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Je länger die Distanz, umso mehr Einfluss hat der Kopf auf das Ergebnis
Je länger die Distanz, umso mehr Einfluss hat der Kopf auf das Ergebnis © Isaac Wendland
Lesedauer: 5 Minuten
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Seit mehr als zwei Wochen gelten Ausgangsbeschränkungen in Deutschland und langsam flaut die Euphorie über das Homeoffice im Schlafanzug etwas ab. Die Situation nervt. Es schmerzt an mancher Stelle und das Ende ist noch weit entfernt – viele Leute fühlen sich jetzt in etwa so wie nach drei Vierteln eines Marathons.

Warum also nicht einen Blick darauf werfen, wie Ausdauersportler mit derartigen Herausforderungen umgehen? Denn je länger die Distanz, umso mehr hat der Kopf einen Einfluss auf das Ergebnis. Im Ausdauerbereich sind starke Sportler immer auch mental stark. Nur – was ist eigentlich mentale Stärke und wie bekommen wir die?

Laut Lexikon ist mentale Stärke das Ergebnis von persönlichen Einstellungen und Denkprozessen. Diese Einstellungen führen dazu, dass Menschen sich auch bei Schwierigkeiten nicht von ihren Zielen abbringen lassen, motiviert bleiben und mehr Anstrengungen in die Erreichung ihrer Ziele investieren können. Sportler trainieren diese Denkprozesse in der Vorbereitung auf einen Wettkampf sehr gezielt. Diesen Vorlauf haben wir aktuell nicht, da wir uns schon mitten in der Ausdauerbelastung befinden, aber trotzdem hilft es, sich einige Denkweisen bewusst zu machen.

Drei Punkte können uns helfen, die aktuelle Durststrecke leichter zu überstehen:

 1. Akzeptieren

In jeder Ausdauersituation gibt es ein Duell zwischen Schmerz und Motivation. Auf der einen Seite steht der Wunsch, dass die unangenehme Situation bald vorbei ist auf der anderen Seite die Hoffnung auf den späteren Gewinn, wenn die aktuelle Situation ausgehalten wird. Entscheidend ist, welcher Seite wir mehr Gewicht beimessen. Benedikt Böhm, Extremskibergsteiger und Geschäftsführer von Dynafit fasst diese Erkenntnis prägnant zusammen:

„Schmerzen kann man sich nicht aussuchen, Leiden dagegen schon.“

Was das bedeutet? Wer aufhört, gegen den Schmerz anzukämpfen, und ihn stattdessen als notwendiges Übel akzeptiert, hat schon einen großen Schritt in Richtung Erfolg getan, denn damit wird keine Energie in der unnützen Bekämpfung von etwas Unabänderlichem verschwendet. Ein Credo, dem auch andere Ausdauerathleten folgen.

Eines der besten Beispiele dafür lieferte der Hardrock 100 Endurance Run 2017. Ein Rennen über 160 Kilometer und 20.000 Höhenmeter. Kilian Jornet kugelte sich bei einem Sturz im ersten Viertel des Rennens die Schulter aus. An diesem Punkt lagen noch 138 Kilometer vor ihm. Zuerst steckte er den Ellenbogen seines verletzten Arms in den Träger seines Trinkrucksacks, bei der nächsten Aidstation ließ er sich den Arm tapen, lief weiter und gewann das Rennen in 24 Stunden, 31 Minuten und 48 Sekunden. Sein Vorsprung auf den Zweiten betrug am Ende 23 Minuten. Das wirklich Beeindruckende daran war nicht, dass er trotz Handicap schneller lief als das ganze restliche Starterfeld, sondern dass er trotzdem noch lachen konnte.

So etwas gelingt nur, wenn man Schmerzen, Leid und Unangenehmes wahrnimmt, aber sich davon distanziert, anstatt sich davon leiten zu lassen. Nehmen wir den Fokus vom Negativen weg, wird der Blick frei für andere Dinge und damit sind wir beim nächsten Punkt:

2. Ablenken

So banal es ist: Wer auf dem Laufband oder der Rolle trainiert und nur die Blümchen auf der Tapete zählt, wird es schwer haben, seine Einheit bis zum Ende durchzuhalten. Ganz anderes dagegen, wenn er per Swift ein Rennen gegen andere fährt. Auch wer nebenbei ein Film ansieht oder schlicht Musik hört, macht sich das Leiden leichter. Dabei ist alles, was die Aufmerksamkeit des Geistes von der jetzigen Situation ablenkt und auf etwas anderes verschiebt willkommen. Ein paar Tipps dazu, wie du dir jetzt daheim die Zeit vertreiben kannst, findest du in diesem Beitrag.

Dabei kommt uns eine Unzulänglichkeit des menschlichen Gehirns zugute: Wir können nur einen Gedanken gleichzeitig denken. Wenn es ein positiver Gedanke ist, bleibt kein Platz für einen negativen. D.h. wer sich mit anderen Dingen beschäftigt, anstatt stundenlang in ergebnislosen Grübeleien zu versinken, kommt leichter durch den Tag.

Und dann gibt es da noch einen weiteren Ansatz:

3. Antizipieren

Wir befinden uns aktuell in einer Krise. Unbestritten und die hat an vielen Stellen sehr drastische Auswirkungen. Aber es ist „nur“ eine Krise und kein Weltuntergang. Sprich irgendwann wird es vorbei sein und dann können wir wieder alles genießen, worauf wir im Moment verzichten.

Eine sehr ähnliche Konstellation tritt oft gegen Ende eines Langstreckenrennens ein. In beiden Fällen hilft es, sich bewusst zu machen, dass jedes Tief ein Ende hat – selbst wenn das aktuell nicht in Sichtweite liegt. Je genauer wir uns unsere Belohnung am Ende des Tiefs ausmalen, umso besser funktioniert diese Antizipation. Im Falle eines Marathons kann das die Ehrenrunde durch das Stadion sein, der weiche Untergrund der Tartanbahn nach vielen Kilometern auf Asphalt, die Gewissheit der letzten Meter, dass einem der Erfolg jetzt nicht mehr zu nehmen ist, die Gänsehaut bei der Erkenntnis, dass man wirklich das geschafft hat, wovon man so lange träumte, die Musik im Ziel, der Moment in dem man seine Medaille umgehängt bekommt, der erste Schluck kühler Erfrischung sowie der Stolz über sich selbst.

 

Der Unterschied

Bei allen Gemeinsamkeiten von Ausgangsbeschränkung und Ausdauersport lässt sich jedoch nicht alles 1:1 übertragen. Während es beim Sport für die meisten von uns nur um eine Freizeitgestaltung geht, stehen aktuell viele Existenzen auf dem Spiel. Ein derart hoher Einsatz macht es schwerer, den Kopf frei zu bekommen und sich Gedankenspielen zuzuwenden, die einem hier so locker vorgeschlagen werden. Trotzdem kann genau das jetzt die richtige Strategie sein.

Denn wir haben schon ganz anderes überstanden. Gemeinsam werden wir auch das überstehen. Ganz sicher.

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