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Der WM-Entzug ist auch geheuchelt

Der WM-Entzug ist auch geheuchelt

Dass der Eishockey-Weltverband Belarus die Ausrichtung entzieht, ist zu begrüßen. Doch die Entscheidungsfindung wirkt unfreiwillig - und wird keine Nachahmer finden.
SPORT1-Redakteur Christian Paschwitz kommentiert den WM-Entzug für Belarus
SPORT1-Redakteur Christian Paschwitz kommentiert den WM-Entzug für Belarus
© SPORT1-Grafik: Imago/SPORT1
Christian Paschwitz
Christian Paschwitz
von Christian Paschwitz

Sport und Politik: Das ist oftmals ein schmaler Grat - wenn dann wirtschaftlicher Druck dazukommt, wird die Sache noch komplizierter. Das Ausrichter-Aus für Belarus bei der Eishockey-WM offenbart es.

Rein moralisch ist der Beschluss der IIHF, Belarus die Weltmeisterschaft zu entziehen, absolut richtig - und demnach auch zu begrüßen.

Das Regime des selbst ermächtigten Präsidenten Alexander Lukaschenko missachtet Menschenrechte, hat seit den Wahlen im August mehr als 30.000 Festnahmen, hunderte Verletzte und zahlreiche Tote zu verantworten. Das Coronavirus verharmlost es obendrein.

Das disqualifiziert Lukaschenkos Regime für die Gastgeberrolle, in der es sich gewiss gefallen hätte: Autoritäre Machtapparate versuchen seit jeher, den Glanz sportlicher Großveranstaltungen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Trotzdem kommt der Bannstrahl für Belarus nicht nur wegen des viel zu späten Zeitpunkts höchst geheuchelt daher.

Eishockey-WM: IIHF handelt erst auf Druck der Sponsoren

Erst die Drohung potenter Sponsoren wie die des Autoherstellers Skoda und der Pflegemarke Nivea - und mitnichten internationale Proteste, die es vorher gab - zwang die IIHF zu diesem Schritt.

Emotionale Appelle von Menschenrechtlern und drangsalierten Sportlern aus Belarus zuvor waren auf taube Ohren gestoßen - während IIHF-Präsident René Fasel in Minsk unlängst Lukaschenko noch um den Hals fiel und fantastierte, im Diktator-Land sei doch alles in bester Ordnung.

Dass sich der Schweizer für sein Anbiedern inzwischen entschuldigt hat, macht die Angelegenheit nur geringfügig besser. Schlecht ist, dass er sich selbstherrlich für die jetzige Absage feiert, anstatt konsequenterweise mit seinem Rücktritt personell auch den Weg an der eigenen Verbandsspitze freizumachen. Neben einer früheren Absage wäre ein deutlicheres Signal der Einsicht wünschenswert gewesen.

EISHOCKEY: Finale WM 2001 TSCHECHIEN - FINNLAND n.V. 3:2
Slovakia jubilate after defeating Russia 3-2 in th
Canada's Anson Carter kisses the trophy
IIHF Finals - Canada v Sweden
+15
Die Sieger der Eishockey-WM seit 2001

So bleibt stattdessen der fade Beigeschmack, dass die plötzliche Entdeckung ethischer Grundsätze lediglich auf der Angst vor einem Absprung der Geldgeber fußt.

Was passiert mit Olympia in Peking und der Fußball-WM in Katar?

Angesichts dessen stellt sich die spannende Frage: Gerieren sich Großverbände wie die FIFA und das Internationale Olympische Komitee IOC hinsichtlich der anstehenden Mega-Events jetzt weiterhin so wie bisher?

Dass den Anfang 2022 in Peking anstehenden Winterspielen und der Ende 2022 in der Wüste von Katar vorgesehenen Winter-WM jeweils Gastgeber vorstehen, die sich vielfacher Menschenrechtsverletzungen schuldig machen, ist faktisch bisher jedenfalls folgenlos geblieben.

Was auch daran liegt, dass Supermacht China und das reiche Emirat Katar mehr ökonomisches Gewicht auf die Waage bringen als Belarus. Weshalb auch Sponsoren ungeachtet negativer Auswirkungen aufs Image die Füße still halten.

Eine wirkliche Läuterung ist kaum zu erwarten. 

Geld übertrumpft eben Moral, Einnahmequellen und Hochglanz-Events überlagern Machenschaften: Auch wenn es zu wünschen wäre - daran ändern wird auch der Eishockey-Korb für Belarus nichts.