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Der logische Bayern-Tiefpunkt

Der logische Bayern-Tiefpunkt

Der Rekordpokalsieger, der die Trophäe 20 Mal gewonnen hat, scheitert in Kiel. Die schleichende Entwicklung der vergangenen Wochen findet ihren Tiefpunkt.
Der FC Bayern blamiert sich im DFB-Pokal gegen Kiel. Wieder kassiert die Flick-Elf Gegentore nach bekanntem Schema - nur eine von vielen Baustellen.
Alex Steudel
von Alex Steudel
15.01.2021 | 12:49 Uhr

Hansi Flick kennt eigentlich nur bergauf. Krisen sieht er höchstens mal in der Sportschau. Das ist kein Spruch, hier kommt die passende Statistik: Als Cheftrainer verlor der Mann zum letzten Mal zwei Auswärtsspiele hintereinander, als er noch in Hoffenheim arbeitete.

Vor fast 16 Jahren gab's unter Flick ein 1:2 gegen den FC Bayern II und ein 2:3 bei Darmstadt 98. Hoffenheim kickte im Mai 2005 in der Regionalliga Süd. Amateure. 

Heute ist alles anders. Hansi Flick ist Trainergott. Manchmal glaube ich, die Geschäftsstelle des FC Bayern müsse aus purem Gold bestehen, weil ja Flick dort alles mindestens einmal angefasst hat, seit er die Bayern im November 2019 übernahm.

Gleich 2020 gewann der FC Bayern jedenfalls alle verfügbaren Titel und verlor im ganzen Jahr nur ein Spiel - lustigerweise gegen Hoffenheim.

Und jetzt das. Flick verliert zweimal in Folge auswärts - in Mönchengladbach und Kiel - und versaut seine Erfolgsstatistik damit gründlich: Der FC Bayern hat bereits am 13. Januar doppelt so viele Spiele in einem Jahr verloren wie 2020 Komplettversion. Bitter.

Süle am Tatort: Ein wiederkehrendes Motiv

Gut, das sind nur Zahlen. Jetzt kommen die Ursachen.

Die schlechte Nachricht: Keiner kennt sie ganz genau. Die einen sagen, es liege an der schwachen Abwehr. Andere meinen, die Mannschaft sei satt. Nein, überlastet, mahnen manche Experten. Wieder andere sagen, Niklas Süle sei schuld.

Wäre Fußball ein Krimi, der Abwehrmann müsste ständig verhaftet werden. Wann immer etwas Schreckliches passiert, hat er nämlich kein Alibi. Immer wurde Süle am Tatort gesehen.

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TV-Experte Bastian Schweinsteiger wiederum meint, der Bayern-Code, also die Flick-Taktik, sei offenbar geknackt: Steht eine Abwehr übertrieben hoch wie die des Triple-Siegers, müsse man bloß lange Bälle spielen.

Ich bin mir da ehrlich gesagt nicht so sicher. Die Theorie klingt ganz schön schlicht. Lange Bälle? Haben die besten Fußballtüftler des Planeten wirklich über ein Jahr gebraucht, um auf diese Binsenwahrheit zu kommen?

Jetzt kann sich Flick zum zweiten Mal beweisen

Ich selbst befürchte übrigens, dass die Bayern im Sommer falsch eingekauft haben. Zu viele Spieler für die Manege, zu wenige für die Baustelle. Hansi Flick fehlen top Abwehrspieler.

Aber das ist ja das Schöne an einer Krise. Wir tappen alle ein bisschen im Dunkeln, schauen gespannt auf das, was als nächstes passiert (Bayern spielt am Sonntag gegen Freiburg) und fühlen uns glänzend unterhalten.

Ich beobachte in den nächsten Tagen ganz besonders Hansi Flick. Jetzt schlägt zum zweiten Mal seine Stunde. Dass er eine Mannschaft übernehmen und nach oben führen kann, hat er gezeigt. Das war überragend. Aber jetzt wird es erst richtig schwer, jetzt kommt die Königsdisziplin: Flick muss zum ersten Mal eine Krise meistern, für die er selbst verantwortlich ist.

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Ich glaube, ein großer Trainer bist du erst, wenn du bewiesen hast, dass du das kannst: so eine Krise bewältigen. In Krisenzeiten passieren ja die seltsamsten Dinge. Du musst den Laden zusammenhalten, wenn er auseinanderzufallen droht, du musst kreativ sein und die besten Entscheidungen treffen, richtig kommunizieren und Stärke zeigen.

Vielen Trainern haftet der Ruf an, dass sie das nicht können. Nach oben führen: ja. Noch mal nach oben führen: nein. Selbst Jürgen Klopp scheiterte übrigens am Ende in Dortmund an so einer Krise.

Kann Hansi Flick Krise?

Alex Steudel ist freier Journalist und lebt in Hamburg. Er war Bayern- und Nationalmannschaftsreporter und Chefredakteur von Sport-Bild. Seit Beginn der Corona-Krise widmet er sich in seiner Kolumne für SPORT1 aktuellen Themen aus der Welt des Fußballs. Sein Jahresrückblick "Das Fußball-Jahr 2020 unter besonderer Berücksichtigung des HSV" ist jetzt als Taschenbuch und eBook erhältlich.