Wohin steuert die Frauen-Bundesliga?
In England und Spanien wird investiert, in Deutschland nur diskutiert? Die Frauen-Bundesliga ringt um den richtigen Weg, den Anschluss an die internationale Konkurrenz nicht zu verlieren.
Es ist bald drei Jahre her, dass der DFB die Verantwortlichen der Vereine, die seinerzeit in der 1. Liga der Frauen spielten, zusammentrommelte, um ihnen seinen Wachstums- und Professionalisierungsplan vorzustellen. Was seit jenem Dezember 2023 in der höchsten Liga im Fußball der Frauen passiert ist? Überschaubar.
Ist es also ein Fingerzeig, dass im Sommer Nationalspielerinnen wie Nicole Anyomi, Selina Cerci und Elisa Senß in die englische und spanische Liga abgewandert sind? Zumal sie dem Beispiel anderer Spielerinnen folgen, die einen ähnlichen Weg längst gehen.
Fest steht: Viel von dem, was aus den hinter verschlossenen Türen gehaltenen Plänen von Anfang an durchsickerte, bleibt Zukunftsmusik, wie ein Mindestlohn. Strukturell müssen die Klubs, um den Lizenzbedingungen zu folgen, zwar mehr investieren, die Ansprüche an die Professionalisierung sind gestiegen, ein Beispiel: die Pro-Lizenz für Trainer*innen. Verband und Vereine feiern außerdem wachsende Zuschauer*innenzahlen. Trotzdem bleibt es eher bei Reförmchen, als dass man von einer echten Reform sprechen könnte.
Anyomi übt Kritik: „Gibt Raum für Verbesserung“
Nationalspielerin Nicole Anyomi, im Sommer von Eintracht Frankfurt zu den London City Lionesses gewechselt, erklärt bei SPORT1: „Deutschland hat eine große Geschichte im Frauenfußball und viel für den Sport getan. Aber ich glaube, es gibt Raum für Verbesserung. Andere Länder investieren viel und entwickeln sich schnell, da muss Deutschland dranbleiben.“ Konkret benennt Anyomi Strukturen, Sichtbarkeit, Marketing und die Bedingungen für Spielerinnen – und das Ziel, die Liga so attraktiv wie möglich zu machen, auch für Fußballerinnen aus dem Ausland.
Zur Attraktivität gehört fraglos ein echter Wettbewerb. Der Zweikampf an der Spitze zwischen dem VfL Wolfsburg und Bayern München hat zuletzt einige Saisons dominiert, aktuell glauben nur arge Optimisten, irgendwer könnte den Münchnerinnen in Sachen Meisterinnen-Titel gefährlich werden.
DFB-Sportdirektorin Nia Künzer sieht darin allerdings keinen Grund, warum Spielerinnen die Liga verlassen, und erklärt bei SPORT1: „Es gab in der Vergangenheit immer wieder über Jahre dominierende Mannschaften.“
Künzer: Ausland bietet sportliche und persönliche Chancen
Künzer sieht vielfältige Gründe für den Wechsel ins Ausland. „In erster Linie ist es die Möglichkeit für die Spielerinnen, sich in einem anderen Umfeld auf höchstem Niveau weiterzuentwickeln. Sportlich, aber auch persönlich.“ In der Fülle habe es die Chance noch vor ein paar Jahren nicht gegeben, urteilt die Sportdirektorin.
Sichtbar geändert haben sich die Zeiten in Sachen Zusammensetzung der Liga: Die 14 im Oberhaus vertretenen Teams sind alle Teil eines Lizenzvereins aus der 1. oder 2. Liga der Männer. Vorbei die Ära, in der Klubs wie Turbine Potsdam, die SGS Essen oder der 1. FFC Frankfurt als eigenständiger Verein statt in der Eintracht aufgegangen auf Titeljagd gingen.
Ein Umstand, den Anyomi bedauert: „Ich finde es traurig, dass diese Vereine nicht mehr in der Bundesliga spielen. Meine Karriere hat bei der SGS Essen begonnen und ich weiß, wie besonders diese Clubs sein können. Sie geben jungen Spielerinnen eine Chance, sich auf höchstem Niveau zu entwickeln.“
Nachvollziehbar findet sie die Entwicklung gleichwohl: „Große Klubs haben mehr Geld und bessere Strukturen, da wird es schwierig für die kleineren Frauenvereine, mitzuhalten. Ich finde, es ist wichtig, nicht zu vergessen, was die für den Fußball der Frauen in Deutschland getan haben.“
Union Berlin investiert in die Frauenabteilung – andere Klubs weniger
Wie ernst die sogenannten Männerklubs ihre Frauenabteilungen nehmen, variiert dabei. Ein aktuelles Beispiel für nennenswerten Invest ist Union Berlin, manch anderer Klub lässt die Frauenteams eher nebenherlaufen. Und bei Eintracht Frankfurt stellen sich einige die Frage, ob die Ernsthaftigkeit bereits wieder zurückgedreht wird, weil in den letzten Jahren zwar investiert wurde, aber keine Titel herausgesprungen sind.
Während die Zeiten der Vereine mit reinem Fokus auf die Frauen in Deutschland in der Vergangenheit zu liegen scheinen, gehen im Ausland einige Klubs ganz bewusst diesen Weg, darunter die London City Lionesses mit Investorin Michele Kang.
Für Anyomi ein absoluter Anreiz für den Wechsel: „Für mich war es super interessant, zu einem Verein zu gehen, wo die Frauen im Fokus stehen. Man spürt, dass alles um das Frauenteam herum gebaut wurde. Ich schätze die Vision des Klubs für die Zukunft und möchte Teil von etwas Neuem sein.“
Künzer sieht Chance: „Nationalmannschaft kann profitieren“
Nia Künzer glaubt, fürs Nationalteam kann es auch Vorteile haben, wenn Fußballerinnen in unterschiedlichen Ligen spielen: „Eine andere Kultur, andere Sprache, ein anderes Land zu erleben, hat natürlich einen Einfluss auf die persönliche Weiterentwicklung.“
Aus Sicht der Nationalmannschaft sei entscheidend, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Spielerinnen müssten „auf hohem Niveau Leistung bringen und regelmäßig Spiel- und Einsatzzeiten erhalten. Dann kann auch die Nationalmannschaft davon profitieren, obwohl natürlich das Ziel und gemeinsames Interesse sein muss, eine starke nationale Liga zu haben.“
Deren Anschub schien sich als Frage der Zuständigkeiten immer auch zwischen dem Verband und den Vereinen zu verlieren: Wer investiert, wer profitiert, wer bestimmt? Die Idee, das in einem Joint Venture gemeinsam auszuarbeiten, ist bekanntlich gescheitert.
Stattdessen haben die Delegierten eines außerordentlichen DFB-Bundestages am Freitag bestätigt, dass ab der Saison 2027/28 die eigenständige FBL e. V. die 1. Liga der Frauen ausrichten, durchführen und vermarkten wird – während die Zuständigkeit ab der 2. Liga beim DFB bleibt. Details der zunächst bis 2034 geltenden Vereinbarung sind in einem Grundlagen- sowie einem Pachtvertrag geregelt. Die Revolution, die Ausgliederung der Frauen-Bundesliga, wurde einstimmig beschlossen – nach 41 Minuten war alles vorbei.
Die Aufgaben sind nicht kleiner geworden, mehr Schultern könnten neue Impulse bedeuten, aber im Ligaverband müssen Mehrheiten für neue Schritte und Investitionen gefunden werden.
Frauen-Bundesliga: Diskussionen über Playoff-System
Dringlich auf der Agenda steht dabei die Aushandlung eines neuen TV-Vertrages. Unter den Vereinen wurde dabei eine Mehrheit dafür gefunden, in die Verhandlungen zumindest mit der Option auf neue Formate als Alternative zur klassischen Liga-Meisterin zu gehen. Im Gespräch sind unter anderem Playoffs. Die bisherigen Primusse Bayern und Wolfsburg waren erwartbarer Weise dagegen, die Verhandlungen könnten ein erster Fingerzeig sein, wie sich Machtverhältnisse im Ligaverband etablieren.
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Ungeachtet dessen plädiert Künzer dafür, den Fußball der Frauen trotz der Herauslösung der 1. Liga weiter gemeinsam zu denken, nicht zuletzt damit die Liga attraktiv bleibe: „Auch nach der Ausgliederung sollten hier die Rädchen ineinandergreifen: von der Talentförderung, über das Sichtungssystem, die U-Nationalmannschaften und die Ligen unterhalb der 1. Frauen-Bundesliga. Eine starke Liga hilft uns allen.“