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Frau an Boulderwand
Frau an Boulderwand © yns plt
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Wir haben es euch versprochen und wir halten uns dran. Hier geht’s weiter mit der Präsentation von Sportarten, die es noch nicht in den Mainstream geschafft haben, aber auf einem guten Weg dahin sind.

Eine davon ist Bouldern. Alles was du wissen musst, erfährst du hier. Und los!

Darum geht’s

Bouldern ist Klettern ohne Sicherung in Absprunghöhe. Also in Höhen bis ca. 4,5 Metern. Ab 4,51 Metern spricht man dann von einer Free Solo Begehung. Damit auch ohne Seil alles gut geht, wird der Boden draußen wie drinnen mit Matten gepolstert. Als Boulder bezeichnet man eine Abfolge von Griffen und Tritten. In den meisten Hallen hat jeder Boulder eine eigene Farbe.

Bis dahin war es jedoch ein weiter Weg: Schon 1890 fingen die ersten Leute an, die Felsen von Fontainebleau regelmäßig zu bekraxeln. Ca. 60 Jahre danach war Bouldern immer noch kein eigener Sport, sondern eigentlich nur eine Trainingsalternative zur Vorbereitung auf das „richtige“ Klettern in großen Wänden. Damals nutzte man auch in Deutschland und den USA Felsblöcke (Boulder), um ohne großen Aufwand einzelne Kletterzüge zu trainieren. Im Laufe der Jahre wurden die immer extremer, so dass heutzutage die Grenze zwischen Klettern und Artistik immer mehr verschwimmt.

Für den Schwierigkeitsgrad eines Boulders gibt es verschiedene Skalen. Die bekannteste ist die Fb-Skala, wie sie im französischen Fontainebleau entwickelt wurde. Doch auch diese Skala wird ständig erweitert und der rasanten Entwicklung des Sports konstant angepasst.

Das ist besonders gut

Zuerst mal die Logistik. Während man beim Klettern für Erstbegehungen mittlerweile eine wochenlange Arktisexpedition auf sich nehmen muss, geht das beim Bouldern wesentlich einfacher: Bei einem laktosefreien Chai Latte aus dem Bistro wartet man einfach, bis das Routenteam ein neues Testpiece in die Wand gespaxt hat. Das gesamte Equipment, das dafür benötigt wird, passt in einen einfachen Turnbeutel und die Anreise gelingt im Stadtgebiet bequem mit dem Fahrrad. Familien dagegen freuen sich über Wickeltische, Kleinkindbereiche und Leihschuhe.

Besonders gut ist auch das geringe Verletzungsrisiko – vor allem indoor. Sämtliche Gefahren wie Gewitter, Schnaken, Bären, herabfallende Eisbrocken, Felsbrocken, Expressschlingen, Karabiner, Haken und anderes Ungemach sind in der Boulderhalle bereits im Voraus ausgeschlossen. Die größte Gefahr besteht jetzt darin, in der Dusche auszurutschen oder sich die Finger im Spind einzuklemmen.   

Da beim Bouldern so ziemlich alle Muskelgruppen angesprochen werden, eignet sich der Sport perfekt für ein forderndes Ganzkörper-Workout. Und selbst die Socialmedia-gerechte Dokumentation der eigenen Heldentaten gestaltet sich äußerst einfach: Wer ein Handy besitzt, muss das nur gegen den Chalkbag lehnen und kann sich so ohne weitere Hilfe selber filmen.

Das brauchst du unbedingt

Absolut essentiell sind sehr kleine Kletterschuhe und ein sehr großer Chalkbag sowie eine Bürste, um den ganzen Chalk wieder von den Griffen runterzuputzen. Mädels tragen am besten möglichst enge, Jungs möglichst weite Hosen. Auf Oberkörperbekleidung wird weitestgehend verzichtet. War das Boulderbeanie vor einigen Jahren noch Pflicht, dürfen die Haare inzwischen auch offen getragen werden. Wer in Sachen Credibility besonders punkten will, kann natürlich nicht auf das Fingertape verzichten. Wichtig dabei: Das dicke Sporttape vor dem Aufbringen in Längsrichtung in möglichst schmale Streifen reißen. Wirkt vor allem in Kombination mit Tattoos und farblich abgestimmtem Kinesiologie-Tape besonders verwegen.

Das Mekka der Szene

Das prominenteste Bouldergebiet dieses Planeten sind die Sandsteinblöcke von Fontainebleau in Frankreich. Der bekannteste Einzelbolder heißt Midnight Lightning und befindet sich im Yosemite-Nationalpark (USA). Aber auch Magic Wood in Graubünden bietet enorm viel Fels- und Spaßpotential.

Die größte Boulderhalle Europas dagegen steht in Nordrhein-Westfalen. Hier erstreckt sich die Boulderwelt Dortmund auf unglaubliche 3.250m2. Auf dieser Fläche befinden sich 350 Boulderprobleme in verschiedenen Schwierigkeitsgraden. Zudem wird drei Mal pro Woche umgeschraubt. Langeweile ausgeschlossen.

Auf keinen Fall

Wichtig: Die Klamotten müssen von Underground-Boulderbrands kommen. Jeder, der hier Shorts von Adidas, Under Armour oder Nike trägt, disqualifiziert sich auf den ersten Blick als Amateur. Väter, die mit der Brut auf den Matten toben und Fangen spielen, kreieren damit nicht nur tolle Erinnerungen beim Nachwuchs, sondern auch ein maximales Aggressionspotential bei allen, die in der selben Zeit an der Wand hängen. Eben jene ringen dann nicht nur mit dem nächsten Griff, sondern zugleich mit der Panik, beim Abrutschen eines der spielenden Kids zu verletzen. Das dritte No-Go ist Chalk auf Sandstein. Der feine Staub setzt die Poren des Steins schnell zu und reduziert den Grip auf Null, was die Geschichte für alle Nachfolgenden eine gute Ecke komplizierter macht.

Helden

Als einer der ersten ließ der Franzose Pierre Allain sein Seil daheim. John Gill nutzte das Bouldern etliche Jahre später ebenfalls zu Trainingszwecken, allerdings nicht für große Kletterrouten sondern fürs Ringeturnen. Mit Gill kamen auch turnerische Elemente sowie die Dynamik ins Bouldern. Etwa zur selben Zeit bereitete sich Wolfgang Fietz in der Fränkischen Schweiz an kleinen Felsen auf große Touren vor. Die spektakulärsten Wettkampfstatistiken beim Bouldern liefert der Tscheche Adam Ondra. Bei den Frauen geben vor allem Alizée Dufraisse und Ashima Shiraishi den Ton an. Doch ab dem 24. Juli 2020 werden die Karten neu gemischt. Dann nämlich findet zum ersten Mal ein Boulderwettbewerb bei Olympia statt.

Wichtiges Smalltalk-Wissen

Vor gut einem Jahr gelang Charles Albert die Erstbegehung von „No Kpote only“ in Fontainebleau. Seine Bewertung: 9a. Bisher gibt es weltweit nur einen Boulder, der mit diesem Schwierigkeitsgrad bewertet wurde. Der Japaner Ryohei Kameyama, der „No Kpote only“ bisher als einziger wiederholt hat, schlägt zwar die Bewertung 8c/9a vor, aber diese Geschichte hat noch einen anderen spannenden Aspekt: Charles Albert war bei seiner Begehung barfuß unterwegs. Wer das auch mal ausprobieren will, sollte sich dafür aber keine Halle aussuchen.

Bouldern eignet sich perfekt für alle, die…

… gern klettern wollen, aber gut auf den gesamten Nordwand-Heroismus verzichten können. Leute mit einem dichten Terminkalender haben in der Halle die Möglichkeit, in kurzer Zeit an ihre Grenzen zu gehen und ihr Niveau effizient zu steigern. Einsteiger lernen in einer risikoarmen Umgebung einfach die wichtigsten Techniken und feiern schnell erste Erfolge. Kinder dagegen lassen sich mit viel Spaß lange beschäftigen, während sie gleichzeitig Kraft und Koordination trainieren, ohne es zu merken.

Kurz: Durch den einfachen Zugang und die verschiedenen Schwierigkeitsgrade eignet sich Bouldern eigentlich für jeden.

Vielleicht auch für dich. Oder warst du schon beim Bouldern? Schreib mal!

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