sollten alles unternehmen, um die beiden Teams in der Formel 1 zu halten und ihnen dabei zu helfen, mit den beiden Teams sozusagen einen Werksstatus zu haben."

Das Gedankenspiel, am Ende könnte vielleicht sogar Mercedes Red Bull mit Motoren beliefern, klingt für Surer dagegen unrealistisch. "Das schließe ich aus. Im nächsten Jahr hat Mercedes schließlich vier Teams, alles darüber hinaus würde ein bisschen viel werden."

Renault als Motorenlieferant für Red Bull?

Für den ehemaligen Fahrer in der Königsklasse "ergäbe es am meisten Sinn, wenn Renault ein Team wie Red Bull mit Motoren beliefern würde, zumal Renault momentan ja ohne Kunden dasteht." Surer meint: "Eigentlich könnte man mit den drei verbleibenden Motorenherstellern Mercedes, Ferrari und Renault schon leben, das wäre für die Formel 1 nicht so tragisch."

Für Red Bull aber schon: "Dank Honda waren sie nun endlich einmal unabhängig von anderen Motorenlieferanten - und wenn sie diese Selbstständigkeit nun wieder verlieren ...", deute Surer vielsagend an.

Wie auch immer: Perspektivisch sähe Surer durch den "Engine-Freeze" keineswegs einen Nachteil für Red Bulls WM-Chancen: "Wenn sie einen guten Tag haben, sind sie schon jetzt in der Lage, Mercedes zu schlagen. Es fehlt ihnen nicht viel, sie sind ja dran an Mercedes, und wenn sie im nächsten Jahr vielleicht noch ein besseres Chassis haben, dann könnten sie ebenbürtig werden."

Surer bringt VW ins Spiel für Red Bull

Ohnehin schaut der Szene-Kenner bereits über den Tellerrand hinaus, denkt bereits an die kommenden Jahre, wenn in der Formel 1 der klassische Verbrennungsmotor immer mehr in den Hintergrund treten dürfte - und bringt in diesem Zusammenhang auch Volkswagen ins Spiel als denkbarer Motorenlieferant für Red Bull.

"Dass aus dem Volkswagen-Konzern irgendeine Marke in die Formel 1 einsteigen wird - wenn auch nicht VW selber, aber dann vielleicht Audi oder Porsche - ist für mich absolut vorstellbar", meint Surer.

Zumal ab 2023 nur noch mit synthetischem Benzin gefahren werden soll. "Wenn dann noch ab 2025 ein neues Motoren-Reglement kommt und die Formel 1 komplett CO2-frei betrieben werden soll, dann wäre das für Volkswagen ein Schritt für einen solchen Einstieg", ergänzt Surer. 

"Da dann mitzumachen, auch aus Gründen der Werbewirksamkeit, wäre schon gut. Doch bis dahin braucht es für Red Bull einen Übergang, das geht nicht auf die Schnelle."

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