„Jolandaland“ als Gegenentwurf zu Biles

„Jolandaland“ als Gegenentwurf zu Biles

Bei Olympia in Tokio werden Naomi Osaka und Simone Biles vom Druck zermürbt. Einen bewusst anderen Weg geht Jolanda Neff – und triumphiert nach schweren Rückschlägen.
Mountainbikerin Jolanda Neff ist Olympiasiegerin
Mountainbikerin Jolanda Neff ist Olympiasiegerin
© Imago
Holger Luhmann
von Holger Luhmann
am 28. Juli

Als Simone Biles erklärte, warum sie ihren Wettkampf im Mannschaftsfinale der Turnerinnen nach nur einem Gerät abgebrochen hatte, flossen beim US-Superstar die Tränen.

„Ich musste tun, was richtig für mich ist, mich auf meine mentale Gesundheit fokussieren und nicht mein Wohlbefinden gefährden“, sagte die nervlich spürbar angeschlagene 24-Jährige und fügte hinzu: „Wenn ich turne, habe ich weniger Selbstvertrauen, weniger Spaß und bin nervöser. Es ist Mist, wenn man mit seinem eigenen Kopf kämpft.“

Es scheint als sei die Ausnahmeathletin der riesigen Erwartungshaltung derzeit nicht gewachsen. Das Mehrkampffinale sagte sie am Mittwoch ab. Ob sie bei den Olympischen Spielen in Tokio überhaupt nochmal startet, ist derzeit fraglich.

Olympia frisst seine Stars

Ähnlich wie Biles erging es Naomi Osaka, der Japanerin aber fast schon mit Ansage. Nach ihrem Verzicht auf Wimbledon wegen mentaler Probleme, sollte das Tennis-Ass das Gastgeberland stolz machen. Bei der Eröffnungsfeier entzündete sie das olympische Feuer, wenige Tage später war sie früh ausgeschieden.

Auch Osaka wurde zum Opfer des Drucks. Olympia frisst seine Stars.

Eine, die das alles schon durchgemacht hat, ist Jolanda Neff. Sie galt als Wunderkind der Schweiz. Auf ihrem Mountainbike eilte sie von Sieg zu Sieg. Dann kam Olympia in Rio. Gold war fest eingeplant. Am Ende fuhr sie als Sechste an einer Medaille vorbei.

Im Anschluss stellte sie alles auf den Prüfstand - und schließlich auf den Kopf.

Fröhlichkeit gegen den Druck

Sie verließ das Elternhaus – ihr Vater Markus ist ebenfalls Radfahrer, ihre Mutter Sonja Geräteturnerin, Orientierungsläuferin und Schützin - und zog in eine WG in Zürich. Weil sie eine Beschäftigung für den Kopf suchte, schrieb sie sich an der Universität ein. Und weil sie nie mehr eine Entscheidung nur des Geldes wegen treffen wollte, ignorierte sie acht Vertragsangebote, darunter weitaus lukrativere, und unterschrieb beim kleinen polnischen Kross Racing Team.

Als ob das alles noch nicht genug sei an Veränderung, erschuf sie ein zauberhaft anmutendes Projekt, eine Art eigene Welt, in der vor allem Fröhlichkeit herrscht: Jolandaland. Ein bisschen „La La Land“ wie in Hollyoods Musical, ein bisschen „Alice im Wunderland“.

Mountainbikerin Jolanda Neff ist Olympiasiegerin
Mountainbikerin Jolanda Neff ist Olympiasiegerin

Dort schreibt sie Kolumnen auf ihrer Website, ist auf Instagram und YouTube aktiv, wo sie alle paar Monate eine neue Videoblog-Episode hochlädt. Immer präsent: Ihr Lächeln und ihr blonder Wuschelkopf. Ihr neues Credo ist klar und deutlich: Nicht das Training habe sie verändern müssen, sondern alles um den Sport herum. „Ich bin nicht glücklich, wenn ich nicht Radfahren kann. Aber ich fahre auch nicht gut Rad, wenn ich nicht glücklich bin. Es ist ein sich selbst verschärfender Kreislauf, der mich unglaub­lich stark, aber auch wahnsinnig schwach machen kann“, erklärte Neff.

Die 28-Jährige hat die Leichtigkeit wiedergefunden, gepaart mit Fleiß.

Not-OP nach schwerem Sturz

Mittlerweile startet sie für das US-amerikanische Team Trek, begleitet wird sie wieder von Vater und Mutter. Ebenfalls zum engeren Kreis gehört der US-Downhill-Biker Luca Shaw, seit drei Jahren ihr Lebenspartner.

Neff hat sogar schwere Rückschläge verkraftet. Kurz vor Weihnachten 2019 stürzt sie in einem Waldstück bei Asheville, North Carolina, schwer. Die Milz riss, eine Rippe brach, beinahe kollabierte die Lunge, sie musste notoperiert werden.

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Schlusslaeuferin Naomi OSAKA, Tennisspielerin, mit der olympischen Fackel, entzuendet das Olympische Feuer, Eroeffnungsfeier im Olympiastadion, am 23.07.2021 Olympische Sommerspiele 2020, vom 23.07. - 08.08.2021 in Tokio Japan. *** Final runner Naomi OSAKA, tennis player, with the Olympic torch, lights the Olympic flame, opening ceremony at the Olympic Stadium, on 23 07 2021 Summer Olympics 2020, from 23 07 08 2021 in Tokyo Japan
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Olympia-Bilder: Griff nach den Sternen

In der Olympia-Vorbereitung stürzt sie erneut, diesmal im österreichischen Leogang, und bricht sich die linke Hand.

Und doch: In Tokio ist es Neff, die beim Dreifach-Triumph der Schweizer ganz oben auf dem Podium steht, mit der Goldmedaille um den Hals.

„Ich hatte wirklich schlimme Jahre hinter mir“, sagt Neff. Sie hat diese schwere Phase auf ihre eigene Art gemeistert. Vielleicht kann sie damit auch ein gutes Beispiel sein für Simone Biles und Naomi Osaka.

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