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Formel 1: "Max Verstappen ist einer der ganz Großen im Motorsport, wenn nicht der Größte"

„Max braucht keine Ratschläge mehr“

Helmut Marko hat sich aus der Formel 1 zurückgezogen. Im exklusiven SPORT1-Interview spricht er unter anderem über die Gründe - sowie Max Verstappen und Sebastian Vettel.
Helmut Marko und Max Verstappen beim Jubel im Juli 2022
Helmut Marko und Max Verstappen beim Jubel im Juli 2022
© IMAGO/Nordphoto
Helmut Marko hat sich aus der Formel 1 zurückgezogen. Im exklusiven SPORT1-Interview spricht er unter anderem über die Gründe - sowie Max Verstappen und Sebastian Vettel.

Er hat Red Bull zu acht Fahrer-Weltmeisterschaften geführt: Ende 2025 hat sich Helmut Marko aus dem aktiven Formel-1-Geschäft zurückgezogen.

Im exklusiven SPORT1-Interview spricht er über seinen Red-Bull-Abschied – und erzählt die ganze Story von Sebastian Vettel bis Max Verstappen.

SPORT1: Herr Marko, erklären Sie bitte noch einmal: Wie kam es zum Abschied von Red Bull?

Marko: Ich war zusammen mit GP (Giampiero Lambiase, Anm. d. Red.), dem Ingenieur von Max, eigentlich überzeugt, dass wir diesen fünften Titel gewinnen können und auch werden. Umso größer war dann die Enttäuschung. GP hat sich eine Viertelstunde nicht erholt. Dann habe ich mir Gedanken gemacht. Im Vorfeld hatte ich schon überlegt: Nach dem fünften Titel wäre es ein guter Anlass gewesen, abzutreten. Nach einigen Überlegungen bin ich dann zum Schluss gekommen: Auch dass wir ihn nicht gewonnen haben, ist ein Grund, abzutreten.

SPORT1: Warum?

Marko: Max ist inzwischen zu so einer Persönlichkeit geworden, dass er keine Ratschläge mehr braucht – er führt eher schon ein Team. Das Team hat sich nach der Sommerpause, nach der Verabschiedung von Horner, sehr gut entwickelt. Ich sehe alles in guten Händen und genieße allein schon den Gedanken, dass ich nicht im Februar oder März nach Australien fliegen muss. Ich richte mir das jetzt fernsehmäßig so ein, dass ich alle Informationen habe, die ich gewohnt bin – denn ohne Sektorzeiten und solche Dinge ist es schwer zu lesen.

SPORT1: Wie hat Verstappen auf Ihre Ankündigung reagiert?

Marko: Es war ein Abendessen in Dubai vereinbart, da wollte ich es ihm sagen – weil ich davor das Gespräch mit Oliver Mintzlaff hatte. Dann gab es aber ein Problem mit seinem Flugzeug und ich konnte es ihm nicht persönlich sagen, habe ihn aber am nächsten Tag angerufen und es erklärt. Wir haben rückblickend gesprochen, nicht nostalgisch, aber: Was wir erreicht haben, hätte sich keiner vorstellen können. Für Max geht es weiter. Ich sehe noch kein Ende seiner Fähigkeiten, seines unglaublichen Fahrkönnens und seines technischen Gespürs. Wenn das nötige Auto zur Verfügung steht, wird er noch einige WM-Titel einfahren.

SPORT1: Wie sehr hat er sich auch in den letzten Jahren entwickelt?

Marko: Max ist inzwischen Vater, hat Katzen, Hunde, ein ausgeglichenes Leben – und ist ganz klar einer der ganz Großen im Motorsport, wenn nicht der Größte. Aber er hat sich so entwickelt, dass er keine Führung mehr braucht. Es wäre vermessen, wenn ich da noch etwas anbringen würde. In diesem Sinne ist es eine gute Lösung.

SPORT1: Sie haben viele Rennfahrer erlebt. Verstappen wird oft mit Ayrton Senna verglichen. Einer Ihrer wichtigsten Weggefährten war Jochen Rindt. Erinnert Max Sie auch an ihn?

Marko: Generell haben wir bei Red Bull nie gesagt: Wir suchen einen neuen Vettel, nachdem Vettel zu Ferrari gegangen ist. Sondern: Wir suchen ein neues Talent, einen neuen Grand-Prix-Sieger. Vergleiche über so viele Dekaden hinweg sind sehr schwierig. Optisch ist Rindt ganz anders als Max. Max ist eher der elegante, junge „Lieblingsschwiegersohn“. Rindt hatte immer eine Zigarette im Mund. Aber vom Fahrstil und von der Philosophie, immer aufs Maximum zu gehen, gibt es eine große Ähnlichkeit.

Verstappen? „War in der Entwicklung weit voraus“

SPORT1: Und von der Persönlichkeit her? Sie sagen ja oft: Wenn das erste Gespräch mit jungen Fahrern nicht funktioniert, wird’s schwierig.

Marko: Das erste Gespräch mit Max ging weit über die normale Zeit hinaus. Das Resümee war: Da ist ein 15-jähriger Körper mit dem Geist eines 25-Jährigen. Er war in der Entwicklung weit voraus. Fokussiert, wusste genau, was er wollte. Und man hat sofort gemerkt: Er wird alles machen, um das zu erreichen. Rindt war eher der Abenteurer – mit vollem Einsatz hinein. Nicht so analytisch wie Max.

SPORT1: Das war aber auch eine andere Zeit damals.

Marko: Klar. Es gab keine Simulatoren, keine Sensoren. Da war das „Popometer“ entscheidend. Fahrkönnen konnte viel wettmachen. Heute gilt: Wenn du nicht im richtigen Auto sitzt, hilft dir das größte Talent nichts – dann kannst du nicht vorne mitfahren. Max ist da wieder eine Ausnahme. Er zeigt, dass man mit einem Auto, das nicht absolute Spitze ist, Siege einfahren kann – wegen seiner unglaublichen Fahrzeugbeherrschung und weil er viel gelernt hat. 2021 war Hamilton noch der bessere Reifenversteher – inzwischen ist Max auch in dem Bereich der Meister.

„Vielleicht gewinnen wir mal einen Grand Prix“

SPORT1: Für Sie ging es später dann zu Red Bull: Wie haben Sie Dietrich Mateschitz kennengelernt?

Marko: Wir lebten 60 Kilometer voneinander entfernt: ich in Graz, er in Sankt Marein im Mürztal. Er ging in Graz zur Schule, studierte in Wien. Wir hatten eine Präsentation – und zufällig übernachtete Mateschitz, den ich nur vom Hörensagen kannte, bei mir im Hotel. Ich fragte naturgemäß nach Sponsoring. Red Bull steckte damals noch in den Anfängen. Er sagte: Es ist zu früh. Erst muss die Firma stabilisiert und größer werden – dann können wir reden. Aber so kamen wir zusammen. Später entstand das Red Bull Junior Team. Das war Mäzenatentum: Mateschitz war Motorsport-Fan, wusste, wie teuer das ist – und dass es viele sonst nicht schaffen würden. Innerhalb kurzer Zeit hatten wir zwei Formel-1-Teams. Der Anspruch wurde ein anderer. Es war klar: Wir brauchen Fahrer mit Potenzial zum Grand-Prix-Sieger. Dann kam der Erwerb von Jaguar. 2004 war klar: Wir übernehmen das Team symbolisch für einen Dollar oder Pfund – mit der Auflage, dass wir Abfindungen zahlen, falls Leute entlassen werden. Ich sagte: Okay, probieren wir es – vielleicht gewinnen wir mal einen Grand Prix.

SPORT1: Haben Sie. Und noch mehr.

Marko: Es wurde einiges mehr. Leider hat Dietrich die letzten Siege nicht mehr mitbekommen. Das alles war möglich, weil Mateschitz ein Visionär war: klar denkend, schnell entscheidend, unterstützend – aber auch kritisch. Wir hatten einmal Getriebeprobleme über mehrere Rennen – da konnte er scharf werden. Aber solange er Fortschritt sah, unterstützte er uns. Investitionen waren notwendig: Jaguar war Mittelfeld, wir hatten keine Simulatoren, der Windkanal war antiquiert – bautechnisch nach dem Weltkrieg, ursprünglich für Raketen gedacht. Mit Newey gingen die Augen auf. Dann war klar: Wenn er kommt, muss auch finanziell geliefert werden – und diese Mittel stellte Mateschitz zur Verfügung.

SPORT1: Sebastian Vettel hat Sie zuletzt als Architekt des Erfolgs gelobt. Wie wichtig ist Ihnen so ein Satz?

Marko: Das freut mich zu hören. Aber Mateschitz hat einen Weltkonzern aufgebaut. Ich habe ihm die Ideen und Anforderungen vermittelt, kurz erklärt, worum es ging. Am schnellsten war der längste und teuerste Formel-1-Vertrag von Max Verstappen geklärt. Ihm war klar: Ohne Verstappen werden wir nicht mehr Weltmeister. Er hat sofort kapiert, worum es geht. Details konnte er nicht wissen – das war mein Job: präsentieren und erklären, warum wir unterschreiben.

SPORT1: Kommen wir zu Ihrem deutschen Fahrer: Red Bulls erster Weltmeister war Sebastian Vettel. Wie erinnern Sie sich an seine Anfänge?

Marko: Vettel war einer unserer ersten – wenn nicht der erste – im Red Bull Junior Team. Er hat in der Formel BMW 18 von 20 Rennen gewonnen – und war unglücklich, dass er die anderen zwei nicht gewonnen hat. Da sah ich: Der hat den richtigen Spirit. Die Verpflichtung war allerdings nicht einfach, weil Vater Vettel – damit Geld reinkommt, das er brauchte – diverse Verträge unterschrieben hatte. Bis das aussortiert war, war es mühsam. Dann ging es schnell: Formel 3, Renault 3,5 Liter. Dazwischen ein BMW-Gastspiel, auch Vertrags-Gerangel zwischen Red Bull und BMW. Nachdem Sauber nicht so interessiert war, schlugen wir zu.

Vettel? „Der erste Sieg in Monza war grandios“

SPORT1: Mit Toro Rosso holte er 2008 seinen ersten Sieg und den ersten Red Bull-Erfolg in der Formel 1.

Marko: Der erste Sieg in Monza war grandios. Unser Ingenieur Giorgio Ascanelli – der hatte bei McLaren schon mit Senna gearbeitet – las den Wetterbericht richtig, setzte voll auf ein Regen-Setup. Und plötzlich hieß es am Sonntag: Wer ist dieser Vettel? Wir wussten es – aber für viele kam das aus dem Nichts. Dass Toro Rosso unser erstes Rennen gewinnt, war natürlich eine gewisse Watsch’n für Red Bull Racing, das größere Team. Man muss aber sagen: Toro Rosso hatte den Ferrari-Motor, der war deutlich besser damals.

SPORT1: Dennoch erkannten Sie die Zeichen der Zeit und holten Vettel ins A-Team.

Marko: Genau, zusammen mit Mark Webber. 2009 war unser Auto in der zweiten Saisonhälfte vielleicht das schnellste, aber das Team war noch nicht WM-reif. Wir machten Strategiefehler, schätzten Entwicklungen falsch ein. Vettel machte auch den ein oder anderen Fehler. Ich erinnere mich: Als in Brasilien feststand, dass er die WM nicht gewinnt, war er komplett fertig, saß eine halbe Stunde mit dem Kopf in den Knien – nicht zu trösten. Das zeigt Ehrgeiz und Selbstbewusstsein.

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SPORT1: Und nur ein Jahr später wurde er dann Weltmeister.

Marko: 2010 war sportlich hochinteressant: Webber führte zeitweise die WM an, Vettel hatte mehr technische Defekte. Es entwickelte sich eine starke Rivalität. Nicht Feindschaft – aber es gab zwei Lager im Team. Zum Finale in Abu Dhabi führte Alonso vor Webber und Sebastian. Bei Webber brachen die Reifen früher ein. Ferrari schaute logischerweise auf ihn, weil er punktemäßig am nächsten war – und plötzlich war Vettel vorne. Das war der erste Titel, der im letzten Rennen entschieden wurde. 2012 war es wieder Alonso, wieder letztes Rennen. Bruno Senna drehte Vettel in der ersten Runde um, dann ging es durchs Feld. Man sah, wer ihm wohlgesinnt war – die fuhren richtig zur Seite, unter anderem auch Michael Schumacher im Mercedes. Das half, Vettel wurde wieder Weltmeister. Das bemerkenswerteste Jahr war 2013: Nach der Sommerpause legte er eine unglaubliche Serie hin – die seine mentale Stärke deutlich zeigte.

SPORT1: Bis 2014 kam …

Marko: … mit den neuen Regeln. Wir dachten, mit der Turbo-Erfahrung kommt ein entsprechend gutes Triebwerk. Das war nicht der Fall. Vettel zog die Konsequenzen Richtung Ferrari. Dann platzierten wir Daniil Kvyat neben Daniel Ricciardo. Im ersten Jahr war er sehr gut, teilweise schneller. Über den Winter setzten wir neues Bremsmaterial ein. Vom ersten Test an beschwerte er sich, kam nicht zurecht, hatte mehrere Crashs. Da zog ich die Reißleine: Wir beförderten Max Verstappen, der im Toro Rosso immer bessere Resultate erzielte. Max gewann das erste Rennen, löste aber eine Riesendiskussion aus: „zu jung“, „verantwortungslos“, „gefährlich“. Das kam oft aus Ecken, die ihn selbst wollten, aber nicht bekommen hatten.

SPORT1: Und die Erfolgsstory ging weiter.

Marko: Max wurde immer besser, wir wechselten zu Honda. 2020 dann die Krönung: der erste Sieg mit Honda, erfreulicherweise am Red Bull Ring – ohne Honda hätten wir Max nicht halten können. Die Japaner machten dann noch einmal Geld locker für eine Weiterentwicklung, sodass wir 2021 auf dem gleichen Leistungsniveau wie Mercedes waren.

SPORT1: Sie haben mit Sebastian Vettel vier WM-Titel geholt, mit Verstappen ebenfalls. Vergleichen Sie die beiden bitte!

Marko: Beide sind außergewöhnliche Fahrer, beide sind Persönlichkeiten – mit verschiedenen Interessen. Sebastian war immer sehr technikbezogen, hat mit seinem Ingenieur die Daten bis ins Letzte studiert und analytisch aus dem Auto das Letzte herausgeholt. Max ist mehr der natürliche Fahrer. Er braucht keine Aufwärmphase. Man sieht das, wenn es regnet: Er fährt raus und ist in den ersten zwei Runden zwei, drei Sekunden schneller als der Rest, bis die anderen sich adaptieren. Sebastian war der Intellektuelle, der mit Auto und Ingenieur arbeitete, bis alles gepasst hat – dann schlug er zu. Beide sind Spitzenfahrer. Aber Max’ Entwicklung ging immer weiter – mit einer Leichtigkeit. Er hat mit seiner unglaublichen Fahrzeugbeherrschung beinahe unmenschliche Sachen vollbracht, mehrfach in Brasilien. Und er hat sicher mehr Brutalität: Er zieht Dinge durch, nicht egal wie, aber bis an die Grenzen. Das wissen die anderen Fahrer – dadurch hat er ein Image.

SPORT1: Nicht nur in der Formel 1.

Marko: Genau. Er zeigt es auch über die Formel 1 hinaus, zum Beispiel mit seinem Nürburgring-Abenteuer und dem Sieg dort. Er liebt den Sport über alles. Er kann im GT-Auto, auf einer der schwierigsten Strecken der Welt, in einer Runde – gefühlt – 20 Autos überholen.

WM-Finale 2021? „Giftige Atmosphäre“

SPORT1: Wie emotional war das WM-Finale 2021 für Sie?

Marko: 2021 war von Emotionen, von Politik – von allem das härteste Jahr, das ich in der Formel 1 erlebt habe. Mercedes dominierte. Plötzlich kam Red Bull mit einem relativ jungen Fahrer und stellte das alles in Frage. Auf der Strecke gab es Kollisionen – die erste sicher Silverstone, wo Hamilton Max mit dem Vorderrad aufs Hinterrad fuhr und er mit über 300 abflog. Aber es herrschte auch neben der Strecke eine teilweise giftige Atmosphäre. Überall Kampfgeist und politisches Intrigieren. Ganz, ganz hart. Dann das Finale in Abu Dhabi, das zu unseren Gunsten ausging – auch, weil wir die Reifen wechselten. Und ich glaube: Bei Mercedes steckt das bis heute tief drin, dass diese WM verloren ging.

SPORT1: Wie stolz machen Sie all diese Erfolge?

Marko: Sehr stolz. Aber nicht nur ich – es war ein Team, ein hervorragendes Team. Allein kann man überhaupt nichts bewirken. Wir hatten oft die richtigen Entscheidungen und die richtigen Leute – und phasenweise ein Auto, das wirklich überlegen war.